Klare Regeln für Vertrauen
«Dort, wo Menschen sich anvertrauen, braucht es besondere Sensibilität und klare Rahmenbedingungen», sagt Synodalratspräsidentin Lilian Bachmann. In den vergangenen Jahren hat sich das Bewusstsein dafür deutlich verändert. Prävention werde heute nicht mehr nur als Reaktion auf einzelne Vorfälle verstanden, sondern als Führungs- und Organisationsaufgabe. «Es reicht nicht, erst zu handeln, wenn etwas passiert», sagt Synodalrat Markus Pfisterer, der im Synodalrat für Rechtsfragen zuständig ist. Nötig seien klare Regeln, Sensibilisierung und transparente Verfahren.
Umfassendes System
Dabei geht es nicht nur um strafrechtlich relevante Vorfälle. «Grenzverletzungen können auch Bemerkungen oder Handlungen sein, die vom Gegenüber als verletzend wahrgenommen werden, selbst wenn keine Absicht dahintersteht», erklärt Pfisterer. Entscheidend sei deshalb eine gemeinsame Kultur, in der solche Situationen früh erkannt und angesprochen werden können.
Die Reformierte Kirche Kanton Luzern setzt dafür auf ein umfassendes System. Dazu gehören eine unabhängige Meldestelle, ein geregeltes Beschwerdemanagement, ein Verhaltenskodex, Schulungen sowie ein Monitoring. «Diese Instrumente ergänzen sich gegenseitig», sagt Bachmann. Während die Meldestelle eine unabhängige Anlaufstelle für Betroffene, Beobachtende oder Unsichere sei, regle das Beschwerdemanagement die formellen Verfahren innerhalb der Organisation.
Transparenz ist wichtig
Ein weiterer Baustein ist der Verhaltenskodex, der derzeit in einem partizipativen Prozess gemeinsam mit den Kirchgemeinden erarbeitet wird. Der Kodex richtet sich nicht nur an Angestellte, sondern grundsätzlich an alle Personen, die im kirchlichen Kontext Verantwortung tragen oder mit Menschen arbeiten – also auch an Freiwillige. «Er schafft Orientierung und macht sichtbar, welches Verhalten erwartet wird», sagt Bachmann. Gleichzeitig sei er Ausdruck einer gemeinsamen Haltung. Damit der Kodex nicht nur auf dem Papier steht, setzt die Kirche auf Schulungen und regelmässige Reflexion im Arbeitsalltag. Ab 2027 sollen entsprechende Weiterbildungen für Mitarbeitende, Behördenmitglieder und weitere Engagierte angeboten werden. Ziel ist es, Handlungssicherheit im Umgang mit schwierigen Situationen zu vermitteln.
Ein zusätzliches Instrument ist das Monitoring. Dabei wird regelmässig überprüft, wie die verschiedenen Massnahmen genutzt werden und wo Anpassungen nötig sind. «Ein wirksames Präventionssystem muss lernfähig sein», sagt Pfisterer. Rückmeldungen aus der Praxis, Umfragen und Studien sollen dabei helfen, die Instrumente weiterzuentwickeln.
Transparenz spielt dabei eine wichtige Rolle. «Nur so kann Vertrauen entstehen», sagt Bachmann. Gleichzeitig müsse sorgfältig abgewogen werden, welche Informationen weitergegeben werden können, ohne die Persönlichkeitsrechte der Betroffenen zu verletzen.
Für beide ist klar: Prävention soll keine Misstrauenskultur schaffen. «Es geht nicht um Kontrolle, sondern um Professionalität», betont Pfisterer. Klare Regeln und Sensibilisierung würden im Gegenteil Sicherheit schaffen: für Mitarbeitende, Freiwillige und für die Menschen, die sich der Kirche anvertrauen.
Ob die Kirche auf dem richtigen Weg ist, wird sich in den kommenden Jahren zeigen. Für Bachmann wäre ein wichtiges Zeichen, «wenn schwierige Situationen früher angesprochen werden können und Verantwortliche im Alltag mehr Handlungssicherheit gewinnen». Langfristig soll der Schutz vor Grenzverletzungen selbstverständlich zur kirchlichen Praxis gehören – in Ausbildung, Führung und Zusammenarbeit.
Klare Regeln für Vertrauen