Baselland, Basel-Stadt, Luzern, Schaffhausen, Schwyz, Solothurn, Uri, Zug
Dankbarkeit

«Um ein negatives Ereignis aufzuheben, braucht es drei positive»

von Cornelia Krause/reformiert.info
min
06.05.2024
Die St. Galler Landeskirche hat die App Resilyou mitinitiiert. Die Zürcher Landeskirche testet sie nun auch. Warum interessieren sich die Kirchen für eine Dankbarkeits-App? Die Entwicklerin Meike Kocholl über Dankbarkeit, Rituale und das Potenzial der Resilienz-App in der Seelsorge.

Was haben Sie zuletzt in das Dankbarkeitstagebuch Ihrer App Resilyou geschrieben?

Ich treffe mich seit langem mit einer Freundin aus meinem Gründerinnennetzwerk zum gemeinsamen Arbeiten an unseren jeweiligen Projekten. Weil sie künftig beruflich etwas anderes machen wird, hatten wir gestern unsere letzte gemeinsame Co-Working-Sitzung. Das war traurig. Aber zugleich bin ich dankbar dafür, dass wir so lange miteinander unterwegs sein konnten. 

Ein Dankbarkeitstagebuch, also regelm├Ąssige Eintr├Ąge ├╝ber Dinge, f├╝r die ich dankbar bin, geht doch auch mit Stift und Block. Wozu brauche ich daf├╝r eine App?

Wenn Sie es schaffen, so ein Tagebuch mit Stift und Block zu f├╝hren, dann sehr gerne. Aber viele schaffen es eben nicht. Weil Stift und Block gerade nicht zur Hand sind, oder weil sie nicht daran denken. Unsere App erinnert einen daran, Eintragungen zu machen. Zudem lassen sich die Notizen mit Freunden oder Familie teilen, wir nennen das Growbuddies, analog zu den Gymbuddies, die einen motivieren, gemeinsam das Fitnessstudio zu besuchen.

Warum empfehlen Sie, das Dankbarkeitstagebuch zu teilen?

Es hilft einem, bei der Stange zu bleiben. Auch werden Beziehungen vertieft, denn habe ich Einblick in das Dankbarkeitstagebuch meines Growbuddies, nehme ich mehr teil an seinem oder ihrem Leben. Und schliesslich kann ich auch noch etwas lernen.

Zum Beispiel?

Meine Growbuddy hat sich immer ├╝ber die Blumen gefreut, die sie sich selbst kaufte. Ich habe mir nie Blumen gekauft, fand, Blumen bekomme man ja eigentlich geschenkt. Nun aber kaufe ich mir auch ├Âfters Blumen ÔÇô und erfreue mich an ihnen. Das ist nur ein Beispiel von vielen.

Um in dieser komplexen Welt klarzukommen, müssen wir trainieren, das Positive zu erkennen.

Das Dankbarkeitstagebuch ist das Herzst├╝ck Ihrer App, aber eigentlich geht es um Resilienz. Was hat Resilienz mit Dankbarkeit zu tun?

Sehr viel. Die Dankbarkeitspraxis ist eine Intervention aus der positiven Psychologie. Und die positive Psychologie hat herausgefunden: Um ein negatives Ereignis aufzuheben, braucht es drei positive. Denn unser Gehirn ist darauf programmiert, eher das negative zu sehen, zum Zweck der Selbsterhaltung. Um in dieser komplexen Welt, in der viele negativen Eindr├╝cke auf uns einprasseln, klarzukommen, m├╝ssen wir trainieren, das Positive zu erkennen. Positive Eindr├╝cke und Emotionen wirken wie Schutzfaktoren gegen psychische Erkrankungen und Stresssymptome wie Burnout, sie machen uns widerstandsf├Ąhiger, resilienter.

Ist Resilienz nicht eine Veranlagung?

Studien haben gezeigt, dass sie nur teilweise vererbbar ist. Ein grosser Teil ist erlernbar. Das braucht Zeit. Zun├Ąchst etabliert sich eher ein Trampelpfad zu positiven Emotionen. Nach und nach wird er zur Landstrasse und schliesslich zur Autobahn. Dann hat man es geschafft.┬á

Was geschafft? K├Ânnen Sie ein Beispiel geben?

Verpasse ich den Zug und muss eine Stunde auf den n├Ąchsten warten, kann ich mich entweder ├Ąrgern oder ich freue mich dar├╝ber, dass ich nun die Chance habe, die eine Stunde zu nutzen um das Buch zu lesen, das ich dabeihabe.┬á

Früher bedankte man sich im Gebet für das Schöne im Alltag.

Meike Kocholl, 28, hat an der Universit├Ąt St. Gallen Business Innovation studiert. Sie leitete das Projekt zur Entwicklung der App Resilyou und ist nun Gr├╝nderin und Gesch├Ąftsf├╝hrerin der Resilyou Gmbh.

