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Armut im Vereinigten Königreich

Obdachlos in London

von Cornelia Krause / reformiert.info
min
05.05.2023
Seit Jahren lebt David Fussell ohne Dach über dem Kopf in der britischen Hauptstadt. Mit kreativen Ideen und Hilfsangeboten wie dem «Breakfast on the steps» der Swiss Church versucht er, sich über Wasser zu halten. Nun steckt Grossbritannien auch noch in der grössten sozialen Krise seit Jahrzehnten.

Es gibt eine Dokumentation über David Fussell im Internet. In 30 Minuten erzählt der Film eine fast unglaubliche Erfolgsgeschichte: Wie Fussell, seit Jahren obdachlos in London, seinen eigenen Horrorfilm produziert hat. Zur Premiere in einem Londoner Kino kamen vor vier Jahren Schauspieler, Freunde und Verwandte Fussels. Und am Kino prangte in grossen Buchstaben «Mystic Demon Killer by David Henry Fussell». 

Noch heute blitzen Fussells Augen, wenn er davon erzählt. Er sitzt in einem Gemeinschaftscafé der King`s Cross Kirche an einem runden Tisch, hinter ihm in der Ecke stehen sein Rucksack, zwei grosse Taschen und seine Gitarre. Draussen ist es knapp über null Grad, es regnet, drinnen ist es warm, und es gibt gratis Tee und Kaffee. 

Filmschnitt bei einer Hilfsorganisation

Die Produktion des Horrorfilms war ein Kraftakt ohne Equipment. Schnitt und Nachbearbeitung machte Fussell am Computer einer Hilfsorganisation.  Die Premiere organisierten die Produzenten des Dokumentarfilms. «Wenn ich schon mein Haus und meine Arbeit verloren habe, mache ich jetzt wenigstens etwas, das ich schon immer machen wollte», erklärt Fussell seine filmische Karriere. Ein neues Projekt hat er schon im Kopf.

Wenn ich schon mein Haus und meine Arbeit verloren habe, mache ich jetzt wenigstens etwas, das ich schon immer machen wollte.

Eigentlich ist der 60-Jährige gelernter Automechaniker, einen Grossteil seiner Kindheit verbrachte er in Wales. Vor über zehn Jahren verlor er sein Haus. Es sei bei Strassenarbeiten beschädigt worden, sagt er. Als ihm auch noch der Job bei einem Detailhändler gekündigt wurde, zog es ihn in die britische Hauptstadt. 

Nachts auf der Strasse, tags im Job

Mehrere Jahre schaffte er einen aussergewöhnlichen Spagat: Nachts schlief er auf der Strasse, tagsüber räumte er Regale in einem Kleidergeschäft ein. «Ich habe immer darauf geachtet, dass man mir die Obdachlosigkeit nicht ansieht», sagt er. So hält er es auch jetzt: Er trägt ein dunkelblaues Karohemd und schwarze Jeans, seine Haare sind akkurat geschnitten.  

Dass Fussell seinen Job schliesslich verlor, führt er auf eine Verkettung unglücklicher Umstände zurück: Jugendliche Randalierer kickten ihm nachts, als er auf seinem Schlafplatz lag, eine Flasche gegen den Kopf, klauten ihm das Handy. So konnte er seinen Arbeitgeber nicht rechtzeitig über seine Verletzung und seine Abwesenheit informieren. Fussell blieb an diesem Tag fern. Und kehrte nie wieder zurück.

Seitdem schlägt er sich mit Gelegenheitsjobs durch. Sozialhilfe bezieht er nicht, weil sie mit strengen Auflagen verknüpft ist. Etwa die Verpflichtung, eine Arbeit zu suchen. «Ohne festen Wohnsitz ist das fast unmöglich», sagt Fussell. Und im Winter bleibe für die Jobsuche ohnehin keine Zeit. Da geht es um Existenzielles: sich warm zu halten, ausreichend zu essen, gesund zu bleiben. 

