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«Grüne Revolution» treibt Kleinbauern in den Ruin

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09.03.2020
Saatgut-Monopole verdrängen traditionelles Saatgut und sorgen für einen Einheitsbrei auf dem Speisezettel. Mercia Andrews, Kampagnengast von «Fastenopfer» und «Brot für alle», klärt derzeit in Schulen und Kirchgemeinden auf.

Am Eingang zum GrossraumbĂŒro des Hilfswerks «Fastenopfer» hĂ€ngt das Plakat mit einer jungen afrikanischen Frau mit Dreadlocks. Darunter findet sich die Aufschrift «Gemeinsam fĂŒr starke Frauen». Das könnte auch das Lebensmotto von Mercia Andrews sein, die seit vielen Jahren fĂŒr «Fastenopfer» BĂ€uerinnen im sĂŒdlichen Afrika in zehn verschiedenen LĂ€ndern organisiert. Eines ist ihr dabei besonders wichtig: Saatgut soll weiterhin in den HĂ€nden der Bauern und BĂ€uerinnen verbleiben. Denn ZĂŒchtungen mit traditionellem Saatgut könnten weit besser an die neuen Umweltbedingungen in Zeiten des Klimawandels angepasst werden, als das kommerzielle Einheits-Saatgut der Agrarkonzerne.

Am Morgen hat Mercia Andrews eine Schule besucht. Und die SchĂŒlerinnen und SchĂŒler wollten es genau wissen, warum der Aktivistin aus SĂŒdafrika ein Schweizer Konzern wie Syngenta ein Dorn im Auge ist. «Ich habe ihnen erklĂ€rt, dass sie sich auch nicht jeden Tag alle die gleichen Kleider anziehen wollen.» Aber je mehr die Saatgutkonzerne bestimmen, welche Sorten weltweit ausgesĂ€t wĂŒrden, desto mehr stĂŒnde bald nur noch Einheitsbrei auf unseren Speisezetteln. Um 70 Prozent sei die Samenvielfalt in den vergangenen Jahrzehnten geschrumpft. Sorten, die oft ĂŒber Tausende von Jahren gepflegt wurden, sind verschwunden.

Kleinbauern in der Schuldenfalle
Dabei geht es um mehr, als um den Verlust von Geschmacksvielfalt. «Die Monopolisierung ist fĂŒr BĂ€uerinnen und Bauern gefĂ€hrlich, weil sie dies in grosse finanzielle AbhĂ€ngigkeit zu den Agrarkonzernen bringt.» Andrews erlĂ€utert, dass die angeblich so ertragreichen Sorten hybrid seien. Das heisst, dass sie nach der ersten Ernte nicht vermehrbar sind, sondern immer wieder von Neuem gekauft werden mĂŒssen. Wenn die Ernte durch Trockenheit oder Überschwemmung vernichtet wird, mĂŒssen sich die BĂ€uerinnen und Bauern verschulden, um neues Saatgut zu kaufen.

Warum aber hat sich in den letzten Jahren die Verbreitung von genetisch verĂ€ndertem Saatgut auch in Afrika so stark ausbreiten können? Aggressives Marketing nennt Andrews als einen der Faktoren und ergĂ€nzt: «Der Klimawandel ist fĂŒr die Lobbyisten ein TĂŒröffner, um von Neuem eine grĂŒne Revolution zu propagieren.» Hinzu gesellt sich der reichste Mann der Welt, Bill Gates, als angeblich menschenfreundlicher Gabengeber. Über die Bill-und Melinda-Gates-Stiftung wĂŒrde viel gentechnisch verĂ€ndertes Saatgut an die bĂ€uerlichen Gemeinschaften Afrikas verschenkt und damit der Boden fĂŒr die «grĂŒne Revolution» bereitet.

Suizid mit Pestizid
Zur Erinnerung: Auf die grĂŒne Revolution setzte auch Indien bei den grossen Hungersnöten in den 1950er und 1960er Jahren. Im grossen Stil wurde die indische Landwirtschaft umgemodelt. Zuerst war das Ergebnis durchaus positiv. Heute aber zeigt sich, dass damit kaum eine nachhaltige Entwicklung angestossen wurde. ErtragsrĂŒckgĂ€nge, auslaugte Böden und sinkende Grundwasserspiegel zeigen die Grenzen der grĂŒnen Revolution auf. Auch dass viele Bauern im Punjab, der Reiskammer Indiens, nach ihrem Bankrott Suizid mit Spritzmittel begingen, sorgte fĂŒr Negativschlagzeilen.

Noch andere Akteurinnen macht Andrews aus, die versuchen, die traditionellen Saatgutbanken mit ihrem ausgeklĂŒgelten Tauschsystem zu verdrĂ€ngen: die Regierungen selbst. Sie haben Agraringenieure der Saatgut-Multis wie Monsanto/Bayer, Syngenta und Dupont/Dow, die zusammen mehr als die HĂ€lfte des globalen Saatguthandels beherrschen, als Berater in die Landwirtschaftsministerien geholt. FĂŒr die Technokraten in vielen Regierungen Afrikas gilt deshalb die «grĂŒne Revolution» wieder als Zauberwort, um die ErnĂ€hrungssouverĂ€nitĂ€t in ihren LĂ€ndern herzustellen. «Sie flĂŒstern den Ministern ein, dass beispielsweise gentechnisch verĂ€nderter Mais resistent gegen die Trockenheit sei», umschreibt Andrews die VerfĂŒhrungskĂŒnste der Agrarkonzern-Lobby. Andrews, die bĂ€uerliche Frauennetzwerke im sĂŒdlichen Afrika berĂ€t, ist dagegen davon ĂŒberzeugt, dass gerade das ZĂŒchten mit lokalen Samen hilft, sich auf die neuen Umweltbedingungen des Klimawandels anzupassen. «Da ist ein Jahrhunderte altes Wissen da», erklĂ€rt Andrews. Mit Kreuzungen verschiedener Sorten könnte man selbst die Pflanzen auf zunehmende DĂŒrre hin optimieren.

Samen tauschen verboten
In vielen afrikanischen LĂ€ndern erschweren auch neue Gesetze das Funktionieren der traditionellen Saatgutbanken. «Wir dĂŒrfen beispielsweise nicht Samen ĂŒber LĂ€ndergrenzen hinweg austauschen», empört sich Andrews. Im Volksmund nennt man die drakonischen Bestimmungen «Monsanto-Gesetze». In den Gesetzen sind noch andere Mechanismen eingebaut, die die GeschĂ€fte der Saatgut-Multis schĂŒtzen. Wer beispielsweise Samen aus der Ernte ein zweites Mal verwendet oder im Umlauf setzt, wird bestraft. So wurde ein Bauer in Tansania zu zwölfjĂ€hriger Haft verurteilt, weil er mit patentiertem Saatgut gehandelt hat. Eine harte Strafe, vor allem, wenn man bedenkt, dass die aus dem Hybrid-Saatgut gewonnenen Samen bei ihrer zweiten Aussaat sehr geringe ErnteertrĂ€ge bringen.

Das Patentieren von Saatgut ist eines der Themen, die «Brot fĂŒr alle» und «Fastenopfer» mit ihrer Kampagne ins öffentliche Bewusstsein tragen wollen. Denn die kirchlichen Hilfswerke wie auch viele Umweltorganisationen finden es stossend, wenn Leben unter den Patentschutz gestellt wird. Merica Andrews unterstreicht dies mit einem Bild: «Die Samen sind die Grundlage allen Lebens. Aus ihnen entspringt selbst der Mensch.»

Delf Bucher, reformiert.info, 9. MĂ€rz 2020

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