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«Man kann sich auch mit Theater retten»

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21.06.2016
Die Autorin Laura de Weck findet in der Kunst mehr Trost als im christlichen Glauben. Spirituell ist sie trotzdem. Und würde die Kirche gerade in der Flüchtlingskrise nicht missen wollen.

Frau de Weck, haben Sie Angst vor dem Tod?
Ja. Dieses Thema begleitet mich schon, seit ich ein kleines Kind war. Der Tod beschäftigt und ängstigt mich.

Glauben Sie denn, dass danach noch was kommt?
Daran glaube ich irgendwie, obwohl ich diesen Glauben nicht von der Kirche habe. Die Kirche hat meine Vorstellung davon, was Leben und Sterben ist, weniger geprägt als das Leben selbst. Aber ich habe die Hoffnung, dass der Mensch eine Seele besitzt, und dass diese nicht verschwindet, wenn der Mensch stirbt.

Wieso ist das wichtig?
Weil ich am Leben h√§nge. Und weil ich die Idee nicht ertrage, dass alles f√ľr immer ausgel√∂scht ist. Ich sehe den Sinn des Lebens im Leben selbst, aber es w√§re sch√∂n, wenn das Leben auch nach dem Tod eine Rolle spielt. Diese Seele, die sp√ľrt man doch, in der Begegnung mit Menschen.

Also sind Sie doch spirituell.
Ich bin spirituell, aber k√∂nnte meine Spiritualit√§t wohl keiner Institution oder Glaubensrichtung zuordnen. Leider auch nicht der christlichen Kirche, obwohl ich es mir gew√ľnscht h√§tte.

Sie wollten glauben?
Ich wollte sogar unbedingt an diesen Gott glauben, der mich w√§rmt und besch√ľtzt. Aber es hat nicht funktioniert. Gott ist auf jeden Fall nicht mit mir in Kontakt getreten, auch nicht als ich Messdienerin war. Ausserdem haben mich die Bibelgeschichten, die ich als Kind h√∂rte, nicht getr√∂stet, sondern gegruselt. Ich hatte immer diesen Fokus auf das Grausame, auf Herodes beispielsweise, der die ganzen Babys t√∂ten l√§sst. Das hat mich viel st√§rker besch√§ftigt als die Tatsache, dass ein Jesuskind geboren wird. Die Babys und deren Eltern haben mir so leid getan. Es f√ľhlte sich f√ľr mich so an, als w√§re Gott weder m√§chtig noch liebevoll.

Ist das Theater Ihre Religion?
Ich bete die Kunst nicht an, deshalb ist sie f√ľr mich keine Religion. Ich bitte nicht um Heil, um Genesung. Ich mache aber oft die Erfahrung, dass die Kunst mich tr√∂stet. Theater f√§ngt mich in schweren Momenten auf. Abgesehen davon ist das Theater der Kirche in manchen Dingen gar nicht so un√§hnlich.

Wie meinen Sie das?
Ich meine das strukturell. Die Theater haben Probleme, ihre R√§nge zu f√ľllen. Die Jungen interessieren sich nicht mehr. Treu ergeben sind vor allem noch √§ltere Leute. In Z√ľrich ist gerade eine Debatte entfacht worden, wie viele Theaterh√§user sich die Stadt √ľberhaupt noch leisten will. Das ist bei der Kirche √§hnlich. Der Glaube und die Kultur verlieren an Bezug zur realen Gesellschaft. Das Theater besch√§ftigt sich zu wenig mit der Gegenwart. Den gleichen Fehler macht auch die Kirche. Dahinter steckt die Angst, die treuen Schafe zu verlieren.

Schafft sich Kirche noch schneller ab als gedacht?
Noch hat die Kirche ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal: Sie gibt den Menschen einen Ort, wo sie ihre Liebe besiegeln, den Tod verarbeiten, und die Geburt eines Menschen feiern können. Sie bietet die Rituale und den Kirchenraum. Ich als Theatermensch bin ein Fan von performativen Ritualen.

Warum?
Weil sie dem Menschen nicht nur einen Raum zum Trauern und Feiern gibt, sondern auch zum Leben. Schauen Sie sich mal an, was die Kirche in Deutschland f√ľr die Fl√ľchtlinge gemacht hat. Ich lebe in Hamburg, und habe direkt und unmittelbar mitbekommen, wie die Kirchen die ersten waren, die w√§hrend der Fl√ľchtlingswelle Asyl boten. Die geholfen haben, auch illegal.

Und f√ľr Sie?
In dieser Frage bin ich der Kirche nahe: Liebe deinen N√§chsten wie dich selbst. Aber nicht zu dem√ľtig. Der andere sollte nicht zuerst kommen. Man muss sich zuerst selbst lieben, um dem N√§chsten zu helfen.

In Ihren Kolumnen geht es um Politik und Liebe. Reicht Liebe allein als Thema nicht aus?
In meinen ersten Theaterst√ľcken habe ich tats√§chlich vor allem √ľber Liebe geschrieben. Das Kolumnenschreiben hat mich aber politisiert. Die Form hat mich dazu gezwungen, mich mit der tagespolitischen Realit√§t auseinanderzusetzen. Dadurch habe ich erst richtig realisiert, dass die Entscheidungen aus den Machtzentralen meine private Realit√§t beeinflussen. Politik dringt bis in unser Intimstes vor.

Ist Liebe politisch?
Die Liebe zieht sich wie ein roter Faden durch unser Leben, sie ist universell. Politische Fragen sind immer auch Fragen der Liebe: Was bedeutet eine Masseneinwanderungsinitiative f√ľr Schweizer, die Ausl√§nder lieben? Was macht Digitalisierung aus der Qualit√§t von Beziehungen? Politische Gesetze entscheiden √ľber die Form der Liebe.

Sie haben jetzt selbst Kinder. Haben Sie sie getauft?
Nein. Ich wollte meinen Kindern gern den Segen einer gr√∂sseren Macht mit auf den Weg geben, kann aber nicht hinter den gepredigten Werten der katholischen Kirche stehen. Ich w√ľrde mir vorkommen wie eine Verr√§terin an meinen eigenen Prinzipien.

Wie haben Sie dieses Dilemma gelöst?
Eine gl√§ubige Katholikin meinte mal zu mir: Taufe sie doch selbst! Leere den Kindern in der Badewanne ein bisschen Wasser √ľber ihren Kopf. Es ist vielleicht emp√∂rend f√ľr die Institution Kirche, weil ihr die Hoheit dar√ľber abgesprochen wird. Aber f√ľr mich selbst macht es sehr viel Sinn.

Jesus' Segen in der Badewanne?
Ich habe sie nicht im Namen von Jesus Christus gesegnet, sondern im Namen der Kunst. Ich möchte meinen Kindern beibringen, dass sie in schweren Stunden immer Halt und Trost in der Kunst finden. Ich glaube, dass ein Hauptzweck der Religion genau das ist: Antworten zu finden, auf Trauer und Unsicherheit. Man kann sich auch mit Theater retten.

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von ¬ęreformiert.¬Ľ, ¬ęInterkantonaler Kirchenbote¬Ľ und ¬ęref.ch¬Ľ.

Interview: Anna Miller / Kirchenbote / 21. Juni 2016

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