Notschlafstelle Olten: Nur dank Sozialwerk Pfarrer Sieber noch geöffnet
Kurz vor 19 Uhr an der Bleichmattstrasse in Olten. Drei Männer stehen im Halbdunkel, die Mützen tief ins Gesicht gezogen. Sie treten ungeduldig von einem Fuss auf den anderen, eine Zigarette glimmt. Die Begrüssung fällt knapp aus. Gleich wird Diana Greiner das kleine Fenster in der Tür zur Notschlafstelle öffnen – der offizielle Beginn eines Abends. Drinnen warten ein warmes Essen und ein Bett im Viererzimmer. Am nächsten Morgen, um Punkt acht, müssen alle wieder hinaus. Zehn bis zwölf Menschen suchen hier jede Nacht Zuflucht. Betrieben wird die Unterkunft vom Verein «Schlafguet».
Unverschuldet wohnungslos
Greiner, die Betriebsleiterin, kennt die Geschichten ihrer Gäste. Viele ähneln sich, und doch hat jeder Fall seine eigene Tragik: Trennungen, Jobverlust, psychische Krisen, Krankheiten, Streit mit Vermietern. Und über allem: ein Wohnungsmarkt, der selbst für Gutverdienende zur Herausforderung geworden ist. Einer der Gäste stand nach einer Haussanierung plötzlich vor einer Miete, die er nicht mehr stemmen konnte. Erst schlief er bei Freunden auf der Couch, dann unter freiem Himmel. Nun ist er froh, hier einen Platz zu finden. Andere nutzen die Notschlafstelle als sicheren Ort, um ihr Leben zu sortieren, überhaupt wieder Struktur zu finden. Viele schämen sich, Behörden um Hilfe zu bitten. Greiner sagt: «Es ist oft leichter, zuerst hier anzuklopfen.»
Drogen und Alkohol? «Selten ein Thema», sagt sie. Konsum und Handel sind im Haus strikt verboten. Dennoch kommt es zu Konflikten, zu ruppigen Worten, gelegentlich zu Ausbrüchen von Aggression – die Schattenseiten eines Lebens, das von Unsicherheit geprägt ist.
Seit April 2024 öffnet die Oltner Notschlafstelle Abend für Abend ihre Türen. Im ersten Betriebsjahr verzeichnete sie 2400 Übernachtungen. Ohne die 25 Freiwilligen, die von 19 Uhr bis 8 Uhr im Einsatz sind, wäre dies nicht zu stemmen, betont Greiner. Sie spricht von einem «Netzwerk der Solidarität», das die Unterkunft überhaupt erst möglich mache.
Freiwillige können sich melden: bleichmattstrasse@schlafguet-olten.ch oder 077 255 92 92.
Gelder von Privaten und Kirchen
Doch dieses Netz droht zu reissen. Die jährlichen Kosten von 400‘000 Franken werden ausschliesslich durch Spenden gedeckt – von Kirchen, Stiftungen, Privatpersonen. Öffentliche Gelder? Fehlanzeige. Die Kantone Solothurn und Aargau sowie die Gemeinden sehen die Betreuung von Obdachlosen nicht als staatliche Aufgabe. Für die Oltner Unterkunft bedeutet das permanenten Finanzdruck.
Im August vergangenen Jahres zog «Schlafguet» die Reissleine. Die Notschlafstelle, erklärte der Verein, müsse Ende Oktober schliessen. Für die Menschen, die kurz vor dem Winter auf ein warmes Bett angewiesen sind, ein Albtraum. In letzter Minute sprang das Sozialwerk Pfarrer Sieber (SWS) aus Zürich ein. Es übernahm eine Defizitgarantie bis zum Frühling und unterstützt die Oltner organisatorisch.
Warum hilft ein Zürcher Werk einer Oltner Einrichtung? Sprecher Walter von Arburg erklärt gegenüber «reformiert.» nüchtern: «Indirekt entlasten wir damit unsere eigenen Angebote.» Im vergangenen Winter waren die SWS-Notschlafstellen in Zürich überfüllt, die Nachfrage teils erdrückend. Wäre Olten geschlossen worden, wären die Menschen weitergezogen – nach Zürich, vielleicht Bern.
Gespräche mit der Stadt Olten
In Kürze wird der Verein mit der Stadt Olten über eine Leistungsvereinbarung verhandeln. Gleichzeitig berät das Gemeindeparlament einen dringlichen Auftrag dazu. Co-Präsident Timo Probst zeigt sich zuversichtlich, dass ein gutes Ergebnis erzielt wird.
Diana Greiner erfährt in der Notschlafstelle viel Dankbarkeit: Viele Gäste freuen sich über Unterstützung, Rat, ein warmes Essen und ein Bett – und danken dafür. Für manche ist dies der erste Schritt zurück in ein normales Leben. Umso weniger versteht Greiner, warum die Politik bei der Finanzierung zögert. Es geht um Menschen ohne Wohnung, ohne Schutz vor Gefahren, Wind und Wetter. Wenn Greiner abends nach Hause kommt, schätzt sie ihr Bett, das Essen und die warme Heizung – Dinge, die für sie selbstverständlich sind. Für andere nicht.
Notschlafstelle Olten: Nur dank Sozialwerk Pfarrer Sieber noch geöffnet