 

Die St. Galler Landeskirche hat die Entwicklung der App mitinitiiert und finanziell gef├Ârdert. Woher kommt das Interesse von Seiten der Kirche?

Kirchen machen seit Jahrhunderten Seelsorge, zu der auch Interventionen aus der positiven Psychologie geh├Âren. Gewissermassen ist die App ein Copypaste von dem, was in verschiedenen Religionen schon lange praktiziert wird. Auch rituelle Aspekte spielen mit rein: Fr├╝her bedankte man sich im Gebet f├╝r das Sch├Âne im Alltag. Doch heute ist die Welt s├Ąkularer, f├╝r viele Menschen besteht dieses Ritual nicht mehr.┬á

Seit Januar k├Ânnen Menschen aus dem Kanton St. Gallen die Vollversion der App umsonst herunterladen, die St. Galler Landeskirche ├╝bernimmt f├╝r ein Jahr die Kosten. Wie bew├Ąhrt sich diese Initiative?

├ťber diese Aktion nutzen nun schon etwa 150 Nutzerinnen und Nutzer, die App kostenlos und sehr aktiv.

Das ist nicht viel. 

Richtig. Aber wir haben noch nicht auf allen Kan├Ąlen auf das Angebot aufmerksam gemacht. Insbesondere von Werbung auf den sozialen Medien verspreche ich mir eine deutliche Zunahme. Und auch in den Kirchgemeinden bestehen viele M├Âglichkeiten, die App den Mitgliedern nahezubringen. Im ganzen deutschsprachigen Raum haben wir derzeit ├╝ber 5000 Nutzerinnen und Nutzer.┬á

 

Resilienz mit dem Smartphone trainieren

Die App Resilyou ist das Ergebnis einer Zusammenarbeit zwischen der reformierten Kirche St. Gallen und Studenten eines Design Thinking Kurses der Hochschule St. Gallen. Die St. Galler Landeskirche unterst├╝tzte im Anschluss die Entwicklung der App mit Meike Kocholl als Projektleiterin mit einer dreij├Ąhrigen Startfinanzierung in H├Âhe von 400.000 Franken. Mittlerweile ist das Projekt weitgehend eigenst├Ąndig. Die App umfasst ein Dankbarkeitstagebuch, sowie weitere Anwendungen und Informationen zum Thema Resilienz. Insbesondere das Dankbarkeitstagebuch ist auch in der kostenlosen Version enthalten, die Vollversion kostet 48 Franken.┬á┬á

 

Was wissen Sie ├╝ber Ihre Klientel?

Es sind ├╝berwiegend Frauen, sie machen ├╝ber Dreiviertel der Nutzerinnen und Nutzer aus. Und obwohl die App eigentlich urspr├╝nglich f├╝r junge Erwachsene entwickelt wurde, kommt sie bei den 40 bis 60-J├Ąhrigen sehr gut an. ┬áIn St. Gallen sind rund 60 Prozent der Nutzenden sehr kirchennah oder eher kirchennah, 22 Prozent eher kirchenfern. Das ├╝berrascht nicht, weil das Angebot bislang vor allem ├╝ber den Kirchenboten publik gemacht wurde. Gerade bei den Kirchenfernen sehen wir noch viel Potenzial, vor allem f├╝r sie wurde die App auch entwickelt. ┬á┬á

Die Z├╝rcher Landeskirche zieht nun nach und testet die App unter ihren Mitarbeitern, in einer Pilot-Kirchengemeinde und in der Spitalseelsorge. Warum ausgerechnet in diesem letzten Bereich?

Dort macht die App besonders viel Sinn. Denn Menschen, die aus dem Spital entlassen werden, sehen die Seelsorger in der Regel nicht mehr. Nat├╝rlich kann die App kein Seelsorge-Gespr├Ąch ersetzen, aber sie kann ein Weg sein, Strategien, die man in der Seelsorge gelernt hat, weiterzuf├╝hren. Oder beispielsweise als Growbuddies in Kontakt zu bleiben mit Menschen, die man im Spital kennengelernt hat.

 

Unsere Empfehlungen

Die Sprache der Liebe: Anspruch und Ansporn

Die Sprache der Liebe: Anspruch und Ansporn

Es gibt viele Paare, die seit Jahrzehnten zusammen sind. Aber wie schaffen sie das? Ein Erfolgsrezept gibt es wohl nicht, aber viele Hinweise. Der Fokus im Mai zu Liebe und Partnerschaft geht ihnen nach. Ein Kommentar von Chefredaktor Tilmann Zuber.
Welche Sprache spricht die Liebe?

Welche Sprache spricht die Liebe?

Vor dreissig Jahren erschien das Buch «Die fünf Sprachen der Liebe». Bis heute hilft der Bestseller Paaren, ihre Gefühle zu verstehen. Gibt es ein Rezept für eine lange und glückliche Partnerschaft?