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Christkatholische Kirche

«Ich stehe für die Vielfalt von Gottes Schöpfung»

von Christa Amstutz Gafner/reformiert.info
min
03.06.2024
Frank Bangerter ist der neue Bischof der Christkatholischen Kirche, der kleinsten der drei Landeskirchen in der Schweiz. Auf ihn warten viele Herausforderungen.

Sie wurden am 24. Mai zum Bischof der Christkatholischen Kirche gew├Ąhlt. Wie geht es Ihnen?

Ich bin voller Freude. Und immer noch ├╝berw├Ąltigt vom Vertrauen, das mir die Nationalsynode entgegenbringt. Es ist eine grosse Verantwortung, die ich jetzt ├╝bernehme. Doch ich weiss auch, dass ich nicht allein bin. Unsere Kirche ist bisch├Âflich-synodal organisiert. Sie wird nicht nur von mir geleitet, sondern genauso vom Synodalrat.

Ist Ihr Terminkalender schon voll?

Vorerst bin ich Bischof electus, also gew├Ąhlter Bischof. Geweiht werde ich erst am 14. September. Bis dahin ├╝bernehme ich nur wenige Aufgaben, das meiste macht noch der Bistumsverweser Pfarrer Daniel Konrad, der seit dem altersbedingten R├╝cktritt von Bischof Harald verantwortlich ist. Mitte Juni nehme ich aber zum Beispiel an der Internationalen Altkatholischen Bischofskonferenz der Utrechter Union in Prag teil.

Meine Wahl ist ein starkes Zeichen für alle queere Menschen. Die christkatholische Kirche ist in dieser Frage fortschrittlich.

Die Utrechter Union ist die Kirchengemeinschaft der altkatholischen Kirchen. Ist die christkatholische Kirche auch sonst international vernetzt?

Wir sind Mitbegr├╝nderin des ├ľkumenischen Rates der Kirchen und der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in der Schweiz. Mit der anglikanischen Kirche haben wir eine volle Kirchengemeinschaft. Das heisst wir k├Ânnen uns gegenseitig als Priester und Priesterinnen vertreten. Als eine von drei Landeskirchen sind wir nat├╝rlich auch im interreligi├Âsen Dialog in der Schweiz engagiert.

Sie sind offen schwul und jetzt Bischof. Wie f├╝hlt sich Ihre Wahl unter diesem Aspekt f├╝r Sie an?

Meine Wahl ist ein starkes Zeichen f├╝r alle queere Menschen. Die christkatholische Kirche ist in dieser Frage fortschrittlich. Dass ich seit 28 Jahren mit meinem Partner zusammenlebe, war ja auch kein Hinderungsgrund f├╝r meine Priesterweihe. Es bedeutet mir viel, f├╝r die Vielfalt zu stehen, die in Gottes Sch├Âpfung angelegt ist. Und zwar die ganze Vielfalt unter uns Menschen, nicht nur jene der sexuellen Orientierung.

Seit zwei Jahren gilt bei Ihnen das Ehesakrament auch f├╝r gleichgeschlechtliche Paare. Erst wurde Widerstand aus der Utrechter Union bef├╝rchtet.

Der kam nicht. Nat├╝rlich gibt es altkatholische Nationalkirchen, die weniger offen sind gegen├╝ber queeren Menschen. Aber das Tolle an der Utrechter Union ist, dass die einzelnen Ortskirchen viel Gestaltungsfreiheit haben. Jedenfalls hat unsere Nationalsynode 2022 mit ├╝berw├Ąltigender Mehrheit ja gesagt zur Ehe f├╝r alle. Das war ein sehr ber├╝hrender, fast heiliger Moment f├╝r mich.

Sie sind reformiert aufgewachsen. Wie kam es, dass Sie christkatholischer Priester wurden?

