Holocaust-Gedenktag: Woher kommt der Begriff «Antisemitismus»?
Der «Internationale Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust» (27. Januar) erinnert seit 2005 weltweit an die Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgung sowie an die Opfer anderer Minderheiten. Das Datum bezieht sich auf den 27. Januar 1945, als sowjetische Truppen das Vernichtungslager Auschwitz in Polen befreiten.
Hakenkreuz-Schmierereien, Drohungen gegen Jüdinnen und Juden und Anschläge auf Synagogen: Das ist Ausdruck von Antisemitismus. «Das ist ein erklärungsbedürftiges Wort. Es führt immer wieder zu Missverständnissen», sagt der evangelische Theologe Wolfgang Reinbold.
Der Begriff bezieht sich auf eine Geschichte aus der jüdischen Torah, den fünf Büchern Mose in der Bibel. Sie erzählt von Noah und seinen drei Söhnen Sem, Ham und Jafet. «Noah ist der Urvater der Menschheit nach der großen Flut, der Sintflut. Daher benannten spätere Gelehrte die Ursprachen und die Urvölker der Menschheit nach seinen Söhnen», erklärt Reinbold, der Beauftragter für Interreligiösen Dialog der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers ist. «Unter Semiten verstand man Menschen, die Hebräisch oder Arabisch sprechen, darunter die Juden.»
Vom Sprachbegriff zum Kampfwort
Im 19. Jahrhundert gründete der Journalist Wilhelm Marr einen antijüdischen Verein. «Er nannte ihn vornehm ‹Antisemiten-Liga›, weil er von plumpem Juden- und Rassenhass nichts hielt», sagt Reinbold. Vielmehr habe er klarmachen wollen, dass der Kampf gegen die Juden wohlbegründet sei. «Marr sorgt sich, dass die Juden in der Weltgeschichte triumphieren. Seine Botschaft ist: Wollen wir, die ‹Germanen›, nicht als Sklaven enden, müssen wir uns dem mit aller Kraft entgegenstellen.»
Juden galten nun nicht mehr nur als Menschen mit falschem Glauben und minderwertiger «Rasse», sondern als Volk, das den «Germanen» überlegen ist und die «abendländische Welt» erobert. Dieses Denken trug zum Massenmord der Nationalsozialisten an sechs Millionen Jüdinnen und Juden bei. Es wirkt bis heute in Verschwörungserzählungen und Gewalt gegen jüdische Menschen.
Antisemitismus, Antijudaismus, Antizionismus
Antisemitismus bezeichnet heute Judenhass in allen Formen - religiös, rassistisch, gesellschaftlich oder bezogen auf den jüdischen Staat Israel. Dagegen beschreibt das Wort Antijudaismus religiös motivierte Judenfeindlichkeit: Juden gelten als von Gott verworfenes Volk, als Mörder Jesu Christi und in letzter Konsequenz als «Gottesmörder».
Antizionismus wiederum richtet sich gegen die politische Bewegung für einen jüdischen Staat in Israel. Antisemitisch wird er, wenn Israel als «Weltübel» dämonisiert oder seine Existenz grundsätzlich bestritten wird.
«Das Wort Antisemitismus ist ohne seine Geschichte nicht zu verstehen. Als wissenschaftlicher Begriff ist es im Grunde ungeeignet», sagt Reinbold. Dennoch habe es sich durchgesetzt und sei heute nicht mehr wegzudenken. «In der Sache geht es um Hass auf Juden als Juden. Das heißt: um Hass auf Juden aus dem einzigen Grund, dass sie Juden sind. Meine Erfahrung ist: Das hilft zur Klärung, und es vermeidet Missverständnisse», so Reinbold.
Die Relevanz des Themas zeigt sich in aktuellen Zahlen: Der Bundesverband der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus zählte 2024 gut 8600 antisemitische Vorfälle in Deutschland. Dazu gehören Angriffe, Bedrohungen oder Sachbeschädigungen. Rechnerisch waren das rund 24 Vorfälle am Tag und 77 Prozent mehr als im Jahr davor.
In der Schweiz registrierten der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) und die GRA Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus in ihrem Antisemitismusbericht 2024 insgesamt 221 antisemitische Vorfälle in der realen Welt – 43 Prozent mehr als 2023 und 287 Prozent mehr als 2022. Hinzu kommen rund 1600 Online-Vorfälle. Besonders besorgniserregend: Es gab 11 tätliche Angriffe, darunter ein Messerangriff auf einen jüdischen Mann in Zürich im März 2024, der nur knapp überlebte, und ein versuchter Brandanschlag auf eine Synagoge.
Angesichts dieser Entwicklung mahnt der Holocaust-Gedenktag zur Wachsamkeit gegenüber allen Formen von Judenfeindlichkeit.
Holocaust-Gedenktag: Woher kommt der Begriff «Antisemitismus»?