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Pro und Contra Präimplantationsdiagnostik

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01.01.2016
Am 14. Juni stimmt das Schweizervolk über einen neuen Verfassungsartikel ab, der die Präimplantations­diagnostik erlaubt. Für die Medizin-Ethikerin Ruth Baumann-Hölzle überschrei­tet diese Vorlage die Grenze zur Menschen­züchtung. Für Ruth Humbel, CVP-Natio­nalrätin, ist die PID eine Errungenschaft der Medizin.

PRO

Frau Humbel, die CVP hat sich offenbar noch in ihrem Parteiprogramm vom Januar 2014 gegen die Pr√§implantationsdiagnostik (PID) ausgesprochen. Unterdessen hat die Partei die Ja-Parole ausgegeben. Warum bef√ľrworten Sie die PID?

Ruth Humbel: Die Pr√§implantationsdiagnostik wird der Pr√§nataldiagnostik gleichgestellt. Mit der PID k√∂nnen wichtige Untersuchungen nicht erst am Embryo im Mutterleib, sondern bereits vor der Einsetzung gemacht werden. Damit werden die Risiken einer Schwangerschaft f√ľr Mutter und Kind reduziert. Retter- oder Designerbabys bleiben klar verboten.

Welchem Personenkreis bringt die PID aus Ihrer Sicht Vorteile?
Die medizinisch unterst√ľtzte Fortpflanzung darf nur bei Paaren angewendet werden, die auf nat√ľrlichem Weg keine Kinder bekommen. PID gibt diesen Paaren bessere Behandlungsm√∂glichkeiten. Heute haben sie zwei M√∂glichkeiten: Sie lassen sich im Ausland behandeln oder der Embryo wird der Frau eingepflanzt. Dann steht es ihr frei, Schwangerschaftstests zu machen und sich gegebenenfalls f√ľr einen Schwangerschaftsabbruch zu entscheiden. Aus ethischer Sicht halte ich dieses Vorgehen als wesentlich problematischer, als wenn die Tests bereits vor der Einsetzung des Embryos in den Mutterleib durchgef√ľhrt werden k√∂nnten.

Die Anwendung der PID schliesst die Selektion von Embryonen ein und die Vernichtung von Embryonen, die nicht gebraucht werden. Warum können Sie damit leben?
Es besteht ein gesellschaftlicher Konsens, dass ein Schwangerschaftsabbruch bis zur zw√∂lften Schwangerschaftswoche straffrei m√∂glich ist. In diesem Zeitpunkt ist der Embryo wesentlich weiter entwickelt als am f√ľnften Tag der befruchteten Eizelle, wenn die PID zur Anwendung kommen kann. Im √úbrigen gibt es auch bei nat√ľrlichen Schwangerschaften eine Selektion, weil nicht alle Embryonen √ľberlebensf√§hig sind.

Gegner sagen: Mit der Zulassung der PID fällt der Embryonenschutz dahin. Stimmt das aus Ihrer Sicht?
Das stimmt nat√ľrlich nicht. Embryonen bleiben gesch√ľtzt. Sie d√ľrfen nicht zu Forschungszwecken missbraucht werden. Zudem ist darauf hinzuweisen, dass die PID nur bei einer kleinen Minderheit zur Anwendung kommen kann, n√§mlich bei den circa 2000 Kindern, welche pro Jahr dank einer k√ľnstlichen Befruchtung zur Welt kommen. Insgesamt kommen pro Jahr circa 80 000 Kinder zur Welt.
Behindertenorganisationen bef√ľrchten, dass die Selektion von Menschen zur Regel wird und deswegen die Solidarit√§t mit behinderten Menschen schwindet, weil diese ja ¬ęvermeidbar¬Ľ w√§ren.

Wie begegnen Sie solchen Bef√ľrchtungen?
Es ist zu unterscheiden zwischen dem privaten, eigenverantwortlichen Entscheid von Eltern und dem solidarischen Auftrag der Gesellschaft. Ich bin klar der Meinung, dass es die Aufgabe von Gesellschaft und Politik ist, Eltern mit behinderten Kindern zu unterst√ľtzen und Menschen mit Behinderungen eine gleichberechtigte Teilnahme am gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben zu erm√∂glichen. Dieser Anspruch wird mit verschiedenen rechtlichen Grundlagen, insbesondere auch mit dem Behindertengleichstellungsgesetz garantiert.

Interview Barbara Ludwig, kath.ch
Das Interview wurde schriftlich gef√ľhrt.



