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Philosophie

Jean-Jacques Rousseau: Der «Bürger von Genf» mit dem neuen Blick auf die Welt

von Hans Herrmann/reformiert.info
min
17.06.2026
Der Schweizer Philosoph Jean-Jacques Rousseau hielt wenig von Theologie, dafür viel vom Glauben. Über den Vordenker eines neuen Naturgefühls ist jüngst eine Biografie erschienen.

Er lässt sich lesen als Vordenker der Französischen Revolution mit ihren gewaltigen Auswirkungen auf die sozialen und politischen Entwicklungen des 19 Jahrhunderts bis hinein in unsere Gegenwart. Als Wegbereiter der westlichen Demokratien, aber auch des Kommunismus. Als Vorreiter einer neuen Pädagogik. Als Impulsgeber für die Romantik. Und als Propheten der Natur sowie geistigen Vater der grünen Bewegung. So ganz nebenher war er auch Erfinder des Briefromans, gefeierter Opernkomponist und Verfasser musiktheoretischer Abhandlungen.

Die Rede ist von Jean-Jacques Rousseau (1712–1778), dem Philosophen aus Genf, der in seinem Gedankengebäude auch der Religion grossen Stellenwert beimass – im Gegensatz zu machen anderen Denkern seiner Zeit, die atheistische Positionen vertraten.

Dichtung und Wahrheit

Über Rousseau, der sich auch in Frankreich stets dezidiert, fast trotzig als «Bürger von Genf» bezeichnete, ist jüngst eine neue Biografie erschienen, aus der Feder des emeritierten Geschichtsprofessors Volker Reinhardt von der Universität Fribourg. Er geht dabei der Spur nach, die Rousseau mit seinen autobiografischen «Confessions» selbst legte, und vergleicht die Selbstreflexionen des Philosophen mit der Quellenlage.

Dabei zeigt sich immer mal wieder: Das, was Rousseau seinem Lesepublikum präsentiert, widerspricht nicht selten dem, was andere Quellen berichten – zum Beispiel seine Briefe oder schriftliche Zeugnisse Dritter. So verklärt der Philosoph einen mehrmonatigen Kuraufenthalt in Montpellier 1737/38 in seinen zwölfbändigen «Confessions» rückblickend als rundum beseligend, während die Briefe an Madame de Warens, seine mütterliche Geliebte und Wohltäterin in Chambéry, nur von Tristesse, Langeweile und Elend künden.

 

Volker Reinhardt: Rousseau; auf der Suche nach der verlorenen Natur. Verlag C.H.Beck, 2026

 

Das grosse Aha-Erlebnis

Auch einen Schlüsselmoment in seinem Werdegang schildert er in seiner Autobiografie magischer, als er in Wirklichkeit wohl war. Im Sommer 1749 befand er sich einmal mehr zu Fuss unterwegs von Paris nach Vincennes, um den dort eine Strafe absitzenden Freund und Publizisten Denis Diderot zu besuchen. Im Gehen las Rousseau in einer Zeitung und entdeckte dort die Ausschreibung eines Schreibwettbewerbs, bei dem es um die Frage ging: «Hat der Wiederaufstieg der Wissenschaften und der Künste dazu beigetragen, die Sitten zu läutern?»

Laut Rousseau soll diese Fragestellung in ihm ein geradezu rauschhaftes Erweckungserlebnis ausgelöst haben, verbunden mit Ergriffenheit, Tränenströmen, Zuckungen und einer visionären Klarheit. In diesem Moment höchster Inspiration wurde ihm gemäss seiner Schilderung schlagartig klar: Nein, Wissenschaften und Künste veredeln den Menschen nicht, wie man gemeinhin glaubt. Das Gegenteil ist der Fall: Sie verderben ihn. Denn das Gute kommt aus dem Naturzustand, nicht aus der Zivilisation. Deshalb muss der Mensch danach streben, sich diesem Naturzustand wieder anzugleichen, soweit dies überhaupt noch möglich ist.

