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Treffpunkt

Jeder Abend ist anders und entsteht neu

von Carmen Schirm
min
05.06.2023
Das Gasthaus Stutzegg feiert sein 25-Jahr-Jubiläum. Es ist seit über zwei Jahrzehnten eine Insel, in der Menschen für ein paar Stunden ablegen können, was sie bedrückt.

«Wir sind das etwas andere Gasthaus», sagt Heidi Rösch, Leiterin des Treffpunkts Stutzegg an der Baselstrasse 75 in Luzern. Seit September vergangenen Jahres arbeitet die Sozialpädagogin für den Treff und ist begeistert davon. Meist gäbe die Sozialpädagogik Ziele vor, die erreicht werden müssten. Das sei im Stutzegg nicht der Fall. «Hier muss nichts entstehen. Menschen, die zu uns kommen, dürfen einfach nur sein, können ihren Rucksack ablegen und erleben für ein paar Stunden eine leichte Zeit, ohne dass ihnen jemand Ratschläge erteilt.» Jeder Abend im Treff sei anders und entstehe wieder neu.

Der Treffpunkt Stutzegg ist zur Institution in Luzern geworden. Vor 25 Jahren wurde er nach dem Vorbild des französischen Hôtel Dieu in Beaune im Burgund gegründet. Dieses war ein mittelalterliches Hospiz für arme, kranke und benachteiligte Menschen. Der vermögende Kanzler Nicolas Rolin und seine Frau Guigone de Salis hatten es aufgrund des grossen Elends nach dem Hundertjährigen Krieg 1443 errichten lassen.

An den Tischen werden gerne Karten- und Brettspiele gespielt, oder auch «nur» Gespräche geführt. Neben der Gaststube liegt der «Raum der Stille». Dort wird zu regelmässigen Angeboten wie Meditation, Atemübungen oder Shiatsu eingeladen. Ab und an ist auch eine Coiffeuse zu Besuch, die unentgeltlich Haare schneidet. Eine Dienstleistung, die armutsbetroffene Gäste sehr schätzen.

Hosen und Bilder flicken

Auch die anliegende Schreinerwerkstatt und das Nähatelier im ersten Stock werden gerne benutzt. Dort wird in Begleitung von Freiwilligen kreativ gearbeitet. «Kürzlich entstand ein neuer Nachttisch auf Rädern, den sich ein Besucher schon lange gewünscht hatte», erzählt Heidi Rösch. Es wurde auch schon ein Theaterpuppenhaus gebaut, Bilder werden repariert, Hosen geflickt oder Puppen genäht. Nebst dem Betrieb im Gasthaus bietet das Team von «StutzeggPlus» auch Anlässe ausserhalb des Treffpunkts an. «Wir besuchen einmal im Monat einen Ort, den unsere Gäste allein ver­mutlich nicht besuchen würden und aus finanziellen Gründen auch nicht können», sagt Heidi Rösch. So geht es gemeinsam etwa in ein Museum, in eine Kunstausstellung oder zum Kegeln. Primär ist der Stutzegg ein Gasthaus im ursprünglichen Sinn. Deshalb werden für die Gäste, die alle nicht auf Rosen gebettet sind, auch günstige Mahlzeiten angeboten. Von Donnerstag bis Samstag gibt es jeweils um 18 Uhr ein Abendessen für 1 Franken, Mineralwasser und Kaffee kosten 50 Rappen. Sonntags gibt es zwischen 10.30 und 12 Uhr einen Brunch.

15 bis 30 Gäste

Zwischen 15 und 30 Menschen sind regelmässig vor Ort. «Die Gästezahlen sind auf dem Stand der Vor-Corona-Zeit», sagt Heidi Rösch. Altersmässig befinden sich die Stutzegg-Gäste im Segment 40 plus. Gerade in den vergangenen drei Monaten seien aber auch jüngere Gäste dazugekommen. Vier Teilzeitangestellte und rund zwanzig Freiwillige sind für deren Wohl besorgt. Für all das braucht es Geld. Trotz der zahlreichen Freiwil­ligen, die mitarbeiten, beläuft sich der finanzielle Aufwand auf rund 280'000 Franken im Jahr. Der Verein Hôtel Dieu finanziert das Gasthaus durch Spenden von Institutionen, Stiftungen und Privatpersonen. «Wir sind sehr dankbar für jede Unterstützung, müssen aber stets nach neuen Finanzquellen Ausschau halten, was nicht immer einfach ist», sagt Franziska Loretan, Vorstand.

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