Fussell richtet seinen Tagesablauf nach den kostenlosen Hilfsangebote für Obdachlose. An diesem frühen Montagabend macht er sich auf den Weg zum Malteserorden in der Kirche St. James. Zwei Mal die Woche bietet die katholische Hilfsorganisation im grossen Kellerraum ein Abendessen für Obdachlose. Über ein Dutzend Freiwillige helfen beim Bewirten. Es gibt Auflauf mit Huhn, zum Nachtisch Muffins. «Einen Nachschlag kann ich Euch leider nicht bieten, denn es sind recht viele gekommen, aber ich verspreche Euch, ihr werdet alle satt», begrüsst die Leiterin des Freiwilligenteams die rund 60 Gäste, die an den Tischen Platz genommen haben.

 

Abendessen beim Malteserorden.

Auf der BĂĽhne beim Malteserorden. Fotos: Natalia Krezel

 

Nach der Pandemie hätten viele Anlaufstellen gar nicht mehr aufgemacht, erzählt Fussell. Nun erschwert die Inflation sein Leben zusätzlich. Muss er sich eine warme Mahlzeit in einem Café oder einem Pub kaufen, kostet das schnell 20 Pfund. «Erst die Pandemie und jetzt die hohen Lebenshaltungskosten: Es ist wie ein Orkan.»

Erst die Pandemie und jetzt die hohen Lebenshaltungskosten: Es ist wie ein Orkan.

Die Gäste und die freiwilligen Helfer kennen sich. «Na, wann steckst Du die Gitarre ein?», fragt ihn eine ältere Frau, die das Essen serviert. «Mein grösster Fan», lacht Fussell. Gitarre hat er schon als Kind gelernt, das Singen liegt ihm. Bald will er es als Strassenmusiker versuchen, doch die Bewilligungen für die Londoner U-Bahn und Bahnhöfe kosten viel Geld. «Hier kann ich zumindest schon mal üben, vor Publikum zu spielen», sagt er und packt nach dem Essen einen Verstärker und eine blau-schwarze E-Gitarre aus, stimmt mit klarer kräftiger Stimme «Sittin` on the dock of the bay» von Otis Redding an.

Gegen neun Uhr abends leert sich der Raum, auch Fussell nimmt seinen Rucksack, seine Taschen und den Instrumentenkoffer und macht sich auf den zehnminütigen Fussmarsch zu seinem Schlafplatz. Er hat schon vor Kirchen geschlafen und Warenhäusern, derzeit sucht er nachts Schutz vor einem Möbelgeschäft. «Es ist schon verrückt, dass ich ausgerechnet vor einem Geschäft mit Komfortmöbeln schlafe, die ich mir wohl nie leisten kann», sagt er und schüttelt den Kopf.   

Doch die Schlafplätze müssen gut ausgewählt sein: Teure Läden sind meist videoüberwacht, so bleiben Randalierer fern. Vordächer bieten Schutz vor Regen, das kommt ihm auch an dem Abend zugute. Die Geschäftsinhaber tolerierten die Obdachlosen, sagt Fussell. «Solange man früh genug wieder weg ist und den Ort sauber verlässt.» Rund zehn Minuten braucht er, um sein grünes Zelt aufzustellen. Dann verstaut er seine Taschen und die Gitarre. Gegen halb zehn liegt er im Schlafsack.

 

Zehn Minuten braucht David Fussell fĂĽr den Aufbau seines Zeltes. Foto: Natalia Krezel

 

Am Dienstagmorgen noch vor sieben Uhr steht er im Stadtteil Covent Garden in der Swiss Church in London. Es laufen die Vorbereitungen für das «Breakfast on the steps», einem kostenlosen Frühstück für Quartierbewohner. Koordiniert wird das Angebot von Andreas Feller. Der 32-Jährige Schweizer organisiert es ehrenamtlich, unterstützt wird er an diesem Morgen von vier anderen Freiwilligen.   

Schwierigkeiten gibt es selten, aber wenn ich einschreiten muss, wissen die Gäste, dass ich fair bin.

Das Frühstück sei ausserordentlich gut, mit anständigen Portionen, sagt Fussell. Doch selber essen kann er nur nebenbei, denn er ist bei der Swiss Church auf Stundenlohnbasis als Türsteher angestellt. Gibt es Probleme zwischen den Besuchern, soll er vermitteln, von vielen Stammgästen kennt er die Lebensgeschichte. «Schwierigkeiten gibt es selten, aber wenn ich einschreiten muss, wissen die Gäste, dass ich fair bin.»

