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Heks und Fastenaktion

Ökumenische Kampagne macht Saatgut zum Thema

von Tilmann Zuber
min
09.02.2026
Vier Agrarkonzerne kontrollieren mehr als die Hälfte des weltweiten Saatgutmarkts. Die Ökumenische Kampagne fordert: Saatgut muss Gemeingut bleiben. Denn Leben, Kultur und Identität seien eng mit den Pflanzensorten verbunden.

In ländlichen Gebieten Afrikas, Asiens und Lateinamerikas entscheidet ein Samenkorn über Leben oder Hunger, Unabhängigkeit oder Abhängigkeit. Saatgut ist mehr als ein landwirtschaftliches Mittel: Es bewahrt genetisches Wissen, kulturelles Erbe und sichert das Überleben von Hunderten Millionen Kleinbauern und -bäuerinnen. Doch dieses Fundament der Ernährung bröckelt weltweit – nicht nur durch Klimawandel und Kriege, sondern auch durch Strukturen, die Saatgut zum Handelsgut machen, statt es als Gemeingut zu schützen, so das Hilfswerk der evangelischen Kirchen Schweiz, Heks.

Vier Konzerne kontrollieren 56 Prozent des Saatguts weltweit

Nach Angaben der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen sind in den letzten 100 Jahren etwa 75 Prozent der Kulturpflanzenvielfalt verschwunden. Von einst 30‘000 essbaren Sorten bleiben nur noch wenige hundert, die den Grossteil unserer Kalorien liefern.

Gleichzeitig kontrollieren vier multinationale Konzerne – Bayer, Syngenta, Corteva und BASF – rund 56 Prozent des globalen Saatgutmarkts. Diese Marktkonzentration gebe wenigen Unternehmen die Macht, über Angebot und Preise zu bestimmen, erklärt ­Tina Goethe, Co-Leiterin Entwicklungspolitik Heks. Die Konzerne verkaufen Saatgut oft im Paket mit Pestiziden, ohne die die versprochenen Erträge ausbleiben. Das treibt die Kosten hoch, belastet die Umwelt und macht die Landwirtschaft anfälliger für den Klimawandel.

 

Tina Goethe, Co-Leiterin Entwicklungspolitik Heks. | Foto: Esther Unterfinger

Tina Goethe, Co-Leiterin Entwicklungspolitik Heks. | Foto: Esther Unterfinger

Freier Zugang zu lokalem Saatgut ist unverzichtbar für die Ernährungssicherheit von Milliarden Menschen.

 

Altes Saatgut gegen Dürren

Die Ökumenische Kampagne 2026 von Heks und «Brot für alle» lenkt den Blick auf diese Probleme. Sie berichtet von indischen Bäuerinnen, die alte Reissorten bewahren, weil diese Dürren trotzen, und von afrikanischen Gemeinschaften, die Saatgutbanken gründen.

Solche Berichte seien keine Romantisierung der Landwirtschaft, sondern ­Realität, sagt Tina Goethe. Rund die Hälfte der weltweiten Lebensmittel stamme von kleinbäuerlichen Betrieben. Im globalen Süden käme das Saatgut oft aus der eigenen Ernte oder vom lokalen Markt.

 

Ökumenische Fastenkampagne 2026

Am 16. Februar beginnt die ökumenische Fastenkampagne von Heks und Fastenaktion. Im zweiten Jahr des dreijährigen Zyklus zu Hunger und Ernährungssicherheit steht das Thema Saatgut im Fokus.

Unter dem Titel «Zukunft säen» thematisiert die Kampagne die schwindende Vielfalt von Saatgut und deren Folgen für die Ernährungssicherheit im Globalen Süden. Die Organisationen kritisieren, dass internationale Agrarkonzerne zunehmend die Kontrolle über Saatgut übernehmen und damit lokale Anbausysteme gefährden. Auf der anderen Seite argumentiert die Agrarindustrie, dass die heutige Landwirtschaft nur mit behandeltem Saatgut, Dünger und Pestiziden die Nahrungssicherheit für die wachsende Weltbevölkerung sicherstellen kann.

www.sehen-und-handeln.ch

 

«Freier Zugang zu lokalem Saatgut ist unverzichtbar für die Ernährungssicherheit von Milliarden Menschen», sagt Goethe. Doch seit etwa 30 Jahren schränken Sortenschutz und Vermarktungsgesetze diesen Zugang immer stärker ein. Traditionelle Praktiken wie Tausch und Wiederaussaat werden dadurch behindert. Die Agrarunternehmen wenden ein, dass ihre Innovationen – etwa neue Sorten mit höheren Erträgen oder besserer Widerstandsfähigkeit – darauf abzielen, die Produktivität zu steigern. Solche patentierten Technologien seien wichtig, um die wachsende Weltbevölkerung zu ernähren.

Saatgut als spirituelles Erbe

Traditionelle bäuerliche Saatgutsysteme sichern nicht nur eine nachhaltige Ernährung, sie haben auch spirituelle Bedeutung, betont die Ökumenische Kampagne. Saatgut verbindet Generationen und gilt als Geschenk der Schöpfung. Die Fastenzeit bietet Gelegenheit, Solidarität mit bäuerlichen Gemeinschaften im globalen Süden zu zeigen. «Wer lokal und saisonal einkauft und traditionelle Sorten wählt, setzt ein Zeichen für den freien Zugang zu Saatgut», so die Verantwortlichen.

Auch die Bibel greift das Thema Landwirtschaft auf. Jesus spricht in Gleichnissen vom Weinstock, von der Saat, die aufgeht oder verkümmert, oder von Vögeln auf dem Feld. Und das Himmelreich Gottes vergleicht er mit einem Senfkorn, aus dem einst ein riesiger Baum entstehen wird. Für Tina Goethe ist Saatgut ein ­Gemeingut, das bäuerliche und indigene Gemeinschaften weltweit entwickelt, ­bewahrt und weitergegeben haben. In diesen Gemeinschaften wird Saatgut frei und ohne Gewinnabsicht geteilt, um Sorten zu erhalten und die Artenvielfalt zu fördern. Für sie sind Samen mehr als eine Ware. «Leben, Kultur und Identität sind eng mit diesen Sorten verbunden», sagt Goethe.

 

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