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Friedensgebet für die Ukraine

«Für die Männer, die in den Krieg geschickt werden. Und jene, die um sie bangen»

von Noemi Harnickell
min
24.02.2024
Am 24. Februar jährte sich der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine zum zweiten Mal. In der Offenen Kirche Elisabethen in Basel gedachten Hunderte den Betroffenen in einem Friedensgebet – und mit einem Rockkonzert ukrainischer Künstler, das Mut machte.

Es beginnt mit dem leisen Ton einer Violine. Die Melodie flattert durch den hohen Kirchenraum und nistet sich sanft in jede Ecke und Nische ein. Jeder Ton hat etwas von einem hoffnungsbringenden Schmetterling. Dann mischt sich eine Stimme in die Geigenklänge, Schlagzeug und Gitarre kommen dazu, dann ein Akkordeon. Und auf einmal ist dieser leise, schmetterlingszarte Ton nicht mehr allein. Auf einmal vibriert der Boden. Auf einmal beginnen Menschen zu tanzen.

Am Samstagabend verwandelte die В'язанка-Band die Offene Kirche Elisabethen in eine bebende Konzerthalle. Das sechsköpfige Ensemble aus der Ukraine verbindet Popmusik mit Folkelementen. Ihre Texte sprechen von der Sehnsucht nach einer freien Ukraine und von der Hoffnung auf eine friedliche Zukunft. «Der rote Schneeballstrauch ist auf der Wiese umgeknickt», heisst es in einem Lied. «Warum ist unsere glorreiche Ukraine so traurig? Wir werden diesen roten Schneeballstrauch aufrichten. Wir werden unsere ruhmreiche Ukraine aufmuntern!»

 

 

Eine halbierte Seele

Die Menschen bräuchten dieses Konzert, meint Daniel Frei, Leiter des Pfarramts für weltweite Kirche. Dem Konzert ging ein aufwühlendes Friedensgebet voraus, in dem zwischen Taizé-Gesängen auf Ukrainisch und Deutsch über die Lage in der Ukraine gesprochen wurde. Viele der anwesenden Ukrainerinnen und Ukrainer haben Menschen im Krieg verloren.

Das Friedensgebet in der Offenen Kirche Elisabethen ist ein ökumenisches Projekt, das christliche Netzwerke aus den Gemeinden in Basel und dem Baselbiet zusammenbringt. Im Organisationskomitee sind alle christlichen Konfessionen vertreten. Der Anlass wurde von einem ökumenischen Team der Landeskirchen beider Basel unter Mitwirkung der ukrainischen Community vorbereitet.

Bist du okay? In Wirklichkeit heisst diese Frage: ‹Lebst du noch?›

«Können Sie sich vorstellen, zwei Seelen zu haben?», fragt die ukrainische Musikerin Halena Simon an die volle Kirche gewandt. «Oder eine, die halbiert ist? Beide Hälften können lachen, singen – und brennen.» Sie spricht von der Gleichzeitigkeit der Gefühle. Von der Hoffnung und der Verzweiflung. Von der Frage, die sie jeden Tag ihren Verwandten und Freunde in der Ukraine stellt: «Bist du okay? In Wirklichkeit heisst diese Frage: ‹Lebst du noch?›»

Ein Gebet fĂĽr die Bangenden

Am 24. Februar 2022 fielen russische Truppen in die Ukraine ein. Seither führt Russland einen Angriffskrieg, der nach Angaben der Vereinten Nationen mindestens 10’000 ukrainische Zivilisten das Leben gekostet hat. US-Behörden vermuten, dass bereits rund 70’000 ukrainische und 120’000 russische Soldaten im Krieg gestorben sind. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj gibt sich am Samstag bei einer Gedenkveranstaltung auf dem Kiewer Militärflugplatz Hostomel optimistisch. Die Ukraine werde siegen, sagte er. «Jeder normale Mensch will, dass der Krieg endet.»

Die Fürbitten in der Elisabethenkirche bestärkten diesen Wunsch auf Deutsch und Ukrainisch. Für Frieden. Für Kraft. Für Hoffnung. «Für die Männer, die in den Krieg geschickt werden», hiess es an einer Stelle. «Und jene, die um sie bangen.»

Das Friedensgebet ist vor allem für die Bangenden. In der gelb-blau beleuchteten Kirche sollen die Menschen Trost finden. Immer wieder fasst Daniel Frei weinende Menschen sanft an den Schultern, umarmt sie und hält sie. In der Ohnmacht sollen die Menschen hier wieder zur Kraft kommen.

Wir dürfen nie vergessen, dass ihr auch unsere Freiheit, unsere Demokratie verteidigt.

Alles ist vebunden

Von dieser Ohnmacht angesichts des anhaltenden Krieges sprach die Baselbieter Ständerätin Maya Graf in ihrem Grusswort. Aber sie sprach auch von der Kraft der Gemeinschaft, von Resilienz und von der Fähigkeit, die inneren Kräfte auf das Machbare auszurichten. «Jedes Geschöpf ist mit dem anderen verbunden», sagte sie. «Jedes Wesen wird von einem anderen getragen. Wir sind nie alleine und wir lassen auch die Menschen, die uns brauchen, nicht allein.» An die anwesenden Ukrainerinnen und Ukrainer gewandt, betonte Graf zum Ende: «Wir dürfen nie vergessen, dass ihr auch unsere Freiheit, unsere Demokratie verteidigt.»

Dieses Gefühl der Gemeinschaft wird noch bestärkt, als die В'язанка-Band im Anschluss an das Gebet auftritt. Die leisen Klänge, die lauter und lauter werden, bis man den Bass unter den Füssen vibrieren spürt. Die Menschen, die ihre Ukraine-Fahnen schwenken, die tanzenden Füsse, die Gesichter, die lachen und gleichzeitig weinen. Die Trauer und die Hoffnung, die nebeneinander existieren.

 

«Sei nicht traurig, roter Schneeballstrauch, du hast weisse Blüten.

Sei nicht traurig, glorreiche Ukraine, du hast ein freies Volk.

Wir werden diesen roten Schneeballstrauch aufrichten,

wir werden unsere glorreiche Ukraine glücklich machen!»

 

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