Immer die TĂĽr im Blick

Kaum öffnet Fussell um halb acht Uhr die Tür, füllt sich der Raum mit Menschen in dicken Winterjacken. Sie bedienen sich am langen Buffett mit Sandwiches, Joghurt, Tee und Kaffee und nehmen an den Tischen im weissgetünchten Kirchenraum Platz. Vor allem Männer sind gekommen, viele lassen sich im Vorraum von den Coiffeuren Jake und Bence nach dem Essen noch umsonst die Haare schneiden – ein zusätzliches Angebot, einmal im Monat.   

Auch Fussell bleibt während des Frühstücks im Vorraum, behält den Eingang im Blick. Es herrscht ein reges Kommen und Gehen. «Ich schätze, es waren etwa 60 Gäste», sagt er etwa zwei Stunden später. Er hilft noch beim Aufräumen, stellt Tische und Stühle zusammen.

Bilder aus der Perspektive von Obdachlosen

Dann macht er sich auf den Weg zu einem weiteren Job – in einem schicken Londoner Bürogebäude. Neben der Rezeption hat sein Kollege Allan bereits einen grossen Stand aufgebaut mit Postkarten und Fotokalendern. Es ist ein soziales Kunstprojekt der besonderen Art: Fotografiert haben die Motive Obdachlose mit Fuji-Einwegkameras. 

Einmal im Jahr werden 100 Kameras an die Teilnehmenden vergeben, danach haben sie eine Woche Zeit, um damit «ihr London» einzufangen. Die Kalendermotive wählt eine Jury aus, auch die Royal Photographic Society ist daran beteiligt. Am Verkauf der Kalender und Karten verdienen die Obdachlosen mit, wer es in den Kalender schafft, erhält eine zusätzliche Prämie. Dieses Jahr ist kein Foto, das Fussell gemacht hat, dabei, aber er zeigt eines seiner Motive aus dem Kalender von 2020: Ein Mann, fotografiert durch eine rote Londoner Telefonkabine.

 

Kalender für London-Liebhaber: Die «My London»-Kalender und Postkarten können auf der Webseite Café Art auch online gekauft und in die Schweiz geliefert werden. Wer David Fussell unterstützen will, gibt beim Kauf den Promo Code DHF2023 ein.

Die Bilder der «My London»-Kalender zeigen weniger das Elend auf der Strasse als ein buntes, fröhliches Stadtleben, oft aus ungewöhnlicher Perspektive: eisschleckende Kinder in Parks, bunte Glasskulpturen, die Skyline von London. Das Projekt, lanciert vom neuseeländischen Sozialunternehmer Paul Ryan, hat mittlerweile Schule gemacht, es gibt nun Kalender in verschiedenen Städten, unter anderem Sydney und Budapest.   

 

Die Hälfte des Erlöses geht an die Obdachlosen.

Kalenderverkauf in einem Bürogebäude. Fotos: Natalia Krezel

 

Fussell und sein Kollege bleiben den ganzen Tag am Stand. Sie hoffen darauf, dass die Angestellten der Büros in der Mittagspause Kalender und Karten kaufen. Seit der Pandemie läuft das Geschäft schlechter, weil mehr Menschen im Homeoffice sind. «So oder so ist es ein guter Platz, weil wir vor Schnee und Regen geschützt sind», sagt Fussell.

Ein Boot als Plan B

In den vergangenen Jahren konnte Fussell einen Teil der Einnahmen aus den Kalenderverkäufen sparen und hat sich neben der Filmproduktion einen weiteren Traum erfüllt. Er kaufte sich günstig ein gebrauchtes Segelboot mit Kabine. Noch lagert es ausserhalb von London auf Land, es braucht Reparaturen. Doch langfristig soll das Boot Fussell aus der Obdachlosigkeit befreien. Er träumt von einem Liegeplatz am Kanal, einem Leben an Bord. «Ich möchte etwas Eigenes, und ich will unabhängig sein.» Ein Leben auf dem Boot, das wäre genau sein Ding.

 

 

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