Wahlkampf in Brasilien: Werben um die Gunst der Pfingstkirchen
Brasiliens First-Lady Rosângela Lula da Silva tritt beim Wahlkampfauftakt mit einem bekannten Gospel-Sänger auf. Flávio Bolsonaro, Herausforderer des amtierenden Präsidenten Luis Inácio Lula da Silva, verspricht, dass das Land bei seinem Wahlsieg Gott gehören werde: Vor dem Urnengang in Brasilien am 4. Oktober werben beide Spitzenkandidaten um die Mitglieder von Pfingstkirchen, einer traditionell konservativen Wählergruppe.
Die Evangelikalen sind womöglich entscheidend bei den Wahlen, bei denen der Präsident, der Kongress, sowie zwei Drittel des Senats neu bestimmt werden. Mehr als 30 Prozent der Wähler in der grössten südamerikanischen Demokratie gehören einer Pfingstkirche an. Lula und Bolsonaro liegen in den Umfragen nahezu gleichauf und werben um noch unentschiedene Menschen.
Auftritt bei religiösen Grossevents
Flávio Bolsonaro, Sohn des wegen Putschversuchs verurteilten Ex-Präsidenten Jair Bolsonaro, tritt offensiv bei religiösen Grossevents wie dem Umzug «Marcha para Jesus» auf. Den Wahlkampf bezeichnet der ultrarechte Politiker als spirituellen Krieg und erwähnt in jeder Rede seine Ablehnung der Abtreibung. Der linke Staatschef Lula hingegen setzt vermehrt auf die Begriffe Familie und christliche Werte, betont aber zugleich, er sei dagegen, Politik und Religion zu vermischen.
In die Politik eingezogen ist die Religion allerdings längst: Aktuell gehören mehr als 200 der 594 brasilianischen Kongressmitglieder offiziell einer Pfingstkirche an. Jair Bolsonaro hatte 2021 zudem den Pfingstkirchler und Pastor André Mendonça ans Oberste Bundesgericht STF berufen. Mendonça produzierte im Wahlkampf mehrere an Gläubige gerichtete Video-Botschaften, die Flávio Bolsonaro bei Wahlkampf-Events zeigt. Mit der Ernennung des evangelikalen Richters Jorge Messias für den Obersten Gerichtshof Ende 2025 wollte auch Lula punkten, doch der geplante Schachzug ging nicht auf, sein Kandidat wurde vom Senat abgewiesen.
Lula setzt auf Austausch
Der amtierende Präsident setzt im Kampf um evangelikale Stimmen vor allem darauf, die Erfolge seiner Sozialprogramme zu betonen. Dazu beitragen sollen Bewegungen wie «Evangelikale mit Lula» sowie regionale Unterstützungsgruppen. Beide treten in sozialen Medien, bei Events und in offenen Briefen mit Gläubigen in Austausch und entstanden in Zusammenarbeit von Lulas Wahlkampfteam mit evangelikalen Führungspersönlichkeiten.
Kontroverse Themen wie reproduktive Rechte und sexuelle Vielfalt meidet Lula hingegen. 2018 hatte sich Jair Bolsonaro geschickt im Kongress als konservatives Bollwerk gegen «Angriffe gegen die Familie» positioniert – und letztlich die Wahl gegen den linken Kandidaten Fernando Haddad gewonnen.
Auch 2022 hatten evangelikale Pastoren laut Medienberichten ihre Gemeindemitglieder massiv dazu gedrängt, Bolsonaro zu wählen. Doch ihr Einfluss ist nun offenbar geringer. Laut Umfragen des Meinungsforschungsinstituts Datafolha folgen rund 70 Prozent der Evangelikalen den Wahlempfehlungen ihres Kirchenoberhauptes nicht. Die Gläubigen seien es müde, beim Gottesdienst politische Botschaften verkündet zu bekommen, berichtet die Religionsforscherin Ana Carolina Evangelista vom Institut Iser.
Auftrieb für Bolsonaro-Lager
Der Kampf der Linken um die Gunst der Evangelikalen ist derweil bislang wenig erfolgreich. Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts BTG/Nexus führt Flávio Bolsonaro in dieser Wählergruppe im ersten Wahlgang zurzeit mit 45 Prozent der Stimmen deutlich vor Lula mit nur 27 Prozent.
Nutzen könnte dem Präsidentschaftsanwärter die aktuelle Krise am Obersten Gerichtshof, bei der Richter unter Korruptionsverdacht geraten sind. Der Pfingstkirchler unter den Richtern, André Mendonça etwa stellt sich als religiös verfolgt dar und mobilisiert damit die evangelikale Gemeinschaft. «Lula wird deswegen keine Stimmen verlieren», urteilt Renato Meireiles vom Meinungsforschungsinstitut Locomotiva. Aber das Lager der Bolsonaro-Wähler bekomme dadurch einen «gigantischen Auftrieb».
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