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Psychologie

«Menschen die an Gott glauben, verfügen über mehr Resilienz»

von Veronica Bonilla Gurzeler / reformiert.info
min
22.03.2024
Die zahlreichen Krisen und Konflikte drücken auf die Seele. Theologin und Psychologin Christiane Blank zeigt, wie persönliche und kollektive Konflikte eine Chance zur Neuorientierung bieten.

Christiane Blank, der Klimawandel, der Krieg in Ukraine und Nahost und weitere Krisenherde verursachen derzeit besonders viele negative Schlagzeilen. Wie empfinden Sie die Weltlage?​

Ich sehe sie als bedrohlich an und zugleich als Chance für einen Neuanfang. Wir merken, dass wir als Individuum, aber auch als Gesellschaft verletzlich sind, dass unser Wohl vom Wohl der anderen abhängt. Deshalb ist es erforderlich, eine Welt zu erschaffen, in der es möglichst vielen gut geht.

​Sie haben ein Buch geschrieben mit dem Titel «Kreative Lebensbewältigung in Zeiten des Umbruchs». Was können wir tun? ​

Wir müssen die ausgetretenen Pfade verlassen, denn sie führen in die Irre. Unsere Konsum- und Leistungsgesellschaft ist gerade daran, ihre eigenen Lebensgrundlagen zu zerstören. Und vielerorts wird immer noch versucht, Konflikte mit Gewalt zu lösen, was nie zu einem friedlichen Miteinander führt. Es braucht neue positive Utopien, einen grundsätzlichen Paradigmenwechsel, als Basis für eine neue bessere Welt. 

​Angst und Sorge sind heute dementsprechend gross. Was geht in Menschen vor, wenn sie Krisensituationen durchleben? ​

Die Forschung zeigt, dass es gewisse Gesetzmässigkeiten gibt, wie wir auf persönliche oder kollektive Notlagen oder Umbrüche reagieren. So etwa beschreibt die deutsche Kulturwissenschaftlerin Erika Schuchardt acht Stufen der Krisenbewältigung. Sie variieren allerdings individuell und verlaufen nicht linear. 

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Wesentlich ist, dass der Mensch seine Fehlbarkeit akzeptiert und lernt, damit umzugehen.

Welche Stufen sind das?​

Zu Beginn fühlt man sich oft wie gelähmt, man verdrängt. Dann kann es zu einer Phase der Aggression kommen, zu einem Aufbäumen gegen die Umstände. Man versucht, zu verhandeln und sein Schicksal zu wenden. Glückt das nicht, folgen depressive Gefühle, wie: «Es ist alles verloren». Wichtig ist, dass in einer nächsten Stufe die Angst überwunden wird und die Situation akzeptiert werden kann. Dies ermöglicht, genauer hinsehen und zu erwägen, was zu tun ist. Schliesslich tritt man aus der Opferrolle heraus und beginnt, solidarisch zu leben.​

In Krisen brechen erstmal Sicherheiten weg, das macht Angst. 

Ja, Angst ist einerseits ein Alarmzeichen, wenn Gefahr im Anzug ist. Sie schärft unsere Sinne und aktiviert unsere Schutzmassnahmen. Anderseits kann sie auch lähmen und verhindern, dass wir aktiv werden. Manchmal trübt Angst unser Urteilsvermögen, indem wir plötzlich sogar Harmloses als Gefahr und Bedrohung wahrnehmen. ​

​Wie findet man aus der Angst?​

Angst kann überwunden werden, indem man sich ihr stellt. Das beinhaltet auch, nach den Ursachen der Angst zu forschen. Wesentlich dabei ist, dass der Mensch seine Fehlbarkeit akzeptiert und lernt, damit umzugehen. 

​Sich in bedrohlichen Situationen zu wehren ist eine natürliche Reaktion. Wann ist dies sinnvoll?​

Es ist wichtig, dass sich Menschen wehren, wenn fundamentale Grundwerte und Normen mit Füssen getreten werden. Genauso wenig dürfen im Namen eines Kollektivs Individualität, Eigenarten oder Traditionen ganzer Völker unterdrückt werden. 

Es ist ebenfalls sinnlos zu versuchen, alles zu zementieren und um jeden Preis an alten Zöpfen festzuhalten.

Wann lohnt sich Widerstand nicht?​

Wenn es sich um Veränderungen handelt, die nicht mehr rückgängig gemacht werden können, muss man der neuen Realität ins Auge sehen. Es ist ebenfalls sinnlos zu versuchen, alles zu zementieren und um jeden Preis an alten Zöpfen festzuhalten. 

​Was braucht es damit Krisen konstruktiv bewältigt werden können?​

Ein wichtiger Schritt ist, dass die betroffene Person sich der Situation stellt. Das heisst, sie lebt nicht mehr gegen die Krise, sondern mit der Krise. Sie erkennt, was geändert werden kann und was nicht. Indem sie sich der Realität stellt, wird es möglich, Neues auszuloten. Wichtig dabei ist die Weise, wie das Problem wahrgenommen wird. Die positive Psychologie legt den Fokus auf die Ressourcen und nicht auf die Defizite. Eine solche Sicht der Situation hilft, Probleme zu bewältigen, ohne sie zu beschönigen. Die Opferrolle wird abgelegt, die Person zur Gestalterin des eigenen Lebens. Sie vertraut auf ihre Selbstwirksamkeit und auf ihre Fähigkeit, ihr Leben zu steuern.