Als ich klein war, ging ich oft in die r├Âmisch-katholische Messe mit meiner Kinderfrau. Und ich kannte die Berner Kirche St. Peter und Paul, sp├Ąter ergaben sich Freundschaften mit Kirchgemeindemitgliedern. Als ich beschloss, auf dem zweiten Bildungsweg in Bern Theologie zu studieren, habe ich im evangelischen Departement angefangen. Nach Praktika in reformierten Kirchgemeinden wechselte ich f├╝rs Hauptstudium ins christkatholische Departement. Denn in dieser Zeit wuchs in mir die Erkenntnis, dass ich im Herzen schon immer katholisch empfand.

Im Moment studiert kaum jemand christkatholische Theologie an der gemeinsamen Fakult├Ąt in Bern.

Nein, so ist es nicht. Wir haben zwar wenig Studienanf├Ąnger und -anf├Ąngerinnen, aber einige Doktorierende, Postdocs, Studierende im Erg├Ąnzungsstudium und Quereinsteigende. Wir haben ein Nachwuchsproblem, das stimmt. Wir m├╝ssen uns dringend der Frage stellen, wie wir in unserer Kirche junge Menschen motivieren k├Ânnen, Priesterin und Priester zu werden.

Viele Leute treten aus Protest erstmal aus der Kirche aus. Danach bleiben die meisten spirituell Suchende. Ihnen möchten wir eine kirchliche Heimat bieten.

Die Christkatholische Kirche der Schweiz hat grad mal um die 12'000 Mitglieder, verteilt auf viele kleine Kirchgemeinden. Hat das noch Zukunft?

Regionalisierung ist sicher ein Thema, damit das kirchliche Leben nicht verk├╝mmert. Auch da stehen wir vor grossen Herausforderungen.

Sie feiern weitgehend nach derselben Liturgie wie die r├Âmisch-katholische Kirche, mit denselben Sakramenten. Wieso gelingt es Ihnen nicht, mehr Katholikinnen und Katholiken anzuziehen, die die Nase voll haben von Rom und Reformen wie zum Beispiel das Frauenpriestertum fordern?

In der christkatholischen Kirche der Schweiz sind Frauen seit 1999 zum Priester- wie zum Bischofsamt zugelassen. Heute haben wir 9 Priesterinnen und 17 Priester im aktiven Dienst. Weil wir so klein sind, sind wir auch nicht sehr bekannt. Wir m├╝ssen sichtbarer werden, mehr ├ľffentlichkeitsarbeit leisten. Viele Leute treten aus Protest erstmal aus der Kirche aus. Danach bleiben die meisten spirituell Suchende. Ihnen m├Âchten wir eine kirchliche Heimat bieten. Wie die die anderen Landeskirchen sind wir aber auch von der fortschreitenden S├Ąkularisierung der Gesellschaft betroffen.

Wie katholisch ist die christkatholische Kirche?

In der Schweiz haben wir uns 1875 von der r├Âmisch-katholischen Kirche getrennt. Aber wir feiern g├╝ltige Sakramente in der apostolischen Nachfolge. Das wird von der r├Âmisch-katholischen Kirche auch nicht bestritten. So gesehen sind wir durch und durch katholisch.

Sie stehen also immer noch der r├Âmisch-katholischen Kirche am n├Ąchsten?

Wir sind aus ihr hervorgegangen. In der Liturgie nehmen wir eine 2000-j├Ąhrige Tradition mit. Doch wir ├╝bersetzen sie ins Heute. Das heisst: Wir sind eine moderne, aufgeschlossene und progressive katholische Kirche.

 

Neuer Bischof

Am 24. Mai ist der 61-j├Ąhrige Frank Bangerter von der christkatholischen Nationalsynode in Aarau zum neuen Bischof gew├Ąhlt worden. Seit 2010 ist er Pfarrer in der Christuskirche Z├╝rich-Oerlikon. Er trat gegen Christoph Schuler, Pfarrer in Bern und Grenchen, und den Z├╝rcher Pfarrer Lars Simpson an und wurde im sechsten Wahlgang gew├Ąhlt. Bangerter ist ├ľkonom und hat nach zehn Jahren Arbeit im Personalwesen Theologie studiert.

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