Baselland, Basel-Stadt, Luzern, Schaffhausen, Schwyz, Solothurn, Uri, Zug
Gemeindefusion

Vom Jein zum Ja: Drei Gemeinden kämpfen für die Fusion

von Noemi Harnickell
min
02.04.2024
Aus drei wird eins: Die Kirchgemeinden Rothenfluh, Oltingen-Wenslingen-Anwil und Kilchberg-Rünenberg-Zeglingen planen für 2025 die Fusion – und mit ihr einen Neustart.

«Vo Schönebuech bis Ammel 
 Lit frei und schön das LĂ€ndli, wo mir deheime si.» So wird im Baselbieterlied die kleine Gemeinde Anwil erwĂ€hnt, als stolzer Pfeiler der Baselbieter Landschaft. Ein Pfeiler soll die Gemeinde nun auch in der Zukunft der Kirche sein, denn dieser steht im nĂ€chsten Jahr ein unausweichlicher Wandel bevor.

Drei Kirchen, sieben politische Gemeinden, eine Kirchgemeinde

Heidi Bader-Bitterlin von der Kirchenpflege in Rothenfluh erklĂ€rt: «Wir können als kleine Kirchgemeinde nicht mehr existieren.» Die GrĂŒnde dafĂŒr sind vor allem auf die neue Gesetzgebung zurĂŒckzufĂŒhren, die das Pfarrpensum limitiert.

Auf 1500 Mitglieder muss eine Kirchgemeinde eine Vollzeitpfarrstelle bieten. Das zwingt kleine Kirchgemeinden, entsprechend proportionale Stellenprozente zu schaffen. Die Kirchgemeinde Oltingen-Wenslingen-Anwil hat mit 951 Mitgliedern 63,4 Stellenprozent, die Kirchgemeinde Rothenfluh hat mit 405 Mitgliedern 27 Stellenprozent, und die Kirchgemeinde Kilchberg-Rünenberg-Zeglingen hat mit 797 Mitgliedern 53,13 Stellenprozent.

Dieser Umstand lÀsst viele Aufgabenbereiche offen und mit ihnen auch die Frage, mit welchen finanziellen Mitteln sie gedeckt werden könnten. Dazu kommt die zusehends steigende Zahl der Kirchenaustritte. Durch die schwindenden Mitgliederzahlen lohnen sich besonders kleine Kirchgemeinden immer weniger.

Die Menschen haben Angst davor, etwas zu verlieren. Aber wir setzen uns dafür ein, dass wir mit der Fusion umso mehr gewinnen!

«Wir mussten etwas unternehmen», sagt Peter Imhof, KirchenpflegeprĂ€sident von Oltingen-Wenslingen-Anwil, der die Probleme aus seiner eigenen Gemeinde kennt. Auch Fritz Weibel, KirchenpflegeprĂ€sident von Kilchberg-RĂŒnenberg-Zeglingen, schloss sich den Überlegungen an, wie nun am besten fortzufahren sei.

Am 31. Oktober 2021 setzte sich die kleine Gruppe erstmals zum GesprÀch an einen runden Tisch. Die Idee: aus drei Kirchgemeinden, bestehend aus sieben politischen Gemeinden, eine einzige Grosskirchgemeinde wachsen zu lassen.

Der lÀngste Weg ist im Kopf

Eine Fusion der drei (oder sieben) Gemeinden bietet aus Sicht der Arbeitsgruppe wertvolle Chancen. Die RĂ€ume des Gemeindehauses Rothenfluh können fĂŒr Konzert- und andere Kulturveranstaltungen genutzt werden, wĂ€hrend insgesamt das Angebot fĂŒr Kinder und Erwachsene erweitert werden kann. Von Erste-Hilfe-Kursen fĂŒr Kinder ĂŒber Erwachsenenbildung bis hin zu Einkaufsdiensten fĂŒr betagte Gemeindemitglieder – eine grosse Gemeinde bedeutet mehr Ressourcen.

Es sei aber nicht so, dass die Leute die Idee einfach super fÀnden, betonen sie alle. Die grössten Bedenken sehen sie in Bezug auf den Sonntagsgottesdienst, der vielen Menschen sehr am Herzen liegt. Vor allem der anschliessende Kirchenkaffee!

Eine Fusion hĂ€tte mitunter auch lĂ€ngere Wege zur Folge. Die Angebote wĂŒrden abwechselnd in den verschiedenen Dörfern durchgefĂŒhrt. Aber die Gruppe ist ĂŒberzeugt: Der lĂ€ngste Weg ist im Kopf.

Peter Imhof erklĂ€rt, er könne die Angst ja sogar verstehen. Und er könne den Menschen nicht versprechen, dass der Wandel ganz ohne Verzicht werde stattfinden können. «Die Menschen haben Angst davor, etwas zu verlieren. Aber wir setzen uns dafĂŒr ein, dass wir mit der Fusion umso mehr gewinnen!»

