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Femmes Protestantes

«Team Maria» bringt feministische Theologie auf TikTok

von Jonas Gabrieli/ref.ch
min
15.02.2026
Der Dachverband Femmes protestantes startet ein TikTok-Pilotprojekt. Dafür produziert eine junge Dokfilmerin Inhalte, zwei Theologinnen begleiten fachlich. Das Ziel: progressive christliche Positionen digital sichtbar machen.

Zwischen Katzen- und Tanzvideos gibt es auf Tiktok ab Ende Februar auch feministische Theologie zu sehen. Mit dem Pilotprojekt «Team Maria» wagt der Dachverband Femmes protestantes den Schritt in das soziale Netzwerk für Kurzvideos, das vor allem bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen beliebt ist.

Bisher werde die Plattform von kirchlichen Organisationen kaum genutzt, sagt Co-Geschäftsleiterin Elsa Horstkötter auf Anfrage von ref.ch. Auf Tiktok seien vor allem konservative und fundamentalistische «Christfluencer:innen» aktiv und würden enorme Reichweiten erzielen. «Umso grösser ist der Nachholbedarf bei progressiven Positionen.»

 

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🚀 Team Maria kommt bald! Ende Februar: feministische Theologien, Glauben, Gleichstellung, Klima & Anti-Diskriminierung. 💬 Ideen oder Fragen? Schreib sie in die Kommentare! // 🚀 Team Maria arrive bientôt ! Fin février : théologies féministes, spiritualité, égalité, climat, anti-discrimination. 💬 Des idées ou questions ? Commentez ! #TeamMaria #FemmesProtestantes

♬ Originalton  - femmes protestantes

 

Übersetzungsarbeit notwendig

Zentral für den Auftritt ist eine junge Produzentin, die mit ihrem Gesicht für «Team Maria» steht. Diese suchte man per Inserat (ref.ch berichtete). «Die richtige Person zu finden war gar nicht so leicht», sagt Horstkötter. In einer zweiten Ausschreibungsrunde fiel die Wahl auf die 25-jährige Dokumentarfilmerin Liv Wetli. «Sie sprudelt vor Ideen und hat unseren Anforderungen in ihrem Bewerbungsvideo sehr entsprochen.»

Wetli kann dank ihres Hintergrunds die Videos mit den schnellen Schnitten selber produzieren, ist aber keine Theologin. Das wird von Horstkötter als Stärke betrachtet: «Sie bringt den kritischen Blick von aussen in unser Team.» Dieses besteht aus den beiden Theologinnen Melanie Muhmenthaler, Leiterin der Pfarrweiterbildung in Bern, und Leila Thöni, die mit 30 Jahren ihr Pfarramt in Baselland angetreten ist. Beide sind im Vorstand der IG feministischer Theologinnen aktiv.

Sie bereiten die Inhalte fachlich auf. «Es braucht viel Übersetzungsarbeit», erklärt Horstkötter. Komplexe Erzählstränge und theologische Begrifflichkeiten müssten so vereinfacht werden, dass sie auch ohne biblisches Vorwissen verständlich bleiben. Und in wenigen Sekunden funktionieren, bevor das Video weggewischt wird.

 

Viele wissen gar nicht mehr, was Passionszeit bedeutet», darum fangen wir sehr niederschwellig an.

 

Zu Beginn werden verschiedene Formate ausprobiert, um zu sehen, was gut ankommt: kurze Erklärvideos zu einzelnen Begriffen, Umfragen («Wie stellst du dir Gott vor?»), Interviews mit Personen innerhalb und ausserhalb der kirchlichen Bubble sowie wiederkehrende Serien. Provokante Fragen im Stile von «War Jesus Feminist?» oder «Könnte Gott auch queer sein?» sollen zu Beginn Aufmerksamkeit erzeugen. Auf Instagram, wo ebenfalls Inhalt ausgespielt wird, sollen die Videos um zusätzliche Posts ergänzt werden.

Inhaltlich orientiert sich «Team Maria» auch am Kirchenjahr. So wird etwa die Passionszeit mit Themen wie Care-Arbeit oder gesellschaftlichem Leiden verknüpft. «Viele wissen gar nicht mehr, was Passionszeit bedeutet», sagt Horstkötter. «Darum fangen wir sehr niederschwellig an.»

«Lebensrealität ist digital»

Dass feministische und religiöse Inhalte in den Sozialen Netzwerken teilweise heftige Gegenreaktionen auslösen können, ist dem Team bewusst. Horstkötter übernimmt die Moderation der Kanäle selbst. «Dialog ist uns wichtig», sagt sie. «Solange es um Inhalte geht, tauschen wir uns gerne aus.»

Eine klare Grenze ziehe man bei persönlichen Angriffen oder misogynen Kommentaren. «Wenn jemand die Person Liv angreift, wird der Kommentar gelöscht.» Anfeindungen habe es bereits bei einem Aufruf zur Stellenausschreibung gegeben. «Das zeigt, wie nötig es ist, Präsenz zu zeigen», so Horstkötter. Rückzug sei keine Option.

Die Zielgruppe unterscheide sich je nach Plattform: Auf TikTok richtet sich «Team Maria» primär an 16- bis 26-Jährige, auf Instagram auch an ein älteres Publikum bis etwa Mitte vierzig. Bewusst soll das Projekt nicht nur kirchliche Insider erreichen. «Die Lebensrealität vieler junger Menschen ist digital», sagt Horstkötter. «Darüber zu klagen, dass TikTok problematisch ist, bringt wenig. Wenn wir die jungen Menschen erreichen wollen, müssen wir dort hin, wo sie sich aufhalten.»

«Team Maria» ist als einjähriges Pilotprojekt angelegt. Finanziert wird es grösstenteils über einen kirchlichen Erprobungsfonds der Reformierten Kirchen Bern Jura Solothurn, der innovative Formate unterstützt. Der begrenzte Zeitraum ist bewusst gewählt: «Wir haben die Freiheit, auch scheitern zu dürfen», sagt Horstkötter.

Ziel sei es zunächst, überhaupt eine Community aufzubauen. Nach rund sechs Monaten hofft das Team, erste Mikro-Influencerinnen als Multiplikatorinnen zu gewinnen, um das Projekt «zum Fliegen zu bringen», wie Horstkötter sagt. Langfristig soll aus dem Pilot ein Folgeprojekt werden. Dann würde der Fokus stärker auf Dialog und Community-Pflege liegen.

Der Artikel wurde bereits auf ref.ch veröffentlicht.

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