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Johann Peter Hebel

Hebel hat noch nicht das letzte Wort gesprochen

von Noemi Harnickell
min
20.04.2026
Eine Klanginstallation auf dem Peterskirchplatz in Basel lässt den Theologen und Dichter Johann Peter Hebel sprechen. Was hat einer, der vor 200 Jahren gestorben ist, heute noch zu sagen? 

Johann Peter Hebel könnte der berühmteste Basler aller Zeiten sein. Zumindest, wenn man seinen Einfluss auf Popkultur betrachtet. Vielleicht waren Sie ja auch schon mal an einem Match des FC Basel und haben aus voller Kehle mitgesungen: «Z’Basel an mym Rhy – Jo, dert möcht i sy!» Gewiss hätte sich der Dichter dieses Lieds 1806 nicht erträumt, dass es über 200 Jahre später in Fussballstadien aus voller Kehle gegrölt würde.

So ist es vielleicht auch nicht überraschend, dass am 15. April rund 200 Leute bei der Einweihung der Installation «Hebel spricht!» auf dem Petersplatz in Basel teilnahmen. Zur Feier seines 200. Todestags wurde die Büste des Schriftstellers mithilfe von Tonspuren und Klangtrichtern wieder lebendig gemacht. Bis im November werden schweizweit und in Süddeutschland verschiedene Veranstaltungen organisiert, die Hebels Lebenswerk würdigen.An der Einweihung lasen die Schriftstellerin Rebekka Salm und der Literat Franz Hohler eigene Geschichten, die auf Hebels Werk reagierten. Franz Hohler sagte, er sei mit Johann Peter Hebel aufgewachsen:

 

Hebels Schatzkästleingeschichten haben mich schon in der Schule erheitert und ‹Kannitverstan› oder ‹Das unverhoffte Wiedersehen› haben mich mein Leben lang begleitet.
Franz Hohler las an der Eröffnung der Hebel-Installation. Foto: Joel Samos

Franz Hohler las an der Eröffnung der Hebel-Installation. Foto: Joel Samos

 

Prälat und Geschichtenerzähler

Aber der Reihe nach. Wer war dieser Hebel eigentlich? Johann Peter Hebel wurde 1760 in Basel geboren. Seine Eltern verstarben beide in seiner Kindheit und es war Förderern zu verdanken, dass er das Gymnasium besuchen und ein Theologiestudium abschliessen konnte. Er arbeitete unter anderem als Lehrer und amtete ab 1819 als Prälat der badischen lutherischen Kirche. Als solcher engagierte er sich für die Vereinigung der lutherischen und reformierten Kirche. Heute ist Hebel vor allem als Pionier der alemannischen Mundartliteratur und als Verfasser von Kalendergeschichten bekannt. Letztere wurden in den Kanon deutscher Literatur aufgenommen.

Hebel ist einer, der sich auch heute noch prima auf einem Sockel macht. Er hat uns wirklich noch etwas zu sagen, er ist erstaunlich aktuell und anschlussfähig.

Diesen Mann an die Menschen zu bringen, sei zuweilen pickelhart, sagt Sebastian Mattmüller, Präsident der Basler Hebelstiftung. Im Prozess, Hebel zu erklären, geschehe jedoch etwas «sehr Hebeliges»: «Hebel hatte ein grosses Talent darin, den Leuten in Form von Geschichten Neues zugänglich zu machen. Wenn ich also erklären will, wer Hebel war und warum er heute noch relevant ist, lasse ich ihn mit einer seiner Kurzgeschichten für sich selber sprechen.» Eine von Mattmüllers Lieblingsgeschichten ist «Die Ohrfeige» von 1819, die nur vier Sätze hat: «Ein Büblein klagte seiner Mutter: ‹Der Vater hat mir eine Ohrfeige gegeben.› Der Vater aber kam dazu und sagte: ‹Lügst du wieder? Willst du noch eine?›» Das sei, findet Mattmüller, nicht nur literarisch interessant, sondern auch im Alltag begründet.

Hebel träumt, Hebel provoziert

Um Hebel sprechen zu lassen, musste seine Büste um 180 Grad gedreht werden. Bislang blickte der Dichter auf den Petersgraben, für eine begrenzte Zeit wendet er sein ewig verschmitztes Lächeln nun seiner Taufkirche, St. Peter, zu. Auch der Blick auf das angrenzende Petersschulhaus dürfte ihn freuen: Hier drückte Hebel einst selbst die Schulbank. Dadurch entsteht ein intimer Raum mit hoher Aufenthaltsqualität, erklärt die Kulturvermittlerin Barbara Piatti, die gemeinsam mit dem Gestaltungsbüro Staufenegger + Partner für das Konzept der Klanginstallation verantwortlich ist.

«Wenn unser Publikum auf den Treppenstufen der Kirche sitzt bei den Veranstaltungen, die die Installation begleiten, ist das wie ein Mini-Theater», so Piatti. Sie hat, basierend auf Hebels Originaltexten, 22 Hörstücke geschrieben, in denen der Dichter als Ich-Erzähler erscheint und das Publikum an seinen Gedanken teilhaben lässt. Sie erklingen aus langen Rohren mit trichterförmigen Lautsprechern. «Wir wollten Hebel nicht auf einen Charakter zuschneiden, sondern möglichst viele Seiten von ihm zeigen», sagt Barbara Piatti. «Hebel ist auch mal verliebt, Hebel träumt, Hebel ergreift Partei, Hebel provoziert, Hebel als Pazifist, Hebel als Tieranwalt …»

Ein positiver Blick auf die Menschen

Ist es wirklich nötig, einem weiteren alten, weissen Mann eine Stimme zu geben – 200 Jahre nach dessen Tod? Barbara Piatti hat sich in den letzten anderthalb Jahren ausgiebig mit dieser Frage beschäftigt. «Hebel ist einer, der sich auch heute noch prima auf einem Sockel macht», sagt sie. «Er hat uns wirklich noch etwas zu sagen, er ist erstaunlich aktuell und anschlussfähig. Tatsächlich wäre das nicht bei allen Männern aus dem 19. Jahrhundert so.»

Hebel machte sich seinerzeit Gedanken zum schwierigen Status der Neutralität, plädierte für Empathie mit der jüdischen Gemeinschaft, ja überhaupt für Toleranz gegenüber anderen Religionsgemeinschaften. «Er hatte eine Grundtoleranz für alle Menschen», sagt Mattmüller. «Dabei war er oft auch sehr kritisch, hatte es jedoch nicht nötig, irgendjemanden in die Pfanne zu hauen.» Er hofft, dass Besucherinnen und Besucher diesen wohlwollenden Blick auf die Welt mit nach Hause nehmen: «Die Welt war damals nicht besser als heute. Aber Hebel behielt einen positiven Blick und schaffte es, im Kleinen Grosses zu bewirken.»

 

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