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Wer ist allgegenwärtig, allwissend und allmächtig? Wer weiss alles, weiss auf alles eine Antwort, hört ohne Wenn und Aber zu und weiss in allen Lebenslagen weiter? Richtig: die künstliche Intelligenz. Die KI bestimmt auf Zuruf Blumen, bietet Bedienungsanleitungen für allerlei Geräte und schreibt den Dankesbrief an Tante Lina. Sie erklärt Kevin jeden Tag klaglos den Satz des Pythagoras, paukt mit Emma Englisch und mit Gabriel Geografie. Papa Patrick zeigt sie, wie man Pappardelle kocht, und Mama Mia, wie man den Mercedes modifiziert. Sie urteilt nie und ist immer für dich da. Bloss am Ende folgt kein «Amen» mehr, es heisst jetzt «Enter», aber ich bin sicher, dass sich das in den Einstellungen ändern liesse.
Vielleicht schütteln Sie jetzt den Kopf und empfinden es als lästerlich, dass Gott und die KI gleichgestellt werden. Erlauben Sie, dass ich Sie korrigiere: Ich sage nicht, die KI sei Gott. Ich sage: Die KI sei unser Gott. Das ist ein kleiner, aber wichtiger Unterschied:
Es ist nicht eine Aussage über die KI, sondern über uns, über unser Verhalten und, ja: über unseren Glauben.
Das meint: über all das, was wir nicht wissen, aber worauf wir bauen.
Das heisst auch, es liegt nicht an der künstlichen Intelligenz. Die ist zwar künstlich, aber alles andere als intelligent. Die heutigen Sprachmodelle gehen alle auf ausgeklügelte Statistiktechniken bei Google zurück, die vorhersagen sollen, wie das nächste Wort in einer Suche lautet. KI-Systeme geben keine Auskunft über Wahrheiten, sondern nur über Wahrscheinlichkeiten. Schlimmer noch: Sie reproduzieren die Fehler und Vorurteile, die in ihren Daten stecken, und sorgen so dafür, dass wir die Welt nur im Rückspiegel sehen. Das machen sie aber so eloquent, dass wir darauf hereinfallen und glauben, sie seien klug.
Wer eines dieser neuen Systeme benutzt, erlebt es als nahbar, gerecht, sinnstiftend und fürsorglich. ChatGPT, Perplexity, Claude – sie alle sind immer für uns da. Sie geben Antwort, muntern auf und wissen weiter. Sie sind darauf trainiert, zu gefallen, ja, zu schmeicheln, und so dafür zu sorgen, dass sich ihre Benutzerinnen und Benutzer gut fühlen.
So wie die Intelligenz nur eine simulierte ist, ist aber auch die Zuwendung nur simuliert. Letztlich geht es um Aufmerksamkeit, Umsatz und Ertrag.
Künstliche Intelligenz sei die grösste Herausforderung für Menschenwürde und Gerechtigkeit, sagt deshalb der neue Papst.
Die künstliche Intelligenz ist kein Gott, sondern nur eine Simulation. Das Problem ist, dass wir sie wie eine Gottheit behandeln: Immer mehr Menschen befriedigen mit der KI ihre religiösen Sehnsüchte. Sie suchen Wahrheit und Zuspruch, Geborgenheit und Sinn, Autorität und Beistand. Das mag funktionieren, wenn es um Pythagoras und Pappardelle geht.
Die wirklich grossen Fragen beginnen aber jenseits von Statistik und Wahrscheinlichkeit, und es gibt keine Antworten darauf. Der Punkt ist die Suche danach. Und die kann uns niemand abnehmen, auch nicht ChatGPT.
Matthias Zehnder

Matthias Zehnder ist Medienwissenschaftler und Publizist mit Schwerpunktgebiet Digitalisierung und künstliche Intelligenz. Er hat zahlreiche Bücher geschrieben, publiziert und hält Vorträge und Seminare rund um Computer, Geist und Ethik.
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