​In Ihrem Buch bezeichnen Sie die Exodus-Geschichte als Paradigma für den Aufbruch in ein befreites Leben. Wie können biblische Geschichten in der heutigen Zeit Orientierung geben?​

Die Situation des versklavten jüdischen Volkes im damaligen Ägypten war dramatisch und schien aussichtslos. Aber es ist nicht die Aufgabe der Menschen, Diener eines Systems zu sein, weder damals noch heute. Hier kommt Gott ins Spiel und verspricht Befreiung. Er ruft uns auf, uns aus jeglicher Art von Zwang und Unterdrückung zu befreien, sei sie politisch, wirtschaftlich, religiös, sozial oder psychisch. Der Aufbruch wird möglich durch das Versprechen, dass Gott uns begleitet und bedingungslos beisteht. Dadurch wird die Angst überwunden und der Glaube gestärkt, dass alle etwas dazu beitragen können, gemeinsam eine bessere Welt zu erschaffen. 

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Christiane Blank, 76

Die Theologin und Psychologin lehrte 25 Jahre lang als Professorin an der Päpstlichen Theologischen Fakultät von São Paulo; seit ihrer Emeritierung lebt sie mit ihrem Mann wieder in der Schweiz. Ihr Spezialgebiet ist die Erforschung neuer Kommunikationstechniken zur Konfliktbewältigung und die Suche nach Strategien zur Überwindung psychosozialer Problemsituationen. 

 

Krisen stellen oftmals den Glauben auf die Probe. Man fragt sich, was das für ein Gott sein kann, der so viel Schreckliches zulässt?​

Lassen Sie mich ein Bild anwenden: Ein guter Erzieher lässt zu, dass seine Zöglinge Fehler machen. Er sorgt aber dafür, dass sie aus den Fehlern lernen. Gott nimmt in Kauf, dass dieser Lernprozess unter Umständen sehr lange dauert und sehr schmerzhaft ist. Letztlich aber wird das Gute siegen.

​Weshalb sind Sie sich dessen sicher?​

Die Resilienzforschung zeigt, dass wir Krisensituationen am besten bewältigen, wenn wir mindestens eine Bezugsperson haben, auf die wir uns verlassen können, die an uns glaubt und uns unterstützt. Gott bietet uns diese Unterstützung an, bedingungslos und unkündbar. Interessanterweise zeigte sich in der psychologischen Forschung, dass dieses Versprechen konkrete Wirkung zeigt. Menschen die an Gott glauben, verfügen in Krisensituationen über mehr Resilienz. Allerdings trifft das nur für jene Gläubigen zu, deren Gottesbild positiv geprägt ist. 

​In Europa wenden sich immer mehr Menschen von der Kirche ab, sie scheint keine Hilfe mehr zu sein. ​

Viele Leute haben ein verstaubtes Bild vom Christentum, von einem strafenden Gott und einengenden Regeln. Doch in den meisten Menschen steckt eine Sehnsucht nach einer höheren Instanz, nach einer anderen Dimension. Wenn die Kirche die frohe Botschaft von Jesus als Basis nimmt und in offener Art zeigt, wie dynamisch und vielseitig diese ist, entsteht eine offene Kirche. Eine, die vermittelt, dass Gott mit uns ist, uns akzeptiert, wie wir sind. Dass er uns nicht fallen lässt, sondern uns hält und uns Kraft gibt.

Das Entstehen einer neuen, besseren Welt beginnt letztlich bei jedem Einzelnen.

​Sie haben von einer besseren Welt gesprochen. Wie könnte diese aussehen?​

Hans Küng hat in seinem Konzept «Weltethos» klar umrissen, dass ethische Leitlinien das Handeln des Menschen bestimmen sollen. Dazu gehören Werte wie Respekt vor dem Leben, Gewaltlosigkeit, Gerechtigkeit, Solidarität und Wahrheit statt Lüge. Das Entstehen einer neuen, besseren Welt beginnt letztlich bei jedem Einzelnen. Es weitet sich aus, indem man sich vernetzt und solidarisch handelt. 

​Sie haben also die Hoffnung noch nicht verloren?​

Nein, denn es gibt immer Möglichkeiten, etwas zu verändern, auf der persönlichen wie auf der kollektiven Ebene. Wir sind also aufgefordert, nach Lösungen und Alternativen zu suchen und diese umzusetzen, Schritt für Schritt, auf das Ganze vertrauend. Daraus entsteht eine Dynamik, die nicht mehr im Sand verläuft. 

 

Impulse zur Neuorientierung

Coronapandemie, Klimawandel, wirtschaftliche Unsicherheit und Kriege, aber auch persönliche Krisen gehören zu den Erfahrungen, die zutiefst destabilisieren. Nicht selten sind Resignation und Ängste die Folge. Gerade solche Situationen erfordern Sinnsuche und Strategien zur Daseinsbewältigung, führen oftmals zu einer Neuausrichtung im Leben. Auf der Basis von Psychologie und christlicher Spiritualität zeigt Christiane Blank Möglichkeiten auf, Krisenerfahrungen konstruktiv und kreativ zu bewältigen – in der Familie wie in der Arbeitswelt, vom Alltag bis hin zu den grossen Weichenstellungen im Leben. Dabei werden psychologische Mechanismen und deren Auswirkungen auf die seelische Gesundheit ebenso verständlich erklärt wie theologische Grundlagen verschiedener Gottes- und Menschenbilder. 

Christiane Blank: «Kreative Lebensbewältigung in Zeiten des Umbruchs». Theologischer Verlag Zürich, 2023

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