Warum der Bärzelistag nichts mit Berchtold oder der Percht zu tun hat
Heuer fällt Neujahr auf einen Donnerstag. Erwerbstätige, die am Freitag, also am 2. Januar, auch noch frei haben möchten, müssten normalerweise die «Brücke machen» und einen Ferientag drangeben. In manchen Teilen der Schweiz ist dies allerdings nicht nötig. Weil der 2. Januar nämlich der «Bärzelistag» ist.
Wie vieles an der feierlichen Übergangszeit vom alten ins neue Jahr zwischen Heiligabend und Dreikönig ist auch die Sache mit dem Bärzelistag volkskundlich, kulturhistorisch und religionsgeschichtlich unklar und verworren, entzieht sich somit einer eindeutigen Einordnung.
Auch die Banken huldigen Berchtold
Zunächst: Wer einen Abreisskalender mit den Feiertagsbezeichnungen und Heiligennamen hat, wird feststellen, dass unter dem 2. Januar der Vermerk «Berchtoldstag» steht. Gemeint ist der Bärzelistag, der je nach Gegend auch Bärchtelis- oder Bächtelistag heisst.
Sein Status ist unterschiedlich: Im Kanton Bern etwa ist er dem Sonntag gleichgestellt, in Zürich nur halboffiziell anerkannt, in beiden Basler Halbkantonen kein Feiertag. Die Banken hingegen haben überall geschlossen. Auch gefeiert wird er uneinheitlich: meistens am 2. Januar, in Graubünden jedoch am 5. Januar und im thurgauischen Frauenfeld erst am dritten Januarmontag.
Berchtold? Das Nachschlagen in katholischen und evangelischen Heiligenkalendern bringt keinen Heiligen dieses Namens zutage, der im Januar seinen Ehrentag hat. Deshalb ging die Volkskunde lange davon aus, dass es sich bei diesem Namen um die Vermännlichung des weiblichen Namens «Perchta» handeln müsse; so nannte man angeblich im südgermanischen Raum die Frau des vorchristlichen Gottes Wodan. Perchta, Frau Wode oder, wie in Grimms berühmtem Märchen: Frau Holle.
Von Haus zu Haus
Der Name Perchta wurde vor allem in der Westschweiz auf die burgundische Königin Bertha übertragen, jene Königin, die laut der Sage zu bestimmten Zeiten von Haus zu Haus geht, um nachzuschauen, ob sich dort alles in bester familiärer Ordnung befinde und die Spinnerinnen schön fleissig am Werk seien.
Sogar in der Mehrzahl kommt Perchta vor. Laut dem «Wörterbuch der deutschen Volkskunde» (Richard Beitl) handelt es sich bei den Perchten um das geisterhafte Gefolge von Perchta, das in den Raunächten, also den magischen Nächten zwischen Heiligabend und Dreikönig, auf Feld und Flur sein Unwesen treibt. Im deutschsprachigen Alpenraum gehört geisterhaftes Maskentreiben um den Jahresbeginn herum vielerorts zur Tradition; in Österreich heisst dieser Brauch das Perchtenlaufen.
Auch in der Schweiz wird dieses Brauchtum gepflegt, in Interlaken unter dem Namen Harder-Potschete und in Hallwil als Bärzelitreiben. In Kandersteg sind die furchteinflössenden und archaischen Pelzmartiga unterwegs, hier jeweils bereits am 1. Januar.
Christliche Deutung
Heute ist man von der Deutung, dass der Tag des Berchtold eigentlich der Tag der Perchta oder der Perchten sei, abgerückt. Die Sprachforschung weiss um einen mittelhochdeutschen «berchttag» beziehungsweise «berchteltag»; so bezeichnete man einst in der Volkssprache das Fest der Epiphanie, also die Taufe Jesu am Jordan, üblicherweise gefeiert am 6. Januar. Bei der Taufe offenbarte Jesus seine göttliche Natur und leuchtete, strahlte dabei hervor.
Genau das bedeutet das griechische Wort «epiphaino»: «erscheinen, hervorglänzen, hervorleuchten». Im alten Deutsch brauchte man dafür den Begriff «bercht» oder «berchtel», was gemäss dem Schweizerischen Idiotikon für «glänzend, leuchtend» steht. Im englischen Adjektiv «bright» für «hell» klingt dieses Wort immer noch an.
Alles fliesst
So ist also der Bärzelistag eine verschüttete Erinnerung an das christliche Epiphanias-Fest, das heute am 6. Januar als Dreikönigstag gefeiert wird, wobei die drei Könige oder Weisen aus dem Morgenland eher an Weihnachten als an die Taufe erinnern. Tatsächlich vermischte sich in früheren Zeiten das Fest zur Geburt Jesu mit dem Fest seiner Taufe, denn in die Welt getreten, also erschienen, ist der Messias sowohl an Weihnachten wie auch am Jordan.
Dass am 6. Januar zu Dreikönig auch etwas von Weihnachten mitschwingt – manche sprechen sogar von der «alten Weihnacht» oder dem «alten heiligen Tag» – hat auch etwas mit dem alten julianischen und dem neuen gregorianischen Kalender zu tun. So fliesst denn am Jahresende alles ein bisschen durcheinander und ineinander über – dem göttlichen Geheimnis ganz angemessen.
Warum der Bärzelistag nichts mit Berchtold oder der Percht zu tun hat