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Obdachlosigkeit

«Mehr als eine Frage des Dachs über dem Kopf»

von Sandra Hohendahl-Tesch/reformiert.info
min
19.01.2026
Sozialvorsteher Raphael Golta spricht von unsichtbaren Formen der Jugendobdachlosigkeit in Zürich. Im Interview erklärt er, warum es niederschwellige Angebote braucht.

Herr Golta, hat die Stadt Zürich das Thema obdachlose Jugendliche auf dem Radar?

Das übergeordnete Thema Wohnen ist eines der präsentesten der Zürcher Sozialpolitik. Dabei ist wichtig zu verstehen, dass das, was wir landläufig als Obdachlosigkeit bezeichnen, nur ein Teil einer viel grösseren Herausforderung ist. Es gibt unterschiedliche Formen von Wohnungslosigkeit. Man kann von Menschen sprechen, die tatsächlich auf der Strasse übernachten, aber auch von Jugendlichen, die keinen stabilen Schlafplatz haben und beispielsweise bei Freunden oder Bekannten unterkommen. Gerade bei Jugendlichen ist Wohnungslosigkeit fast immer Teil eines grösseren Problems. Es ist selten, dass jemand aus einer stabilen Struktur heraus einfach seine Wohnung verliert und dann auf der Strasse landet.

Viele Formen von Wohnungslosigkeit bleiben unsichtbar. Die Fachhochschule Nordwestschweiz hat deshalb eine nationale Studie zu obdachlosen Jugendlichen gestartet, die vom Schweizerischen Nationalfonds getragen wird. Welche Rolle spielen solche Erhebungen für die Arbeit der Stadt?

Häufig merken wir erst durch Angebote, die genutzt werden, dass ein Bedarf existiert. Darum ist der regelmässige Austausch aller Akteure im Zürcher Auffangnetz so wichtig. Und wir sind immer froh, wenn wissenschaftliche Studien unsere eigenen Wahrnehmungen ergänzen und helfen, blinde Flecken sichtbar zu machen.

Wie zeigt sich diese Situation konkret in Zürich? Gibt es Jugendliche ohne festen Schlafplatz?

Ja, es gibt Jugendliche, die vorübergehend nicht zu Hause übernachten können oder wollen. Diese Jugendlichen versuchen wir zusammen mit unseren zivilgesellschaftlichen Partnern aufzufangen und wieder in eine stabile Wohn- und Tagesstruktur zu bringen. Obdachlosigkeit darf dabei nicht nur als Frage des Dachs über dem Kopf verstanden werden. Um für nachhaltige Stabilisierung zu sorgen, braucht es oft auch noch weitere Angebote – und eine gute Koordination und Zusammenarbeit aller Beteiligten.

 

Vorsteher des Sozialdepartements der Stadt Zürich. Raphael Golta setzt sich dafür ein, dass alle Zürcherinnen und Zürich ein würdiges Leben führen und ihre Existenz möglichst selbständig sichern können – mit gezielter Unterstützung für geringqualifizierte Menschen, Wohnungssuchende, Geflüchtete und Sozialhilfebeziehende. Ein besonderes Anliegen ist ihm zudem die frühe Förderung von Kindern und Familien, um faire Startchancen ins Leben zu ermöglichen.

 

Was geschieht, wenn minderjährige Jugendliche ohne familiären Rückhalt in Zürich aufgegriffen werden?

Das hängt stark vom jeweiligen Fall ab. In der Regel sind Eltern oder andere sorge- respektive obhutsberechtigte Personen die erste Ansprechstation – und sei es nur für die Zustimmung, eine minderjährige Person in ein entsprechendes Angebot begleiten dürfen. Es kann aber auch sein, dass eine Information der Eltern kontraproduktiv wäre, z.B. wenn Jugendliche von häuslicher Gewalt berichten. In solchen Fällen involviert sip züri die KESB und begleitet den oder die Jugendliche in ein Schutzhaus.
Was macht die Situation in einer Stadt wie Zürich besonders herausfordernd? Zürich ist ein Zentrum mit Anziehungskraft. Nicht alle Menschen, die sich hier aufhalten, sind Zürcherinnen und Zürcher. Und in der Sozialpolitik ist grundsätzlich die Wohngemeinde zuständig. Gerade bei Migrantinnen und Migranten stellen sich zudem oft Fragen des Aufenthaltsstatus und der Zuständigkeit. Das macht die Situation komplexer. Gleichzeitig haben wir als Stadt Zürich aber auch mehr Möglichkeiten als kleinere Gemeinden, können Angebote ausprobieren, die andernorts nicht möglich sind.

Die städtischen Notschlafstellen sind grundsätzlich Stadtzürcherinnen und Stadtzürchern vorbehalten. Was passiert mit Jugendlichen von ausserhalb?

Grundsätzlich schauen wir gemeinsam mit zivilgesellschaftlichen Partnerinnen und Partnern, dass gerade in den kalten Monaten niemand draussen schlafen muss. Wenn jemand von ausserhalb kommt, ist es aber nicht das Ziel, dass diese Person langfristig von der Stadt Zürich unterstützt wird. Dann treten wir in Kontakt mit der zuständigen Heimatgemeinde. Ziel ist, dass allen geholfen wird, auch wenn die Lösung am Schluss nicht in Zürich liegt.

Welche Bedeutung haben bei der Unterbringung und der Betreuung von betroffenen Jugendlichen Einrichtungen wie die Notschlafstelle Nemo vom Sozialwerk Pfarrer Sieber?

Wir schauen immer, was wir als Stadt selbst leisten und wo wir mit privaten Partnern zusammenarbeiten können. Schlussendlich muss die Angebotslandschaft insgesamt stimmen. Wer dabei welchen Teil übernimmt, ist zweitrangig. Das Sozialwerk Pfarrer Sieber ist für uns in verschiedenen Bereichen ein wichtiger Partner. Wir haben unterschiedliche Schwerpunkte, aber arbeiten gut zusammen. Wichtig ist, dass wir von Fall zu Fall schauen, wie wir Menschen gesamthaft unterstützen können.

An der Militärstrasse eröffnet das Sozialwerk Pfarrer Sieber neu eine Tagesstruktur für obdachlose Jugendliche. Braucht es solche niederschwelligen Angebote?

Niederschwellige Angebote sind in der Sozialpolitik zentral. Wir müssen die Menschen dort erreichen, wo sie sind. Private Akteure haben hier teilweise Vorteile, weil gewisse Klientinnen und Klienten gegenüber staatlichen Strukturen Respekt oder auch Angst haben. Für Jugendliche gibt es in Zürich ein breit gefächertes Angebot in den Bereichen Beschäftigung, Arbeitsintegration, Bildung und Qualifizierung, sowohl städtisch wie auch mitfinanziert bei Privaten. Jedes Angebot, das Menschen erreicht, die wir zuvor nicht erreicht haben, ist willkommen.

Welche Entwicklungen bereiten Ihnen im Jugendbereich aktuell besondere Sorgen?

Seit der Corona-Pandemie stellen wir fest, dass psychische Themen deutlich präsenter sind und stärker auftreten. Das macht viele Angebote anspruchsvoller, weil mehr Betreuung nötig ist. Eine weitere grosse Herausforderung ist der Umgang mit Migrantinnen und Migranten ohne gesicherten Aufenthaltstitel, die durch die Maschen fallen. Dort stossen wir auch an gesetzliche Grenzen.

 

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