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Lotti Uehlinger

«Ich habe immer gespürt: Das ist meine Aufgabe»

von Carmen Schirm-Gasser
min
26.02.2026
Seit Jahrzehnten prägt Lotti Uehlinger das kirchliche Leben auf lokaler, kantonaler und nationaler Ebene. Das Engagement der 92-Jährigen wurzelt im Glauben – und in der Überzeugung, dass Kirche von Menschen lebt, die Verantwortung übernehmen.

Wenn sie von ihrem Leben erzählt, tut sie das ohne grosse Worte. Kein Pathos, kein Hervorheben der eigenen Person. Und doch wird schnell deutlich: Dieses Leben ist eng mit der reformierten Kirche verbunden – getragen von Ausdauer, Pflichtbewusstsein und einem tiefen Sinn für Gemeinschaft.

«Ich bin in das kirchliche Leben hineingewachsen», sagt Lotti Uehlinger, 92. Aufgewachsen ist sie in Gächlingen, als Tochter von Bauern. Der Glaube gehörte zum Alltag wie die Arbeit auf dem Bauern­betrieb. «Man war nicht jeden Sonntag in der Kirche, aber der Glaube war da. Ganz normal.» Die Eltern lebten ihren Glauben still, ohne viele Worte. Diese Selbstverständlichkeit prägte sie.

Ausbildung, Hochzeit, Familie und Kirche

Nach der Schule blieb kaum Raum für eigene Träume. Was zählte, war das, was gebraucht wurde: die Arbeit auf dem elterlichen Betrieb. Eine Berufsausbildung war nicht vorgesehen. «So war das damals – man musste mithelfen», sagt sie, rückblickend, ohne Bitterkeit. Später arbeitete sie im Service, verdiente eigenes Geld, kehrte aber immer wieder zurück, um die Familie zu unterstützen. Erwerbsarbeit und Verantwortung für andere gingen selbstverständlich ineinander über – ein Lebensmodell, das viele Frauen ihrer Generationen kennen.

Wir wollten Themen aufnehmen, die Frauen wirklich bewegen – gesellschaftlich und kirchlich.

Erst als ihr Bruder heiratete und den Betrieb übernahm, tat sich ein neuer Horizont auf. Sie begann als Zahnarztgehilfin zuerst in Schaffhausen, später in Zürich zu arbeiten – ein Schritt in ein eigenes Berufsleben. Doch auch diese Phase war nicht von Dauer. Sie lernte ihren späteren Ehemann kennen, bald folgten Hochzeit, der Bau eines Hauses in Neunkirch und die Geburt von zwei Kindern. Mit der Familiengründung endete ihre berufliche Laufbahn. «Das war damals so», sagt sie leise. Und meint damit auch: Es fühlte sich richtig an.

Heute lebt ihre Tochter bei ihr und engagiert sich ebenfalls in der Kirche. Ihr Sohn ist Mitglied der Synode für Thayngen. Ihr Mann war Staatsschreiber des Kantons Schaffhausen, was ihr viele Kontakte und Repräsentationspflichten in der gesamten Schweiz einbrachte. Er verstarb vor zehn Jahren. «Kirche war für uns als Familie immer präsent», sagt sie rückblickend.

Persönliche Kontakte pflegen

Der Einstieg in die kirchliche Frauenarbeit begann unscheinbar – durch eine Nachbarin. «Sie war bei der Evangelischen Frauenhilfe und ging von Haus zu Haus, um die Jahresbeiträge einzuziehen.» Diese Einladung wurde zu einem Wendepunkt. Sie begann, in der Evangelischen Frauenhilfe mitzuarbeiten, Programme zu gestalten und Kontakte zu pflegen. «Mir war der persönliche Kontakt immer wichtig.»

Über viele Jahre war sie selbst von Tür zu Tür unterwegs, um die Jahresbeiträge einzuziehen. «Ich war wahrscheinlich eine der Letzten, bis vor drei Jahren, die das noch so gemacht haben. So konnte ich den Kontakt zu den Mitgliedern pflegen.» Ihr Engagement wuchs stetig: vom kantonalen Vorstand über das Amt der Kantonalpräsidentin bis in den schweizerischen Vorstand. Mehrere Jahre wirkte sie als Vizepräsidentin, später übernahm sie das Präsidium. «Ich habe gespürt: Das ist meine Aufgabe.»

Fünf Jahre lang übte sie dieses Amt aus. Ein besonderes Anliegen waren ihr die Ferienwochen für Frauen sowie die Witwenwochenenden auf kantonaler Ebene. «Diese Wochen waren unglaublich wertvoll», sagt sie. «Da ging es um Gemeinschaft, um Erholung, um Austausch – und auch um Gespräche über biblische Themen.» Für viele Frauen seien diese Angebote eine wichtige Stütze gewesen. «Man konnte reden, zuhören, einfach da sein.» Einige der Kontakte von damals bestehen bis heute.

Neben der organisatorischen Arbeit engagierte sie sich in der Redaktionskommission des «Frauen Forums», der Zeitschrift der Evangelischen Frauenhilfe. «Wir wollten Themen aufnehmen, die Frauen wirklich bewegen – gesellschaftlich und kirchlich.» Der Austausch mit anderen engagierten Frauen war ihr dabei besonders wichtig.

«Der Glaube hilft»

Ihre Zeit als Synodepräsidentin beschreibt sie rückblickend als eine «gute Phase». Die Kirche habe sich damals in einer finanziell stabileren Lage befunden, und der heutige Mangel an Pfarrpersonen sei noch nicht in dieser Dringlichkeit spürbar gewesen. Stattdessen prägten Themen wie Jugend und Kirche sowie gesellschaftliche Veränderungen die Diskussionen. «Diese Gespräche waren wichtig – auch wenn man nicht immer Lösungen hatte.» In seiner Laudatio dankte der Vizepräsident Paul Zuber Lotti Uehlinger für ihre grosse Umsicht und ihre hohe fachliche Kompetenz in der Leitung der Synode. Ihr Charme und ihre wohltuende Art hätten insbesondere bei anspruchsvollen und harzigen Themen wesentlich zum Gelingen der Arbeit beigetragen.

Den Gottesdienst besucht sie bis heute regelmässig. «Der Glaube hilft», sagt sie schlicht, «vor allem dann, wenn man Probleme hat.» Krankheit, Abschiede, das Älterwerden – all das gehöre zum Leben. Der Glaube war für sie nie laut oder aufdringlich, sondern verlässlich. Ihre Motivation: «das Gefühl zu haben, etwas bewegen zu können». Für sie war ihr Engagement nie ein Hobby, sondern eine Aufgabe. Wenn sie zurückblickt, überwiegt die Dankbarkeit. Für ein reiches Leben und für eine Kirche, die für sie immer mehr war als eine Institution: ein Ort der Gemeinschaft, des Vertrauens und des Mitgestaltens.

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