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Notfallseelsorge 

«Wann, wenn nicht in den existenziellen Krisen, sollen wir bei den Leuten sein?»

von Noemi Harnickell
min
20.06.2026
In Binningen ermordet ein Mann seine Frau. Der Fall erschütterte nicht nur die Familie, sondern das Dorf und die Schweiz. Mit der Seelsorge trägt die Kirche in solchen Fällen eine Verantwortung – für die Trauer der Hinterbliebenen und für die Prävention weiterer Gewalt.

Vor dem Strafgericht Muttenz stehen sie versammelt: Dutzende Menschen, die meisten von ihnen Frauen. In den Händen halten sie herzförmige Ballone, Schilder und Banner. «Jeder Femizid ist ein Mord», steht da zum Beispiel. Ihnen steht der Schmerz ins Gesicht geschrieben, manche haben Tränen in den Augen.

2024 ermordete ein Mann in Binningen seine Frau auf grausame Weise. Dafür wurde er am 13. Mai in Muttenz zu einer lebenslänglichen Haftstrafe verurteilt. Wirklich lebenslänglich betroffen sind jedoch die Hinterbliebenen. Die Familien. Die Freunde. Die Dorfgemeinschaft. Sie werden den Verlust für immer mit sich tragen. Binningen ist kein Einzelfall: In der Schweiz stirbt durchschnittlich alle zwei Wochen eine Frau an den Folgen häuslicher Gewalt.

Neben den staatlichen Einrichtungen hat auch die Kirche den Auftrag, Menschen in Notfallsituationen aufzufangen. Wie bietet man Menschen Halt, die den Boden unter den Füssen verloren haben?

Psychosoziale Erste Hilfe

Wenn ein Mensch aus dem Leben gerissen wird, führt sein Tod eine ganze Reihe von Menschen zusammen. Die Feuerwehr, die Polizei, die Sanität – und das Care-Team. Als Teil des kantonalen Einsatzverbandes Bevölkerungsschutz leistet das Care-Team psychosoziale Erste Hilfe. Die Kirchen sind mit der Notfallseelsorge eng in das Team eingebunden.

Bei einem Unfall, Suizid oder Gewaltdelikt bietet die Polizei sogenannte «Caregiver» auf – interdisziplinär zusammengesetzte Fachleute des Care-Teams. Eine von ihnen war bis zu diesem Frühling Cornelia Schmidt, Spitalseelsorgerin am KSBL Bruderholz und UKBB und Co-Präsidentin des Baselbieter Pfarrkonvents. Den Fall Binningen hat sie selbst nicht begleitet, hat aber über viele Jahre im Care-Team und in der Seelsorge jedoch zahlreiche ähnliche Situationen erlebt und weiss, worauf es in den allerersten Stunden ankommt.

Oft ein tiefer Schock

Die Menschen, mit denen die Caregiver zu tun haben, wissen bei ihrem Eintreffen oft noch gar nicht, was geschehen ist. Dass das Kind im Kindergarten gestorben ist, der Partner einen Herzinfarkt hatte oder die Schwester sich das Leben genommen hat. Es sind Caregiver wie Cornelia Schmidt, die gemeinsam mit der Polizei die tragischen Nachrichten überbringen.

Sobald Gewalt im Spiel ist, kommt eine zusätzliche Dimension hinzu.

Manche Menschen erstarren und werden still, andere brechen zusammen. «Bei allen Menschen ist es so, dass sie in dem Moment zutiefst erschrecken und bis ins Innerste erschüttert sind», erzählt Schmidt. «Sie erfahren, dass ein geliebter Mensch unerwartet verstorben ist.»

Mehr zuhören als reden

Im Fall Binningen hatten Polizei und Careteam nicht die Möglichkeit, die Familie aufzufangen. Es war der Vater der getöteten K. J., der ihren zerstückelten Leichnam in der Waschküche des Hauses vorfand, wo sie mit ihrem Mann und den zwei kleinen Kindern lebte. «Sobald Gewalt im Spiel ist, kommt eine zusätzliche Dimension hinzu, die das Ereignis noch schwerer zu verarbeiten macht», sagt Cornelia Schmidt. «Für Hinterbliebene kann es traumatisierend sein.»

Wenn die Caregiver eintreffen, haben sie fast immer erstmal eine Aufgabe: die Situation und die Menschen darin erfassen. Da sein. Stabilität vermitteln. Manchmal auch ohne viel zu reden. «Wir kümmern uns oft um ganz praktische Dinge», sagt sie: «Wo kommen Betroffene unter, weil sie in der Wohnung vorerst nicht bleiben können? Wer ist am Ende des Einsatzes für sie da?» Die Caregiver stellen sicher, dass sie ein Netzwerk aus Freunden, Familie und Nachbarn auffängt.

Unsere Aufgabe ist es, als Teil eines professionellen Netzwerks zu handeln, das ineinandergreift.

Gewaltprävention ist auch Seelsorge

«Der Femizid bewegte viele Menschen im Ort», sagt Andrea Lassak. Sie ist Gemeindepfarrerin in Binningen und hat erlebt, was so ein Fall in einer Dorfgemeinschaft auslöst: Menschen, die sonst selten den Weg in die Kirche finden, suchten das Gespräch. Zündeten Kerzen an, legten Blumen vor das Wohnhaus des Opfers. Auch Andrea Lassak läuft regelmässig daran vorbei. Das Erschreckende ist die Unscheinbarkeit des Hauses, das nach aussen hin so viel Normalität ausstrahlt und in seinem Innern so viel Gewalt birgt.

Als Seelsorgerin hat Andrea Lassak auch eine Verantwortung in der Prävention von Gewalttaten. «Unsere Aufgabe ist es, als Teil eines professionellen Netzwerks zu handeln, das ineinandergreift.» Bei häuslicher Gewalt vermittelt Andrea Lassak Gespräche mit der Opferhilfe, empfiehlt Frauenhäuser oder das Männerbüro. Auch Cornelia Schmidt betont die Wichtigkeit der Gemeindeseelsorge: «Eine der grossen Kernaufgaben der Kirche ist es, in Krisen bei den Menschen zu sein und Gefühle und Fragen mit ihnen auszuhalten. Wann, wenn nicht in den ganz einschneidenden, existenziellen Krisen, sollen wir bei den Leuten sein?»

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