Glaube im Abonnement
Es war 1909, als im Kanton Baselland das erste «Kirchenblättli» erschien. Auf dem Titelblatt: eine idyllische Dorfkirche im Morgenlicht. Der Gedanke dahinter war schlicht. Wer nicht mehr in den Gottesdienst kam – die Kranken, die Alten, die Schwachen –, sollte wenigstens im Briefkasten noch etwas von seiner Kirche hören.
Heute, über ein Jahrhundert später, ist aus diesem Notbehelf ein Millionenunternehmen geworden. Und die Situation hat sich umgekehrt: Nicht mehr die Betagten sind die Zielgruppe, sondern alle reformierten Kirchenmitglieder der Deutschschweiz – auch die kirchenfernen.
Das Blatt im Krieg
Als 1927 der Evangelische Pressedienst gegründet wurde, ahnte kaum jemand, wie wichtig diese Nachrichtenquelle werden sollte. Er publizierte Meldungen aus den Schweizer Kirchen, aus dem Ausland oder der Mission.
Im Zweiten Weltkrieg nahm die Bedeutung des Evangelischen Pressedienstes zu: Während die offizielle Schweiz mehr oder weniger schwieg, berichtete der Pressedienst über die Gleichschaltung der deutschen Kirchen, die Verbrechen des NS-Regimes oder die Übergriffe auf die Juden. Die reformierten Kirchenzeitungen griffen diese Berichte auf und kamen in Konflikt mit den Behörden. Der Kirchenjournalismus wurde Teil der geistigen Landesverteidigung.
Der 68er-Aufbruch brachte den gesellschaftlichen Wandel: freiere Sexualethik, neues Familienbild, Atomkraft, Vietnam, Militärdienstverweigerung. Plötzlich lagen diese Themen auf den Schreibtischen der Redaktoren und wenigen Redaktorinnen. Unter der Führung des Zürchers Hans Heinrich Brunner verwandelten sich die Kirchenblätter in Forumszeitungen und wurden zum hitzigen Spiegel einer aufgewühlten Gesellschaft.
Feministische Beiträge von Pfarrerin Gina Schibler und Susanne Kramer wie ein weiblich formuliertes Vaterunser liessen die reformierte Volksseele hochkochen. Und als der Basler Chefredaktor Ernst-Ulrich Katzenstein eine künstlerische Interpretation der Auferstehung veröffentlichte, der Form eines Spiegeleis ähnelnd, war der Skandal perfekt.
Seit der Jahrtausendwende ist es ruhiger geworden. Die grossen ideologischen Schlachten der Gesellschaft sind ausgefochten. Geblieben ist ein nüchterner Befund: Die Kirche verliert Mitglieder und damit auch Finanzen.

> Zum Artikel: «Keine Kanzel, aber gute Geschichten»
Tilmann Zuber hat den «Kirchenboten» über zwei Jahrzehnte als Chefredaktor geprägt. Am Ende seiner Karriere ist er überzeugt: Wer die Menschen heute erreichen will, muss mit ihnen über ihre Sehnsucht sprechen.
Zusammenschluss
Die Redaktion setzte auf Konsolidierung. Der vom interkantonalen «Kirchenboten» eingeschlagene Kurs bewährte sich: Druckverträge wurden zentralisiert und der Gewinn in journalistische Qualität und Kantonalredaktionen investiert. Zum «Kirchenboten» haben sich heute neun Kantonalkirchen zusammengeschlossen, zum Projekt «reformiert.» vier Kantonalkirchen. Parallel dazu entstanden Websites, Newsletter, Social-Media-Kanäle. Die Kirche im Briefkasten wurde zur Kirche im Feed.
Und doch: Das gedruckte Heft ist noch immer das Herzstück. Es landet – anders als eine E-Mail – im Briefkasten. Es schafft Sichtbarkeit auch bei denjenigen, die längst nicht mehr kommen. Umfragen zeigen, dass rund 70 Prozent der Mitglieder das Blatt zumindest durchblättern. Für viele ist es die einzige verbliebene Verbindung zu ihrer Kirche. Sie ist in gewissem Sinne das ursprüngliche Versprechen von 1909 – nur radikal ausgedehnt.
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