Niklaus Brantschen: Zurück zu den Wurzeln der Spiritualität
Mit seinem neuesten Buch «Du bist die Welt – schamanischer Weisheit auf der Spur» kehrt Niklaus Brantschen zu den Ursprüngen der Religiosität zurück. Die Idee zum Buch beginnt unspektakulär, beinahe beiläufig: mit einem Besuch bei der Nichte, die sich selbst augenzwinkernd «Kräuterhexe» nennt. Für Niklaus Brantschen jedoch wird diese Begegnung zum Ausgangspunkt einer Bewegung, die weit über familiäre Bande hinausführt – zurück an einen Ort, den die Moderne weitgehend vergessen hat: an die Quellen der Spiritualität.
Der Jesuit, 1937 im Walliser Bergdorf Täsch geboren, ist ein Grenzgänger seit jeher. Er studierte Wirtschaftswissenschaften in St. Gallen, trat später in den Jesuitenorden ein, liess sich zum Priester weihen und wurde zu einem der bekanntesten Vermittler zwischen christlicher Mystik und Zen-Buddhismus im deutschsprachigen Raum. Jahrzehntelang leitete er das Lassalle-Haus in Bad Schönbrunn, einen Ort, an dem sich Stille und Dialog, Kontemplation und Weltverantwortung begegnen. Dass er sich nun dem Schamanismus zuwendet, wirkt vor diesem Hintergrund weniger wie ein Bruch als vielmehr wie eine konsequente Weiterführung seines Denkens.
Eine ‹geerdete Spiritualität› zeigt sich nicht in spektakulären Erlebnissen, sondern im Geschmack des Einfachen – in einer Mahlzeit, im Gehen über eine Wiese, im bewussten Atmen.
RĂĽckkehr zur Urerfahrung
In seinem neuen Buch «Du bist die Welt – schamanischer Weisheit auf der Spur» beschreibt Brantschen diese Bewegung als RĂĽckkehr zu einer UrÂerfahrung: der unmittelbaren Verbundenheit mit allem Lebendigen. Schamanismus, so versteht er ihn, ist keine exotische Praxis am Rand der Religionen, sondern deren ursprĂĽnglicher Kern – eine Haltung des Hörens, SpĂĽrens, Antwortens. Sie wurzelt in einer Zeit, in der Menschen sich noch als Teil eines atmenden Ganzen begriffen, nicht als dessen Beherrscher.
Diese Perspektive gewinnt an Dringlichkeit in einer Gegenwart, die von Beschleunigung, Konsum und digitaler Abstraktion geprägt ist. Die Entfremdung von der Natur ist längst nicht mehr nur ein ökologisches Problem, sondern auch ein spirituelles. Brantschens Vorschlag lautet daher nicht Rückzug, sondern Vertiefung: eine «geerdete Spiritualität», die im Alltag verankert bleibt. Sie zeigt sich nicht in spektakulären Erlebnissen, sondern im Geschmack des Einfachen – in einer Mahlzeit, im Gehen über eine Wiese, im bewussten Atmen.
Der Begriff der Weisheit erhält bei ihm eine sinnliche Dimension. «Sapientia» und «sapere», Weisheit» und Schmecken, gehören zusammen. Wer weise ist, weiss nicht nur, sondern kostet das Leben. Diese Betonung des Erfahrbaren verbindet Brantschen mit den schamanischen Traditionen, in denen Erkenntnis nicht primär durch Begriffe, sondern durch Beziehung entsteht: zu Pflanzen, Tieren, Landschaften, zu den Elementen – und letztlich zu sich selbst.
Seine eigene Biografie liefert dafür Resonanzräume. In Täsch, erinnert er sich, lebte noch die Ahnung einer Welt, in der das Magische und das Alltägliche ineinander übergingen. Die Urgrossmutter kannte Heilweisen, die nicht aus Büchern stammten, sondern aus Überlieferung und Erfahrung. Dieses Wissen, so Brantschen, sei nie ganz verschwunden – es sei lediglich überdeckt worden von einer religiösen Praxis, die sich zunehmend auf Worte und Dogmen konzentrierte.
Rationalisiertes Christentum
Hier setzt seine Kritik an. Die Kirchen, so argumentiert er, hätten ihre «schamanischen Wurzeln» oft verdrängt oder gar bekämpft. Das Ergebnis sei ein rationalisiertes Christentum, das zwar korrekt formuliert, aber existenziell oft blass bleibe. Dabei lasse sich gerade in den biblischen Texten eine andere Spur erkennen: in den Gleichnissen Jesu, in seiner Aufmerksamkeit für die Lilien auf dem Feld, in seinen Heilungen. Auch die franziskanische Tradition mit ihrem Lob der Schöpfung sei Ausdruck dieser tieferen Verbundenheit.
Brantschen plädiert deshalb für eine Wiederentdeckung jener Dimensionen, die Religion einst lebendig machten: Rituale, Jahreszeitenfeste, die Wahrnehmung von Licht und Dunkel, Werden und Vergehen. Wer diese Zyklen ernst nehme, finde nicht nur zu einer intensiveren Spiritualität, sondern auch zu einer neuen Verantwortung gegenüber der Erde. Weisheit und Mitgefühl, so seine Überzeugung, wachsen gemeinsam.
Vielleicht liegt gerade darin die leise Provokation seines Ansatzes. In einer Welt, die nach immer neuen Konzepten verlangt, erinnert er an etwas, das keiner Erfindung bedarf. Der Geschmack des Lebens, von dem er spricht, ist kein fernes Ziel. Er ist, wenn ĂĽberhaupt, nur eine Frage der Wahrnehmung.
Â
Lesung von Niklaus Brantschen, KlosterÂkirche Olten, Mittwoch, 29. April, 19.30 Uhr, «Du bist die Welt – schamanischer Weisheit auf der Spur», Niklaus Brantschen im Gespräch mit Katharina Fuhrer
Â
Niklaus Brantschen: Zurück zu den Wurzeln der Spiritualität