Die Anzeichen sind da, dass wir als kleine, wendige Gemeinde deutlich näher am kirchlichen Auftrag sind.

Die Kirchgemeinde Kilchberg-RĂŒnenberg-Zeglingen hat seit rund anderthalb Jahren keinen festangestellten Pfarrer mehr. Stattdessen fĂŒhrt ein Team aus Stellvertretern und Stellvertreterinnen etwa die Gottesdienste durch. Im letzten Jahr konnte die Gemeinde sogar einen Gewinn von 18 Prozent verzeichnen. Es ist also nicht das Geld allein, das die Kirchgemeinde zur Fusion drĂ€ngt.

«Es geht um die Frage, ob uns der Gemeindeaufbau alleine besser gelingt oder als grosses Gebilde?», sagt Fritz Weibel. «Die Anzeichen sind da, dass wir als kleine, wendige Gemeinde deutlich nÀher am kirchlichen Auftrag sind, als wenn tabulatorische Kalku-lationen im Vordergrund stehen.»

Kein Kirchenleben ohne Kirchenpflege

Die Schwierigkeiten liegen demnach nicht zwingend nur im Organisatorischen oder in den Finanzen. Ein grosses Problem fĂŒr viele kleine Kirchgemeinden ist, dass sich niemand in der Kirchenpflege engagieren will. Die Kirchenpflege ist fĂŒr den Beschlussvollzug der Kirchgemeindeversammlung sowie die Erlasse von Synode und Kirchenrat zustĂ€ndig. Ohne dieses Gremium können auch die besten Ideen innerhalb einer Kirchgemeinde nicht umgesetzt werden.

Wir bereiten den Garten vor. Geernet wird ab 1. Mai  2025.

Es ist eine zeitintensive Aufgabe, aber sie gibt einem auch die einmalige grosse Freiheit, Herzensprojekte umzusetzen. Zum Beispiel könne man mit dem Organisten abmachen, er solle im Gottesdienst zur Abwechslung mal Beatles-Songs spielen. «Ist doch schön, wenn man im Gottesdienst mitsummen kann!», findet Peter Imhof.

143 Stellenprozent fĂŒr die neue Gemeinde

Die fusionierte Kirchgemeinde könnte 143,5 Stellenprozent fĂŒr eine Pfarrperson bieten. Die pfarramtlichen Aufgaben wĂŒrden zwar eine Herausforderung bleiben, aber sie laden auch zu kreativen Lösungen ein. «Wir bereiten den sprichwörtlichen Garten vor», sagt Monika WerthmĂŒller-BĂ€r. Sie ist Aktuarin und stellvertretende PrĂ€sidentin der Kirchenpflege Rothenfluh. «Wir bewirtschaften das Feld, aber was darauf wĂ€chst, werden wir erst ab dem 1. Januar 2025 sehen können!»

An der Kirchgemeindeversammlung vom 5. Mai wird ĂŒber die Fusion abgestimmt. Am 11. April laden die drei Kirchgemeinden zum Informationsanlass in der Turnhalle von Oltingen ein. Eines nimmt Peter Imhof jedoch schon vorweg: Im besten Fall wird der Kirchenkaffee auch nach der Fusion erhalten bleiben. «Die Fusion bedeutet nicht, dass wir die Angebote abbauen mĂŒssen.»

Am 5. Mai wird sich zeigen, ob auch die fĂŒnfte Strophe des Baselbieterlieds recht behalten wird. Darin heisst es nĂ€mlich ĂŒber die Baselbieter Menschen: «Doch tuesch-in froge: â€čWit du fĂŒrs RĂ€cht istoo?â€ș – Do heisst’s nit, dass me luege well – do sĂ€ge-n-alli: â€čJoo!â€ș»

Unsere Empfehlungen

Herzensabstimmung

Herzensabstimmung

BASELLAND | Die drei Kirchgemeinden Rothenfluh, Oltingen-Wenslingen-Anwil und Kilchberg-Rünenberg-Zeglingen stimmen mit grosser Mehrheit für einen Zusammenschluss. In den Gemeinden herrscht grosse Freude, aber auch Skepsis.
«Die Auferstehung hat das letzte Wort»

«Die Auferstehung hat das letzte Wort»

Najla Kassab, Präsidentin der Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen (WGRK), spricht über Gleichberechtigung, die Situation der Christinnen und Christen in Nahost und ihre Hoffnungen in einer zersplitterten Welt.
Umbruch bei Mission 21

Umbruch bei Mission 21

Johannes Blum, der Vorstandspräsident von Mission 21, ist von seinem Posten zurückgetreten. Für den Vorstand wurden sechs neue Mitglieder gewählt und das Gremium von sieben auf zehn Mitglieder erweitert.