Singen hinter Gittern: die Gedanken sind frei
BA-BA-BA-BU-BU-BU, TSCH-TSCH-TSCH, Z-Z-Z, GR-GR-GR, THI-THI-THI – es sind die üblichen, fröhlichen Geräusche, die während der Einsingphase eines Chors ertönen. Bloss handelt es sich nicht um eine übliche Musikstunde, die Chorleiterin Manu Hartmann und Dinah Hess, ökumenische Gefängnisseelsorgerin, abhalten: Sie arbeiten heute mit fünf Insassen des Gefängnisses Bässlergut. Sie wippen und lachen im Takt im Besucherraum des Gefängnisses.
Im Frühling 2026 hat die ökumenische Gefängnisseelsorge im Bässlergut ein neues Angebot ins Leben gerufen: einen Gefangenenchor. Das Projekt entstand aus einer Initiative von Chorleiterin Gabriela Kiefl, die bereits pädagogisch im Gefängnis tätig war. Gemeinsam mit der Gefängnisseelsorgerin leitete sie ehrenamtlich an einer Weihnachtsfeier erste Singstunden und stiess damit auf grosse Resonanz. So entstand die Idee, die Proben regelmässig weiterzuführen. Dank Spenden und Stiftungsbeiträgen probt der Gefangenenchor seither wöchentlich im Rahmen der Gefängnisseelsorge.
Wenn Singen Seelsorge wird
Dinah Hess begleitet die Menschen hinter den Gefängnismauern nicht nur musikalisch. Die evangelisch-reformierte Pfarrerin ist als ökumenische Gefängnisseelsorgerin im Untersuchungsgefängnis Waaghof und im Gefängnis Bässlergut tätig.
Im Gefängnis Waaghof betreut sie auch Frauen. Im Bässlergut sind ausschliesslich Männer inhaftiert. Sie führt vertrauliche Gespräche, betet mit Insassen und begleitet religiöse Rituale. Für viele Insassen ist sie eine der wenigen konstanten Bezugspersonen. Einsamkeit und das Bedürfnis nach einem vertrauenswürdigen Gegenüber prägen den Gefängnisalltag vieler Menschen hinter Gittern. Eine Herausforderung bleibt die Finanzierung: Die Gefängnisseelsorge ist weiterhin auf Spenden angewiesen.
Jede Woche andere Gesichter
«Das hier ist keine klassische Chorarbeit», erklärt Manu Hartmann, die heute die Probe leitet. Dafür fehle die notwendige Konstanz. Jede Woche nehmen andere Männer an den Proben teil. Einige kommen neu hinzu, andere werden entlassen oder in eine andere Einrichtung verlegt. Auch die sprachlichen Voraussetzungen sind sehr unterschiedlich. Manche Teilnehmer sprechen kein Deutsch, andere können weder lesen noch schreiben.
Deshalb setzt das Chorteam auf bekannte und leicht zugängliche Lieder. Im Repertoire stehen Klassiker wie «Die Gedanken sind frei», «Let It Be» oder «Amazing Grace». Eine Zeit lang nahmen regelmässig arabischsprachige Männer an den Proben teil. In dieser Phase wurden auch Lieder aus ihrem Kulturkreis gesungen. Die Musik schafft Verbindungen über Sprach- und Kulturgrenzen hinweg.
Besonders beliebt ist «Hallelujah» von Leonard Cohen. Das sei vermutlich deshalb ein Favorit vieler Teilnehmer, weil der Refrain einfach mitzusingen sei und Menschen unterschiedlichster Herkunft verbinde, vermutet Dinah Hess. Die Singstunden finden in einer Mischung aus Deutsch, Englisch, Französisch und Spanisch statt.
Don’t worry about a thing
Heute spielt Manu Hartmann «Three Little Birds» von Bob Marley mit dem E-Piano an. Die Chorleiterin animiert mit ihrer Soul-Stimme beim Intro zum Mitsingen – Därä-tä-tääää-rä-tä-tä – und alle im Kreis wippen und schnipsen mit den Fingern zu dem bekannten Song:
Don’t worry ’bout a thing
’Cause every little thing
gonna be alright
Singing, don’t worry ’bout a thing ...
Ein Teilnehmer wird motiviert, zwischen dem Refrain «’bout a thing», «’bout a thing» zu repetieren und der Gast wird aufgefordert, mit leiser Sopranstimme «gonna be alright» dazwischen zu singen. Das Resultat lässt sich hören und macht vor allem Spass.
Das Wichtigste ist, dass die Insassen fĂĽr einen Moment ihre Sorgen in den Hintergrund singen können. Im Zentrum stehen Selbstwirksamkeit, Gemeinschaft und kĂĽnstlerischer Ausdruck – Faktoren, die nachweislich zur Stabilisierung und Resozialisierung im Strafvollzug beitragen. Die Sorgen verschwinden dadurch nicht. Bob Marleys Versprechen, dass «every little thing» «alright» sein wird, wird sich fĂĽr viele der Männer nicht erÂfĂĽllen. Der Alltag hinter Gittern ist rau, die Zukunft ungewiss.
Und doch scheint für diese Stunde vieles leichter zu werden. Während gesungen, gelacht und gemeinsam musiziert wird, rückt der Gefängnisalltag in den Hintergrund. Für einen kurzen Moment fühlt sich der Besucherraum an wie ein Probelokal irgendwo auf Jamaika oder in New Orleans.
Die Probe neigt sich nach «Ain’t no sunshine» ihrem Ende zu. Die Sonne Âverschwindet, bald werden die Männer zurĂĽck auf ihre Abteilungen begleitet. FĂĽr eine Stunde waren sie nicht in erster Linie Gefangene, sondern Sänger.
Singen hinter Gittern: die Gedanken sind frei