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Karl Barth-Tagung 2023

Raus aus der Spirale der Selbstverzwergung

von Vera Rüttimann
min
07.12.2023
An der Tagung «Karl Barth und die Zukunft der evangelischen Predigt» in Basel tauchten Pfarrerin Andrea Anker, Niklaus Peter, ehemaliger Pfarrer am Fraumünster Zürich, die Theologin Sonja Keller und die Journalistin Johanna Haberer am Schlusspodium tief in den Barthschen Kosmos ein.

Karl Barth hatte schon zu Lebzeiten einen klaren Blick dafür, dass die evangelisch-reformierte Kirche dereinst nicht mehr landeskirchliche Mehrheit sein würde. Und dass der evangelischen Predigt eine noch zentralere Bedeutung zukommen würde. «Sind wir», fragte Moderator Georg Pfleiderer, «fähig, das Erbe des berühmten reformierten Theologen weiterzutragen?»

Vielen der anwesenden Theologinnen und Theologen, Studierenden und Interessierten wurde an der Tagung die zentrale Bedeutung der Predigt deutlich. Aber: «Wenn die Kirche sich selbst predigt und die Institution im Mittelpunkt steht, dann wird ihr dieser Stock aus der Hand gerissen», so Johanna Haberer. Es gehe nicht darum, die Kirche zu retten, sondern dieses «Oberlicht in der Welt» zu erhalten.

Kommunikation des Evangeliums – aber wie?

Auf dem Schlusspodium wird deutlich: Karl Barths kraftvoller Predigtstil bleibt ein Vorbild für die Pfarrschaft, für sie selbst, für eine zukunftsfähige evangelische Kirche. Aber: Funktioniert der Predigtstil des Star-Theologen heute noch? Muss er das überhaupt? Niklaus Peter versteht Karl Barths Theologie und seine Art zu predigen als eine «unglaubliche Suchbewegung». Mit der Suche in der Predigt beschäftigt sich auch Sonja Keller. Die Theologin fasziniert an Karl Barth, «dass er davon ausging, die Antwort sei gegeben». In der Verkündigung empfindet sie es manchmal als belastend, ständig eine Antwort suchen zu müssen. «Wir müssen mehr in den Modus kommen, etwas weitergeben zu können», betont sie.

Wir müssen mehr an Orte gehen, an denen wir nicht so gerne gesehen werden.

Für Andrea Anker ist nicht nur der Predigtstil der Pfarrerinnen und Pfarrer entscheidend, sondern auch die Orte, an denen sie predigen. «Muss es nur der Sonntagsgottesdienst sein? Nein, wir müssen uns mehr als Propheten verstehen und an Orte gehen, an denen wir nicht so gerne gesehen werden.»

Johanna Haberer findet alle theologischen Sprachwelten bereits in der Bibel. «Da gibt es eine unglaubliche Vielfalt an Sprachen und Strategien», sagt sie. In dieser Vielfalt könnten sich viele darin wiederfinden. Andrea Anker legt Wert auf eine einfache Sprache: «Wir brauchen Predigerinnen und Prediger, die auch mit Menschen reden können, die weit weg sind von der theologischen Kernkompetenz».

«Es braucht mehr Leidenschaft»

«Was für Pfarrer», fragt Georg Pfleiderer, «brauchen wir in Zukunft?» Für Sonja Keller muss sich das Theologiestudium weiterentwickeln. «Reflexionsfähigkeit ist wichtig, denn der Pfarrberuf entwickelt sich ständig weiter.»

Für Niklaus Peter muss sich die Werbung für das Theologiestudium deutlich verbessern. «Es ist ein Problem, dass wir keine Leute haben, die sagen, Theologie sei eines der interessantesten Studienfächer, es führe zu einem Beruf, in dem man mit Menschen in komplexen Lebenssituationen zu tun hat. Unsere Kirche, betont Peter, wanke, weil es an Leidenschaft fehle.

Das sieht auch Johanna Haberer so: «Wir dürfen uns nicht im Wettbewerb mit anderen Pfarrerinnen und Pfarrern aufreiben. Wir müssen selbst mehr Freude an unserem Beruf finden.»

«Dürfen die Sprachfähigkeit nicht verlieren»

Für den Karl-Barth-Experten Niklaus Peter predigen Pfarrerinnen und Pfarrer heute eindeutig zu wenig: «Viele stehen alle sechs Wochen einmal auf der Kanzel. Dafür hat die Sitzungsdichte enorm zugenommen. Predigende Pfarrerinnen und Pfarrer verschwinden so aus der Öffentlichkeit.» Dadurch, so der Publizist, verlören sie ihre eigene Sprachfähigkeit, die auch für die Seelsorge immens wichtig sei. Die Form eines konzentrierten Sonntagsgottesdienstes mit einer wirklich guten Predigt, weiss Niklaus Peter, werde von vielen nach wie vor sehr geschätzt.

Durch viele Voten auf dem Podium zieht sich der Weckruf: «Raus aus der «Spirale der Selbstverzwergung!» In dieses Horn bläst auch Johanna Haberer: «Es gibt so viele wunderbar kluge und verrückte Pfarrerinnen und Pfarrer in der Kirche. Ich glaube, wir gehen einer Zeit entgegen, in der unser Glaube, unsere Bildung und unsere Fähigkeiten dringend gebraucht werden.

 

Karl Barth

Karl Barth war ein Schweizer Theologe und gilt als einer der einflussreichsten protestantischen Theologen des 20. Jahrhunderts.

Bekannt wurde er durch seine Wiederentdeckung der reformatorischen Theologie und durch seinen Beitrag zur Entwicklung der dialektischen Theologie.

Barth mischte sich in die Konflikte seiner Zeit ein, wurde verehrt und geschmäht. Er war auch ein wichtiger Vertreter des christlichen Widerstands gegen den Nationalsozialismus in Deutschland.

Am 10. Dezember jährt sich der Todestag von Karl Barth zum 55. Mal.

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