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Geld, Gier und Glaube

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01.01.2016
Religiöse Dimensionen der Ökonomie. Banken- und Wirtschaftskrise zeigen, wie wichtig Vertrauen und Glauben in der Wirtschaft sind. Sind die Ökonomen eine Glaubensgemeinschaft?

Wer sich mit der Finanzwelt beschäftigt, stellt bald fest, wie viel Religion und Ökonomie gemeinsam haben. Und ist nicht die Finanzkrise letztlich eine Glaubenskrise?

«Gläubige, Schulden, Erlös und Vertrauen». Wer glaubt, da doziere ein Theologe über den christlichen Glauben, der irrt. Auch die Ökonomie bedient sich dieser Bezeichnungen. Für etliche Philosophen, Soziologen, Ethiker und Ökonomen zeigen Weltwirtschaft und Christentum Analogien, die frappierend sind. Schon allein der US-Dollar, auf dem die Erklärung «In God we trust» steht, liefert dazu einen bildlichen Beweis.
«Wer deckt (noch) die Deckung?» lautete der Titel einer Tagung in Basel, zu der das Zentrum für Religion, Wirtschaft und Politik sowie das Collegium Helveticum eingeladen hatten. An der Veranstaltung zeigte der Germanist Jochen Hörisch das Religiöse in der Finanzwelt: So wie der Gläubige darauf baut, dass er einst erlöst wird, glaubt man an das Versprechen des Geldes, dass es sich jederzeit in Ware umsetzen lasse. «Die Idee des Geldes ist quantitativ und zeitlich unendlich wie die Idee Gottes.» Was man in der Vergangenheit verdiente, lässt sich in der Gegenwart vermehren und in der Zukunft ausgeben. «Selbst, wenn man längst unter der Erde ist.»
Ohne Glauben und Vertrauen gäbe es kein Wirtschaften, meinte Hörisch. Statt Gott stehe der allmächtige Markt: Banken fungierten als Tempel. Und Spitzenbanker umgebe eine beinahe priesterliche Aura, da sie die Magie der Geldvermehrung beherrschen. Wie die Hostie vermittelt das Geld das Heil in eine künftige Welt. «Wenn dann der Glaube und das Vertrauen in den Markt schwindet, brechen Wirtschaften ein, analog zu religiöser Gemeinschaft», so Jochen Hörisch. «Genau das erleben wir zur Zeit.»

«Wer das Geld liebt, bekommt davon nie genug»
Judentum, Christentum und später der Islam standen dem Geld skeptisch gegenüber. «Fällt euch Reichtum zu, hängt das Herz nicht daran», warnt Psalm 62,11. Und «wer das Geld liebt, bekommt vom Geld nie genug», folgerte der Prediger (Prediger 5,9) im Alten Testament. Dies, obwohl die Entstehung des Geldes teils sakralen Ursprung hat. Um den steigenden Opferdienst am Tempel durchführen zu können, rechneten die Priester die Tiere in Währungen um. Die ersten Märkte entstanden in den Vorhöfen der Tempel.
Im Neuen Testament setzt Christus die geldkritische Tradition des Judentums fort. Er jagt die Händler aus dem Tempel und erklärt mit den Worten «Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist und Gott, was Gott ist.», dass, wer dem Mammon angehört, nicht auch Gott gehören kann.
Die spätere Kirche verbietet 325 im Konzil von Nicaea das Zinsnehmen. Im 9. Jahrhundert dehnt Karl der Grosse dieses Verbot auf alle Reichsbewohner aus. Wer im Mittelalter Geld verleiht und Zinsen eintreibt, begeht eine Todsünde und wird bestraft.
Gegen Ende des Mittelalters umgehen christliche Banker und Händler das Zinsverbot mit Schlichen und grosszügigen Spenden an die Geistlichkeit. Die Bankhäuser der Welser, Fugger oder Medicis machen Weltgeschichte. Mit ihren Krediten kaufen sich weltliche und geistliche Fürsten durch Bestechung ihre Ämter.
Geld spielt auch bei der Reformation eine entscheidende Rolle. Martin Luther moniert, dass im Ablasshandel das Seelenheil gegen klingende Münzen aufgewogen wird. Seine Kritik führt zu einer der grössten Kirchenspaltungen im Christentum. Auf der anderen Seite ebnete sein Genfer Kollege Jean Calvin mit seiner Lehre Vorsehung Gottes und dem calvinistischen Lebensstil dem Kapitalismus den Weg. Einen bescheidenen Zins zu nehmen war den Protestanten ab nun erlaubt.

Koketterie mit dem Teufel
In der Basler Tagung griff der St. Gal­ler ­Wirtschaftswissenschaftler Hans-Christoph Binswanger das Bild der Glaubensgemeinschaft Ökonomen auf. Nur wisse diese Zunft nicht, auf welche Dogmatik sie baue. Der «Homo ökonomikus» lasse sich durch vernünftige Weise durch seinen Egoismus leiten. Wenn der einzelne nach seinem Wohl strebe, komme dies der gesamten Gesellschaft zu gute, so das Credo des Kapitalismus. «Es ist, als würde der Markt von einer unsichtbaren Hand geleitet», schrieb der Philosoph Adam Smith. Mit seinen Werken begründete er die kapitalistische Wirtschaft.
Binswanger zeigte, dass dies nicht aufgeht. «Die Wirtschaft kennt diese unsichtbare Hand nicht: Das ist eine reine Fiktion.» Adam Smith habe sich weltanschaulich bei der Stoa angelehnt. Diese antike Philosophie vertraut darauf, dass es eine lenkende Weltvernunft und Gottheit gebe, so dass sich aus dem Schlechtem zuletzt Gutes ergibt. «Das Gute wird aus dem Bösen geschaffen, glauben die Stoiker und heutigen Ökonomen», meint Binswanger. So wie es Goethe in der Gestalt des Teufels ausdrückt. «Ich bin ein Teil von jener Kraft, die je das Böse will und doch das Gute schafft.» Die Wirtschaft habe vergessen, dass sie mit dem Bösen kokettiert. Für Binswanger ist deshalb der «Homo Ökonomicus» gescheitert. «Die Ökonomie braucht Ethik.» Da seien die Theologen gefragt, die Hemmungen hätten, sich zu Wirtschaftfragen zu äussern. «Doch es geht um Glaubensfragen, deshalb sind Theologen nicht nur dazu berechtigt, sondern verpflichtet.»

Tilmann Zuber

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