Baselland, Basel-Stadt, Luzern, Schaffhausen, Schwyz, Solothurn, Uri, Zug
Technologie

Im digitalen Wandel haben Klöster einen Vorteil

von Marius Schären/reformiert.info
min
28.06.2026
Erfolgsfaktoren uralter Gemeinschaften helfen beim digitalen Wandel: Das zeigt eine Studie der Uni Zürich. Wichtig sind vor allem gemeinschaftliche Entscheidungen.

Klöster gelten als Orte der Tradition, Reflexion und Stille – eigentlich ein Gegenentwurf zur schnellen und schrillen digitalen Welt. Eine aktuelle Studie der Universität Zürich kommt aber zu einem überraschenden Ergebnis: Gerade jahrhundertealte Ordensgemeinschaften könnten Unternehmen Hinweise geben, wie technologische Entwicklungen erfolgreich umsetzbar sind. Entscheidend ist offenbar die Anpassungsfähigkeit der Gemeinschaften. Und diese beruhe auf der Mitbestimmung, der lokalen Verantwortung und den gemeinschaftlichen Entscheidungen.

Für die Untersuchung analysierten die Forschenden 112 Klöster in der Schweiz, Deutschland und Österreich. Ausgangspunkt war die Frage, warum manche Organisationen auch nach Jahrhunderten noch anpassungsfähig bleiben, andere hingegen an gesellschaftlichen und technologischen Umbrüchen scheitern. Federführend waren bei der Studie das soziologische Institut und der universitäre Forschungsschwerpunkts «Digitale Religion(en)».

Mechanismus wie in der Evolutionsbiologie

Warum aber unterstützen gerade jene Organisationsformen, die dem spirituellen Gemeinschaftsleben dienen, die heutige digitale Transformation? Weil die Organisationsstruktur es erleichtert, die Neuerung sinnvoll zu integrieren, kommen die Forschenden zum Schluss. Gemäss einer Mitteilung der Uni Zürich wird der Mechanismus «Exaptation» genannt.

Der Begriff aus der Evolutionsbiologie beschreibt die Umnutzung bestehender Eigenschaften für einen neuen Zweck. Ein bekanntes Beispiel sind die Federn der Dinosaurier: Ursprünglich dienten sie der Wärmeregulierung – und erst später bildeten sie die Grundlage für den Vogelflug. Bei klösterlichen Organisationsformen verhalte es sich ähnlich, lautet das Fazit der Studie. «Alte Formen der Mitbestimmung werden zu Werkzeugen für moderne Herausforderungen», erklärt Mitautor Jan Danko vom Soziologischen Institut der Uni Zürich.

Ein entscheidender Erfolgsfaktor liegt laut Studie in der Art und Weise, wie klösterliche Gemeinschaften mit technischen Entwicklungen umgehen. Kaum je verordnen Leitungen von oben herab die Anwendung neuer Technologien. Vielmehr werden sie gemeinschaftlich diskutiert, angepasst und schrittweise in den Alltag integriert.

Skepsis fördert bewussten Umgang

Dabei kommen digitale Werkzeuge nicht sinnlos zum Einsatz – also nicht einfach, weil sie im Trend sind. Vielmehr werden sie gezielt dort eingesetzt, wo sie den religiösen Auftrag unterstützen. Dazu gehören beispielsweise die Übertragung von Gottesdiensten oder digitale Informationsangebote für Interessierte.

Jahrhundertealte Ordensregeln helfen aber auch dabei, Grenzen zu setzen – etwa durch bewusste Offline-Zeiten insbesondere während der Ausbildung neuer Mitglieder. Die Studie zitiert einen Mönch: «Klöster waren immer Orte der Innovation und zugleich der Tradition – darin muss kein Widerspruch liegen.»

Die Untersuchung macht also deutlich, dass Klöster digitale Technologien nicht einfach unkritisch übernehmen. Vor allem ältere Ordensgemeinschaften beurteilen das Internet, Smartphones und soziale Medien teilweise als Eingriff in etablierte spirituelle Routinen. Ein Abt formuliert es ganz direkt: «Seit dem Smartphone ist die Klausur Geschichte.» Eine Klausur ist in einem Kloster ein Raum für die Mitglieder der Gemeinschaft, um sich ganz von den äusseren Einflüssen zurückzuziehen.

Lehren für Unternehmen

Die Forschenden sehen in ihren Ergebnissen auch eine Botschaft für moderne Organisationen. Schliesslich zeige die Studie, dass alte Institutionen mitnichten zwangsläufig träge und innovationsfeindlich seien. Vielmehr könnten historisch gewachsene Formen der Mitbestimmung und dezentralen Verantwortung einen besonders nachhaltigen Umgang mit Veränderungen fördern. Denn in vielen Klöstern werden die Leitungen von der Gemeinschaft gewählt – und bei Bedarf abgewählt. Wichtige Entscheidungen werden gemeinsam getroffen.

Nach Ansicht der Forschenden fördert gerade diese Beteiligung die Bereitschaft, neue Wege zu gehen. «Innovation gelingt dort am besten, wo neue Technologien lokal erprobt werden können und Betroffene zu Beteiligten werden»: So lautet das Fazit von Studienautor Jan Danko. Mitbestimmung sei demnach kein Hindernis für Wandel – sondern eher die Voraussetzung dafür, dass Wandel gelingt.

 

Unsere Empfehlungen