CONTRA

Frau Baumann-Hölzle, Sie haben sich intensiv mit der Präimplantationsdiagnostik (PID) beschäftigt, was hat Sie dazu motiviert?

Ruth Baumann-H√∂lzle: Die Fragen rund um die Fortpflanzungsmedizin besch√§ftigen mich seit 30 Jahren. Ich habe mich bereits in meiner Dissertation mit genetischen Untersuchungen auseinandergesetzt. Ich bin √ľberzeugt, dass sie unser ganzes Menschenbild ver√§ndern. Wir haben in unseren pluralistischen und demokratisch verbrieften Gesellschaften den Grundsatz, dass wir uns an der Menschenw√ľrde und an den Menschenrechten orientieren. Das heisst, dass wir den Menschen als Subjekt und damit als Person verstehen. Mit den neuen Techniken laufen wir Gefahr, dass der Mensch zunehmend zum Objekt bzw. zum Produkt seiner Eltern wird.

Der Schweizerische Evangelische Kirchenbund (SEK) k√∂nnte sich die PID f√ľr bestimmte F√§lle wie die Verhinderung der Weitergabe von Erbkrankheiten vorstellen. Und Sie?

Ich war eine Anhängerin des ersten Entwurfes des Bundesrates, weil er mir als guter gesellschaftlicher Kompromiss erschien. Es wäre dabei um eine Einzelfallabwägung gegangen. Also um Situationen, welche die Eltern von innen her kennen, und nicht darum, bestimmte Selektionsentscheide zu treffen. Die Technik wäre auf sehr schwere Erbkrankheiten beschränkt gewesen mit der Absicht, mit diesen betroffenen Paaren einen Weg zu gehen.
Nun aber wurde die PID so weit ge√∂ffnet, dass damit die Grenze zur menschlichen Zuchtwahl √ľberschritten wird.

K√∂nnen Sie Beispiele von relevanten Erbkrankheiten nennen, die ein solches Screening rechtfertigen w√ľrden?

Genau das darf man nicht. Das war auch f√ľr die Nationale Ethikkommission NEK klar. Sobald man diese Krankheiten benennt, besteht die Gefahr, dass das Leben von Menschen, die von dieser Erbkrankheit betroffen sind, als nicht lebenswert abgestempelt w√§re. Es darf also nicht zu solchen Katalogen kommen. Wenn ein Paar in der Familie die Erfahrung mit einer genetischen Erkrankung gemacht und sie als schwere Belastung erlebt hat, w√§re die PID zum Zuge gekommen. Neu ist es so, dass sie von allen Paaren beansprucht werden kann, die In-vitro-Fertilisation (IVF) in Anspruch nehmen. Damit ist aber die Grenze zur Menschenz√ľchtung √ľberschritten.
Das neue Fortpflanzungsgesetz erlaubt letztlich die Frage: ¬ęWas darfs denn sein?¬Ľ Die Embryonenzahl, die erzeugt werden darf, wird √ľbrigens im Verfassungsartikel nicht begrenzt, erst im Gesetz. Pro Zyklus d√ľrfen nicht mehr als 12 Embryonen gez√ľchtet werden. Die Paare brauchen im Durchschnitt 1,7 Zyklen, bis es zur Schwangerschaft kommt. Somit fallen viele √ľberz√§hlige Embryonen an. Daran ist besonders die Stammzellenforschung sehr interessiert.

Kann die Medizintechnik √ľberhaupt die Hoffnungen der Eltern auf ein gesundes Kind erf√ľllen?
Nein, es gibt keine Garantie, ein gesundes Kind zu bekommen. Die IVF selbst hat eine Fehlbildungsrate von 4,7 Prozent. Die meisten Behinderungen und Krankheiten entstehen nach der Geburt. Mehr als die H√§lfte der Frauen, die mit IVF zu einer Schwangerschaft gelangen, nehmen sp√§ter auch vorgeburtliche Untersuchungen in Anspruch dies empfehlen ihnen die Fortpflanzungsmediziner. Sie sind sich bewusst, dass die IVF selbst gewisse Risiken beinhaltet. Man weiss auch, dass sie unter Umst√§nden zur erh√∂hten Anf√§lligkeit f√ľr Herzkrankheiten oder Diabetes in der zweiten und dritten Generation f√ľhren kann.
Das stellt uns vor die Frage, wo die Grenzen unserer Verantwortungsf√§higkeit liegen! Sobald wir bewusst irreversible Interventionen vornehmen, die weitere Generationen betreffen, ist diese F√§higkeit √ľberschritten.

Interview Fritz imhof, idea

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