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Psychologie

«Heilung beginnt mit Anerkennung»

von Lydia Lippuner/reformiert.info
min
13.05.2026
Andreas Maercker vereint persönliche Traumaerfahrung mit Wissenschaft. Warum gut gemeinte Worte oft mehr schaden als nützen und Chancen und Grenzen des Peer to Peer Ansatzes.

Wenn Traumatisierte anderen Betroffenen helfen, ist das eine unterschätzte Ressource – oder eine riskante Notlösung?

Dieser, wie man ihn auch nennt, Peer-to-Peer-Ansatz bringt vieles Gute, ist aber nicht die Lösung für alles.

Wann kann er besonders hilfreich sein?

Besonders bewährt ist er in der interkulturellen Psychotraumatologie. Dort sind die Peers der eigenen Kultur oft den von aussen kommenden Helfenden weit überlegen. Diese externen Helfenden können die Peers, die sich als Beraterinnen und Berater zur Verfügung stellen, zwar zu Beginn anleiten, aber dann können die Peers aus der gleichen Kultur oft mehr erreichen. Das gleiche gilt für die Arbeit mit Geflüchteten beispielsweise in Europa.

Warum richten Floskeln im schlimmsten Fall mehr Schaden als Hilfe an?

Es wird allgemein bekannt sein, dass Sätze wie: «Du wirst schon darüber hinweg kommen»; «Orientiere Dich nach vorn» oder «Versuche es zu vergessen» nichts bringen. Subtilere Sätze, mit denen man etwas falsch machen kann, sind «Du brauchst mir nichts zu erzählen, wenn du nicht willst».

Das wirkt wahr und freundlich?

Einerseits ist da etwas dran, denn auch Traumatisierte haben ein Recht auf Schweigen. Andererseits werden vielleicht Signale überhört, dass die Betroffenen, wenn die Beziehung zu den Fragenden stimmt, doch etwas erzählen wollen - sogar unbedingt etwas erzählen wollen. Besonders hilfreich ist es, den Traumabetroffenen die Möglichkeit zu geben, sich zu öffnen. In Therapeutensprache heisst das «Konfrontation» oder «Selbstkonfrontation» – und die ist wirksam. Auch Schuld- und Schamgefühlen sollte Raum gegeben werden und sie auf keinen Fall, «weil sie nicht logisch sind» weggewischt werden.

Weshalb wollen wir besonders bei langanhaltenden Traumata wie jenem des Sudankriegs kaum mehr hinsehen?

Es ist die noch grössere Hoffnungslosigkeit des grösseren Gesamtkontexts, die belastet. Das fängt schon mit Hunger und anderen existenziellen Nöten an und geht bis zur Ignoranz, den die Weltgemeinschaft oder auch eben wir Menschen in anderen Ländern gegenüber dem Leiden der kriegstraumatisierten Sudanesen und Sudanesinnen haben.

Das heisst, wer es in die Schlagzeilen schafft, kann besser mit dem eigenen Trauma umgehen?

Ja, wer zu einer Opfergruppe gehört, die es irgendwie geschafft hat, in den Fokus der allgemeinen Aufmerksamkeit zu kommen, hat eine etwas geringe Traumalast. Dazu kommt im Fall des Sudan, dass kulturangemessene Angebote der Traumatherapie und -beratung äusserst rar sind. Und die wären einfach der beste Weg.

Wie gross ist die Gefahr, dass Helfende selbst zu Opfern werden?

Es ist wichtig, dass sie sich-Aussprechen nach den Selbsthilfe- oder Therapiegruppen, die sie gerade durchgeführt haben. Sie sollten alle möglichen Mittel zur Selbstfürsorge anwenden.

Was wäre das zum Beispiel?

In der Literatur werden Entspannung, Meditation oder – wenn kulturell angemessen – Gebete und das Pflegen von Hobbies beschrieben. Man kann aber auch gärtnern, kochen, etwas lesen – oder auch etwas Angenehmes im Internet ansehen.

 

Andreas Maercker

Der 66-jährige kennt das Trauma aus zwei Perspektiven: der des Betroffenen und der des Wissenschaftlers. Als ehemaliger politischer Häftling erlebte er, was es bedeutet, wenn die äussere Freiheit geraubt wird – als Professor an der Universität Zürich erforschte Maercker über viele Jahre, wie Menschen Traumata verarbeiten.

 

Sie sprachen Gebete an. Inwiefern kann der Glaube Halt und Heilung für Traumata bieten?

Die Psychologie unterscheidet zwischen eigenem Antrieb und der Haltung, dass man etwas macht, weil es sich so gehört. Religiosität hilft nur dann weiter, wenn sie aus eigenem Antrieb erfolgt. Das gilt teilweise auch für Spiritualität. Die Sache ist aber noch komplexer: Es gibt immer wieder Menschen die «ihren Glauben verlieren», wenn sie über lange Zeit mit dem menschlich Bösen konfrontiert sind.

Wann bringt der Glaube in der Krise zum Stolpern?

Ein Risiko ist, wenn der Glaube an Gott oder Geister mit der Idee des Strafens verbunden ist. Dieses Denken ist in traditionellen Kulturen nicht selten. Parallel dazu ist bei Menschen des Globalen Nordens das Phänomen der «bei sich selbst Schuld suchen» sehr ausgeprägt.

Zum Abschluss, was brauchen traumatisierte Geflüchtete, um neu Perspektive zu finden?

Mittelfristig brauchten sie eine persönliche Umwelt, die sie als Traumabetroffene anerkennt und sie durch Unterstützung und richtige Kommunikation wieder aufbauen kann. Was davon nicht in einem Jahr nach den traumatischen Erlebnissen passiert, kann später kaum oder gar nicht wiedergutgemacht werden.

Gibt es etwas was wir alle beitragen können?

Die Anerkennung des Unrechts durch wichtige Gremien und die Gedenkkultur, die die Mehrheitsgesellschaft dazu bringt, den Überlebenden menschliche Achtung entgegenzubringen.

 

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