Selbstbehauptungskurse für Kinder sind stark gefragt
Wenn Sarah Bally über das Pilotprojekt spricht, wird sofort spürbar, wie viel Herzblut darin steckt. Die Sozialdiakonin der Reformierten Kirche Baar Neuheim hat in Zusammenarbeit mit drei Berufskolleginnen letztes Jahr erstmals Selbstbehauptungskurse für Kinder angeboten, innert weniger Stunden waren alle Plätze vergeben. «Wir wurden regelrecht überrannt», sagt sie. «Der Bedarf ist riesig.» Der grosse Erfolg der ersten Kursserie bildete die Basis, dieses Angebot 2026 fortzuführen.
In den vierteiligen Trainings lernen Kinder vom zweiten Kindergarten und bis zur sechsten Klasse, ihren Körper und ihre Gefühle wahrzunehmen, auf Warnsignale zu hören und Grenzen klar zu setzen. «Viele Kinder spüren zwar, dass etwas nicht stimmt, aber sie trauen ihrer Wahrnehmung nicht», erklärt Bally.
Im Kurs üben sie deshalb, Stopp zu sagen: verbal, mit Blickkontakt und Körperhaltung. «Wie stehe ich da? Wie klingt meine Stimme? Wann sage ich es? Das wird alles trainiert.» Besonders wertvoll ist, dass die Kinder ihre eigenen Alltagssituationen einbringen: Beleidigungen im Schulhausgang, zu aufdringliche Spielkameraden, unangenehme Berührungen. «Jede Gruppe ist anders, jede bringt ihre eigenen Beispiele mit. Wir stärken die Kinder genau dort, wo sie es brauchen.»
Ein ökumenisches Pilotprojekt – und ein voller Erfolg
Die Idee entwickelte sich aus mehreren Beobachtungen: Jüngere Kinder vertrauten Bally an, wo Grenzen überschritten wurden. Eltern berichteten von Mobbing. Erwachsene erzählten ihr von eigenen traumatischen Erfahrungen. «Da wurde mir klar: Es kann jede und jeden treffen. Und nicht wenige sind verunsichert, fühlen sich hilflos.»
Gleichzeitig tauschte sich Bally mit Kolleginnen aus der Sozialdiakonie im Kanton aus und merkte, das Thema betrifft viele Gemeinden. Über eine professionelle Kursleiterin von Pallas fand Bally schliesslich einen Ansatz, der überzeugte: ein kindgerechtes, gut erprobtes Konzept, das sowohl Prävention als auch konkrete Handlungsfähigkeit vermittelt. Getragen wird das Pilotprojekt gemeinsam von der Reformierten Kirche Kanton Zug und der katholischen Pfarrei St. Martin Baar. «Uns war wichtig, dass die Kinder kostenlos teilnehmen können», sagt Bally.
Was danach geschah, überraschte selbst das Projektteam: Der Kurs für die Mädchen und Jungs vom Kindergarten bis zur dritten Primarklasse war nach vier Stunden mehrfach überbucht, der für Mädchen von der vierten bis zur sechsten Klasse nach sieben Stunden ausgebucht.
Dieses Jahr wird das Angebot bereits ausgebaut: fünf Kurse, inklusive eines Trainings nur für Jungs von der vierten bis zur sechsten Klasse, geleitet von einem männlichen Kursleiter. Die Kurse beginnen spielerisch: Wahrnehmungsspiele, Ankommen im Körper. Danach folgen Rollenspiele, zuerst mit Objekten wie einem Schal oder einer Poolnudel, später mit mehr Nähe. Die Kinder lernen Schritt für Schritt, klare Grenzen zu setzen: Stopp! Bis hierhin und nicht weiter. «Alles ist sorgfältig angeleitet und altersgerecht. Die Kursleiterin ist sehr erfahren», sagt Bally. «Und man merkt, wie die Kinder von Woche zu Woche sicherer werden.»
Rückmeldungen, die berühren
Eltern berichten, wie sich ihr Kind verändert hat: sicherer, mutiger, klarer. Ein Mädchen konnte nach einer verbalen Attacke erstmals souverän reagieren. Dank eines Satzes, den es im Kurs gelernt hatte. «Das sind die Momente, die mich tief bewegen», sagt Bally. «Wenn Kinder plötzlich merken, Ich darf und kann Stopp sagen. Ich kann für mich einstehen.» Gleichzeitig zeigen die Anmeldungen, wie gross der Bedarf und die Not sind. Schon vor dem Starttermin habe sie Mails von Eltern bekommen mit der Bitte, dass ihr Kind einen Platz erhalte. «Zahlreiche Familien haben nach so einem Angebot gesucht.»
2026 läuft das zweite Pilotjahr. Danach möchte das Projektteam das Angebot überführen in ein beständiges, kostenloses Angebot für interessierte Kinder und Jugendliche des Kantons Zug. Langfristig könnten die Trainings in Schulen integriert werden, das wäre der Traum von Bally. Warum kämpft sie mit so viel Energie dafür? Sie wird einen Moment still. «Ich kenne genügend Betroffene», sagt sie. «Es kann jedem passieren. Und die Folgen können ein Leben lang nachwirken. Wenn wir junge Menschen stärken und sie Selbstvertrauen gewinnen, dann ist das enorm wertvoll. Es fühlt sich einfach richtig an.»
Alle Infos und Daten zu den Kursen auf ref-zug.ch.
Selbstbehauptungskurse für Kinder sind stark gefragt