Diese Erkenntnis, die im epochalen Ruf «Zurück zur Natur!» gipfelt, kam ihm aber vermutlich nicht so blitzartig und prophetisch, wie er in seinen Memoiren behauptet. Diderot zumindest überliefert diese Schlüsselszene anders. Rousseau habe ihm von der Ausschreibung berichtet und ihn um Rat gefragt, welche Partei er in dieser Frage ergreifen solle. «Da gibt es nichts abzuwägen und nicht zu zögern, sagte ich [Diderot] ihm [Rousseau], Sie werden die Partei ergreifen, die sonst niemand ergreift. Sie haben Recht, antwortete er und arbeitete seinen Text in diesem Sinne aus.»

Über Nacht berühmt

Dann war es also der Rat eines Freundes gewesen und nicht der Rausch der Inspiration, der Rousseau die entscheidende Erkenntnis brachte. Aber wie auch immer: Er verfasste den als «Abhandlung über die Wissenschaften und Künste» bekannt gewordenen Text, gewann das Ausschreiben der Akademie von Dijon und wurde über Nacht zur Berühmtheit.

Den Status des literarisch-philosophischen Stars konnte er in der Folge halten und sogar beträchtlich ausbauen, unter anderem mit seinem höchst empfindsamen und Briefroman «Julie», in dem er eine Gesellschaftsutopie entwirft, dann mit seinem Erziehungsroman «Emile» sowie weiteren philosophischen Erörterungen, etwa der wirkmächtigen politischen Schrift «Vom Gesellschaftsvertrag».

Ein Abenteurer sucht seinen Weg

Wer die in einer eleganten Sprache und manchmal mit leichtem Augenzwinkern verfassten Rousseau-Biografie von Volker Reinhardt liest, begegnet im Genfer Jahrhundert-Philosophen einer Persönlichkeit, die lange brauchte, um zu ihrer Bestimmung zu finden. Einem anfänglichen Tausendsassa, einem Unsteten und Abenteurer, vielem zugetan und in wenigem tauglich.

Klassische Bildung erhielt der junge Jean-Jacques im Pfarrhaushalt, in dem er als Pflegekind weilte, und später in einer theologischen Ausbildungsstätte, die er allerdings nicht wirklich absolvierte – ebenso wenig wie seine Lehre zum Graveur in Genf, die er nach zwei Jahren abbrach. Universitätsluft hat er nie geschnuppert, er, über dessen Ideen später an so vielen Universitäten dieser Welt nachgedacht und geschrieben werden sollte.

Der Genfer Calvinist konvertierte in Savoyen zum Katholiken (was er später wieder rückgängig machte), kam bei der attraktiven und emanzipierten Adligen Madame Françoise-Louise de Warens unter, bei der er einige Jahre als Faktotum, Ersatzsohn und temporärer Liebhaber weilte, assistierte dem französischen Botschafter in Venedig, debütierte erfolglos als Komponist in Neuenburg, versuchte sich als Musiklehrer und Theaterautor, arbeitete als Notenkopist, frönte bei günstiger Gelegenheit seinen exhibitionistischen Neigungen und überliess sich oft und gerne seinen Träumereien.

Bis er dann, mittlerweile in Paris, dem damaligen Zentrum europäischer Geistigkeit und Kultur, als Sieger aus obgenanntem Schreibwettbewerb hervorging. Plötzlich stand er im Zentrum des allgemeinen Interesses und produzierte von da an einen Geniestreich nach dem anderen, unter anderem auch die Oper «Der Dorfwahrsager», die zu den Lieblingswerken des französischen Königs gehörte.

Religion als Privatsache

Auch in Sachen Religion liess er sich vernehmen. Die Bibellektüre und die Philosophie hätten ihn gelehrt, sich von «niedrigen und dümmlichen Interpretationen» sowie «dem Wust kleinlicher Formeln» zu befreien, schreibt er in den «Confessions». Er plädiert für ein Christentum ohne Theologen und ohne Dogmen. «Aber was bedeutete das?», fragt Volker Reinhardt in seinem Buch. Und antwortet: «Eine Religion der Tugend, der Pflichterfüllung und der Nächstenliebe.» Ob Jesus Gottessohn und Erlöser sei, lässt Rousseau unbeantwortet. Was ein Mensch wirklich glaubt, ist für ihn Privatsache; dem Staat stehe es aber zu, die formelle Zustimmung zu einer bestimmten Glaubensrichtung zu verlangen, im Sinne einer «staatsbürgerlichen Religion».

