Getragen von Klang und Glauben
Heilkraft In einer Altbauwohnung in der Schaffhauser Vordergasse 37 liegt ein Ort, an dem Zeit langsamer zu werden scheint. Gedämpftes Licht, warme Farben, Regale voller Instrumente – Trommeln, Klangschalen, Saiteninstrumente. In der Mitte des Raumes steht das Herzstück der Praxis: eine Klangliege. «Sie ist mein wertvollstes Instrument», sagt die Musiktherapeutin Verena Barbera leise. «Weil sie Menschen berührt – dort, wo Worte oft nicht mehr hinkommen.»
Heilung von Traumata, Depressionen und Ängsten
Seit über sechs Jahren arbeitet sie selbstständig als Musiktherapeutin. Zu ihr kommen Menschen mit Depressionen, Angststörungen, Burnout, Traumata, aber auch Kinder, Jugendliche, Menschen mit Demenz oder Patientinnen und Patienten am Lebensende. Musik ist dabei kein Schmuck, kein Hintergrund. Sie ist Sprache.
«Mit Musik können sich innere Barrieren lösen – Gedankenmuster, Sorgen, seelische Knoten», erklärt sie. «Manches ist einfach zu komplex oder zu schmerzhaft, um es auszusprechen.» Die Klangliege wirkt über Vibrationen, die tief in den Körper gehen. «Wir bestehen grösstenteils aus Wasser», sagt die 33-Jährige. «Die Schwingungen bewegen dieses Wasser ganz sanft. Wie eine Massage von innen.»
Erinnerungen, Gefühle, manchmal auch körperliche Empfindungen werden wach. «Manche spüren es im ganzen Körper, andere nur in einer Hand oder im Becken. Jeder Mensch reagiert anders.»
Gott war da
Besonders eindrücklich sind die Begegnungen auf der Palliativstation. Dort begleitet Verena Barbera sterbende Menschen und ihre Angehörigen. «Ich erlebe immer wieder, wie durch die Musik eine tiefe Ruhe einkehrt», erzählt sie. «Eine Art Frieden. Ordnung. Als würde etwas Schweres losgelassen.» Oft genügen wenige Minuten. «Die Atmung wird ruhiger, die Unruhe weicht. Das ist jedes Mal zutiefst bewegend.»
Ein Erlebnis hat sich ihr besonders eingeprägt: Eine krebskranke Patientin, die sich selbst als Atheistin bezeichnete, lag auf der Klangliege. Während Verena Barbera spielte und sang, hatte sie plötzlich ein starkes inneres Bild. «Ich hatte den Eindruck, Jesus steht neben mir. Eine Hand auf meiner Schulter, die andere auf der Schulter der Patientin.» Sie zweifelte, spielte weiter, blieb bei der Musik. Die Patientin begann zu weinen. Nach der Sitzung setzte sie sich auf, weinte und lächelte zugleich – und sagte: «Ich glaube, mich hat gerade der Himmel berührt.» Für die Therapeutin war dieser Moment zutiefst persönlich. «Das war wie ein heiliges Geheimnis», sagt sie. «Ich konnte nichts erklären, nichts benennen. Aber ich wusste: Gott war da.» Solche Erfahrungen prägen auch ihre eigene Spiritualität. «Ich bin gläubig, aber nicht religiös», sagt sie. «Ich habe eine lebendige Beziehung zu Gott. Und ohne ihn würde ich nicht dort stehen, wo ich heute bin.»
Über ihren Glauben spricht sie in der Therapie nur, wenn sie gefragt wird. Ethik und Professionalität stehen für sie an erster Stelle. Und doch ist der Glaube für sie eine tragende Kraft. «Zu wissen, dass da ein Gott ist, der mein Leben kennt, meine Fragen, meine Zukunft – das gibt mir Halt. Auch wenn ich nicht immer verstehe, was gerade passiert.»
Vielleicht ist es genau diese innere Haltung, die ihre Arbeit so besonders macht: ein offenes Ohr, eine wache Präsenz – und die leise Gewissheit, dass Heilung mehr ist als Technik. Manchmal beginnt sie dort, wo Klänge den Raum füllen. Und manchmal dort, wo Gott selbst leise anwesend ist.
Getragen von Klang und Glauben