«Mit solchen Zuständen hatte ich nicht gerechnet, nicht in Europa»
Allein seit Anfang 2016 erreichten gemäss dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) 36'854 Flüchtlinge die Insel Lesbos. Sie kommen per Boot übers Meer aus der zehn Kilometer entfernten Türkei. Insgesamt setzten im Januar 60'000 Flüchtlinge nach Griechenland über. Die Hälfte davon stammt aus Syrien. Im Januar machten sich zum ersten Mal fast gleich viele Frauen und Kinder wie Männer auf den Weg nach Europa.
Die Nachrichten von den Zuständen auf den Flüchtlingsrouten bewegen viele Freiwillige dazu, vor Ort zu helfen. Marco Knobel ist einer von ihnen. Er verbrachte Ende Dezember zehn Tage als freiwilliger Helfer auf der Insel Lesbos.
Marco Knobel, ein Grund für Ihren Einsatz war das Verlangen zu wissen, wie es auf der Flüchtlingsroute tatsächlich aussieht. Entsprach die Realität den Bildern, die wir aus den Medien kennen?
Die Bilder von ankommenden Flüchtlingen in überfüllten Gummibooten widerspiegeln die Realität. Aber was danach die Flüchtlinge erwartet, das bekommen wir in den hiesigen Medien kaum zu sehen. Man denkt sich, wenn die Flüchtlinge die Insel erreicht haben, dann haben sie es geschafft. Aber dem ist nicht so. Menschen sterben in den Camps an Unterkühlung. Es herrscht Chaos. Mit solchen Zuständen hatte ich nicht gerechnet, nicht in Europa.
Was passiert mit den Flüchtlingen nach ihrer Ankunft?
Wenn sie Glück haben, treffen sie am Strand auf freiwillige Helfer. Diese informieren das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, welches die Flüchtlinge in Bussen zum Camp im Südosten der Insel bringt. Doch dort werden sie nicht informiert, was sie machen müssen. Es gibt zwei Stellen für die Registrierung; eine für Syrer und Iraker und eine andere für die restlichen Nationalitäten. Freiwillige vor Ort instruieren die Flüchtlinge, was zu tun ist. Es ist ein kompliziertes System, das ständig ändert. Für die Registrierung müssen die Flüchtlinge ein Ticket lösen und warten wie bei uns in der Post. Das kann vier, fünf Tage dauern. Nur wenn die Flüchtlinge registriert sind, können sie einen Fahrschein für die Fähre nach Athen lösen.
Wie werden die Flüchtlinge bis zur Registrierung versorgt?
Was mich am meisten schockiert hat, waren die fehlenden Strukturen. Der griechische Staat verteilt kein Essen und hindert andere Organisationen daran, aktiv zu werden. Freiwillige wollten auf dem Gelände der Behörden grosse Zelte aufstellen, weil es zu wenig Unterschlupf gab. Die Behörden haben dies verboten. Deshalb bauten die Freiwilligen ihre grossen Zelte auf einem angrenzenden Stück Land auf, das sie von einem Bauer für 1'000 Euro pro Monat mieten. Dort gibt es medizinische Notfallversorgung, ein Kleiderdepot, Gassenküchen und ein Teezelt. Ohne all diese Freiwilligen würden wir eine humanitäre Katastrophe erleben.
Was haben Sie vor Ort konkret gemacht?
Wir haben Zelte aufgestellt, Menschen einen Schlafplatz zugeteilt, Decken, trockene Kleider und Essen verteilt, aufgeräumt oder kranke Menschen zum Arzt gebracht. Mit der Organisation «Better Days for Moria», die das Gelände mietet, waren wir schon vor der Abreise in Kontakt. Auf der Insel haben wir uns bei ihnen gemeldet, wurden eingeführt und dann haben wir mit angepackt. Mein Freund Andreas Lustenberger und ich hatten zu Hause 8'000 Franken gesammelt. Die haben wir vor Ort gespendet. Ein Teil ging an das Teezelt, das von einem Schweizer betrieben wird. Dort haben wir auch mitgeholfen und Tee und Früchte verteilt.
Was müsste passieren, damit weniger Chaos herrscht?
Es braucht eine Taskforce, die das Ganze organisiert. Zudem müssen die Behörden an einem Strang ziehen, die Organisationen vor Ort unterstützen und ihnen keine Steine in den Weg legen. Ich glaube, dass man die Bedingungen bewusst unattraktiv halten will, um so Flüchtlinge abzuschrecken.
Was nützt die freiwillige Hilfe vor Ort tatsächlich?
Diese Frage wirft Kontroversen auf. Gegner sagen, die Freiwilligen kurbeln die Flüchtlingsströme an und werden so praktisch zu Helfershelfern der Schlepper. Aber anderseits habe ich mit meinem Einsatz vielleicht einem Kind das Leben gerettet, weil ich es mit 40 Grad Fieber zum Arzt gebracht habe. Ich bin von der Hilfe vor Ort überzeugt und überlege, im April noch einmal hinzufahren. Aber auch das freiwillige Engagement in der Schweiz ist wichtig für die Betreuung und Integration von Flüchtlingen. Die Herausforderungen gibt es nicht nur auf Lesbos, sondern auch in der Schweiz.
Welchen Einfluss hat Ihre Erfahrung als freiwilliger Helfer auf Lesbos auf Ihren Alltag hier in der Schweiz?
Das Thema Migration war mir als politisch aktiver Bürger oft lästig, weil man mit dem Thema in politischen Diskussionen nur verlieren kann. Aber nach meinem Einsatz verstehe ich jetzt die menschliche Dimension der ganzen Tragödie. Da herrschen echte Perspektivlosigkeit, ein riesiges Elend und reale Schicksale. All das selber vor Ort gesehen und erlebt zu haben, hat meine Sicht auf Migration verändert.
Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».
Marco Knobel
Der 28-jährige Techno-Polygraf studiert visuelle Kommunikation in Bern. Er ist Sekretär der Partei «Alternative - die Grünen Zug» und arbeitet nebenbei als selbstständiger Grafiker. Im November entschloss er sich zusammen mit seinem Freund Andreas Lustenberger für Flüchtlinge vor Ort zu engagieren.
Zum Bild: Flüchtlinge halten die Ankunft auf der Insel Lesbos in einem Foto fest.
Foto: Marco Knobel
Wer sich für Flüchtlinge engagieren oder über Asyl und Integration informieren möchte, findet hier Tipps, Hinweise und Projekte in Ihrer Nähe: https://www.fluechtlingshilfe.ch/ich-moechte-fluechtlingen-helfen.html
Nicola Mohler / reformiert. / 3. Februar 2016
«Mit solchen Zuständen hatte ich nicht gerechnet, nicht in Europa»