Reinhardt zeichnet in seiner Rousseau-Biografie nicht nur das Bild eines Suchenden, der sich schliesslich zum erfolgreichen Literaten und einflussreichen Welterklärer mausert. Sondern ebenso das Porträt eines Mannes, der trotz seines Erfolges zeitlebens nie zur Ruhe kam, schwierige Seiten hatte, sich gerne exzentrisch in armenischer Tracht zeigte, hypochondrisch war und unter Verfolgungswahn litt.

Tatsächlich hatte sich der Philosoph mit seinen gesellschaftskritischen Schriften auch Feinde gemacht, und tatsächlich befand er sich als «Störer des öffentlichen Friedens» während Jahren auf der Flucht vor dem Zugriff der herrschenden Adels- und Patrizierschichten, die ihre anfängliche Toleranz ihm und seinen umwälzenden Ideen gegenüber irgendwann verloren hatten. Allerdings steigerte er sich so sehr in seine Verfolgungsängste, dass er sogar in seinen besten Freunden plötzlich Feinde sah. Seine treue Lebensgefährtin Thérèse Levasseur hatte mit ihm einiges auszustehen, blieb aber zeitlebens standfest an seiner Seite.

Idylle auf dem Bielersee

Eine zauberhafte Auszeit von allen Irrungen und Wirrungen ergab sich im Herbst 1765, als Rousseau für sechs Wochen auf der St. Petersinsel auf dem Bielersee weilte, wo ihm die Berner Obrigkeit kurzes Asyl gewährte. Hier wähnte er sich im Paradies auf Erden, den Feinden fern, der Natur nahe, ganz bei sich, bei seinen Träumereien und seinen botanischen Studien, umgeben nur von seiner Thérèse und der bodenständigen Familie des Gutsverwalters. Über diesen Aufenthalt schreibt Volker Reinhardt: «Durch seine berückenden Schilderungen […] wurde sein Kurzzeit-Asyl schon bald nach seinem Tod zu einem Wallfahrtsort der europäischen Romantik und danach zu einer Pflichtbesuchsstation des europäischen Bildungsbürgertums.»

Nach weiteren Stationen der Flucht – unter anderem in England – lebte Rousseau, inoffiziell geduldet, wieder in Paris in relativer Ruhe. Er spazierte, botanisierte und schrieb sein letztes Werk, die «Träumereien eines einsamen Spaziergängers». Die Träumerei Nummer 5 ist die berühmte Causerie über seinen Aufenthalt auf der St. Petersinsel. Dazu Volker Reinhardt: «Mit ihrer arkadischen Grundstimmung, ihrer Musikalität und dem Wohllaut des Ausdrucks ist die fünfte Träumerei ein literarischer Höhepunkt im Oeuvre Rousseaus, ein Adagio oder besser noch: ein Nocturne.»

Verehrt wie ein Halbgott

Am 2. Juli 1778 starb Rousseau im Alter von 66 Jahren an einem Gehirnschlag nach einem Spaziergang durch einen Park. Kurz danach setzte eine posthume Verehrung ein, wie sie nur wenigen Geistesgrössen zuteilwurde und -wird. Er erfuhr gewissermassen eine Erhebung in den Götterhimmel der Kulturheroen. Wer jedoch Volker Reinhardts Neubeleuchtung dieses Geistesfürsten gelesen hat, wird ihn anders sehen, unvollkommener, aber auch menschlicher und näher.

Und wer das Rousseau-Denkmal auf der St. Petersinsel aufsucht und die bronzene Büste des wie einen altrömischen Literaten dargestellten Denkers auf ihrem Postament erblickt, wird nicht mehr in bildungsbürgerlicher Ehrfurcht erstarren. Sondern eines Menschen gedenken, der in all seinen Triumphen, seinen Tiefschlägen, seinen Verdiensten, seinen Verfehlungen, seinen Erkenntnissen und seinen Irrtümern immer bemüht war, seinen eigenen, teilweise beschwerlichen Weg zu gehen. Einen Weg, auf dem er Bleibendes schuf, Grosses und laut Nachhallendes. Und eben auch Stilleres, leise Beglückendes – im Ton der Wellen, die in gleichmässigem Takt sanft an die Ufer der Bielersees schlagen.

 

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