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Rollenbilder

Warum die Kirche der ideale Ort ist, um über Männlichkeit nachzudenken

von Anouk Holthuizen/reformiert.info
min
07.05.2024
Die Debatte über Männlichkeit ist neu entflammt. Und diese geht auch die Kirche etwas an, findet Christoph Walser, Pfarrer und Gründungsmitglied des Dachverbands männer.ch

Christoph Walser, die Debatte um Männlichkeit ist neu entflammt, nachdem sie nach den Neunzigerjahren vom Radar verschwunden war. Was ist los?

Es tritt vermehrt ins Bewusstsein, dass einseitig traditionelle M√§nnlichkeit zuweilen sch√§dlich sein kann f√ľr die Gesundheit und f√ľr das Sozialleben, ich denke da an Femizide, an Frauenhasser im Internet oder sexuellen Missbrauch. Leider interessiert sich die Gesellschaft vor allem dann f√ľr M√§nner, wenn sie destruktiv werden.

Sie sind Pfarrer und Mitglied der Fachgruppe M√§nnerarbeit im kirchlichen Kontext, die im Februar 2022 gegr√ľndet wurde, um auch dort die Debatte zu befeuern. Inwiefern steht die Kirche in der Pflicht?

Zun√§chst verlangen die Missbr√§uche, die in der katholischen Kirche aufgedeckt wurden und nun auch in der reformierten Kirche untersucht werden, nach einer m√§nnerspezifischen und m√§nnlichkeitskritischen Bearbeitung, denn die T√§ter sind fast alle M√§nner. Zudem findet weltweit eine Radikalisierung statt. Nicht nur jagen sich √ľberall praktisch nur M√§nner f√ľr irgendwelche Ideologien in die Luft, eine ganze Reihe Politiker lebt auch offensiv ein destruktives M√§nnerideal vor.

Jesus ist das Antimodell des machtvollen Patriarchen.

Was hat die Kirche dem entgegenzustellen?

Ein M√§nnerideal, das dem machtvollen Patriarchen diametral gegen√ľbersteht. Jesus ist das Antimodell. Er durchbrach die Rollenerwartung an einen damaligen Mann radikal und stellte sich gegen patriarchale Macht. In der Bibel gibt es viele macht- und damit m√§nnlichkeitskritischen Stellen. Darum hat die Kirche von ihrer Tradition her den Auftrag, sich f√ľr eine konstruktive, friedliche M√§nnlichkeit und Gesellschaft einzusetzen. Sie ist Expertin im F√∂rdern von Gemeinschaft.

Wie sieht eine solche konstruktive Männlichkeit aus?

Statt sich wie eine Maschine zu behandeln hat ein Mann einen positiven Bezug zu sich selbst und seinem K√∂rper. Statt zu schweigen spricht er offen √ľber seine Bed√ľrfnisse oder Verletzungen, er zeigt Emotionen statt immer nur Rationalit√§t. Und er pflegt Freundschaften, statt dass er allein durchs Leben geht.

 

Christoph Walser, Pfarrer und Coach, Gr√ľndungsmitglied von m√§nner.ch, Vater von zwei Kindern im Primarschulalter.

 

Bereits in den Neunzigerjahren brachten Pfarrer, die Väter- und Männerarbeit aufs Tapet. Zwischenzeitlich verschwanden sie aus dem Blickfeld. Warum?

Es gab damals in Bern und Z√ľrich Stellenprozente f√ľr M√§nnerarbeit, die man aber wieder abschaffte. Beziehungsweise wurden sie in Genderfachstellen √ľberf√ľhrt, aber diese leiten Frauen, und die Angebote werden vornehmlich von Frauen wahrgenommen. In den letzten Jahren kamen noch LGBTQI-Projekte hinzu. F√ľr die M√§nnerarbeit gibt es keine Ressourcen mehr. Heute hat nur die Katholische Kirche im Aargau ein paar wenige Stellenprozente f√ľr M√§nnerarbeit. Darum gr√ľndeten wir die √∂kumenische Fachgruppe M√§nnerarbeit im kirchlichen Kontext im Rahmen des Dachverbands m√§nner.ch. Wir wollen uns wieder f√ľr Geschlechterreflexion auch auf Seiten der M√§nner stark machen.

Wichtig wäre auch die Zeit nach dem Konf-Unterricht, aber dort wissen wir nicht, wie wir junge Menschen generell noch erreichen können.

Wo in der Kirche kann diese stattfinden?

An ganz vielen Orten. Die Kirche ist die ideale Umgebung, denn sie ist nahe an den Menschen dran, gerade auch bei Jugendlichen, die sich stark mit der geschlechtlichen Identität auseinandersetzen. Aber auch in der Familienarbeit, zum Beispiel im Rahmen von Vater-Kind-Wochenenden. Ebenso in den Männergruppen, die es in vielen Kirchgemeinden gibt.

Fangen wir bei den Jugendlichen an. Was ist zu tun?

Ein Gef√§ss, um √ľber Geschlechterzuschreibungen, also Gender, nachzudenken w√§re zum Beispiel der Konfirmandenunterricht. Oder auch Projekte in der Jugendarbeit. F√ľr M√§dchen und junge Frauen gibt es Angebote, um sie zu st√§rken, f√ľr Jungs gibt es nichts. Wichtig w√§re auch die Zeit nach dem Konf-Unterricht, aber dort wissen wir nicht, wie wir junge Menschen generell noch erreichen k√∂nnen.

Männer, die in gutem Kontakt mit sich selbst und in authentischem Austausch mit anderen Männern sind, sind weniger anfällig, ihre Probleme mit Gewalt zu lösen.

Und was sind Ankn√ľpfungspunkte in der Familienarbeit?

Ein guter Ort, um unter M√§nnern √ľber M√§nnlichkeit zu reden, sind die Vater-Kind-Wochenenden, die √ľberaus beliebt sind und von vielen Kirchgemeinden angeboten werden. Wenn V√§ter und ihre Kinder etwas zusammen unternehmen, st√§rkt das die Bindung, und ein Sohn wird sich vielleicht seinem Vater sp√§ter eher anvertrauen, wenn er Sorgen hat. Oder der Vater traut sich eher, ihn anzusprechen, wenn er merkt, dass sein Sohn pl√∂tzlich Macho-All√ľren entwickelt. M√§nnerarbeit erfordert aber eine entsprechende Schulung. In der Ausbildung kommt sie weder im Curriculum von Pfarrpersonen noch von Sozialdiakonen vor.

Dabei sind Pfarrpersonen auch stark männlich geprägten Bereichen unterwegs: in der Armee und im Gefängnis.

Diese bieten sich f√ľr M√§nnerarbeit geradezu an. Aber auch dort scheut man sich, √ľber destruktive M√§nnlichkeit zu reden. Ebenso in den M√§nnergruppen in den Kirchgemeinden. Dabei sind geschlechtsspezifische Gruppen ideal daf√ľr, denn sie pr√§gen das soziale Verhalten. M√§nner, die in gutem Kontakt mit sich selbst und in authentischem Austausch mit anderen M√§nnern sind, sind weniger anf√§llig, ihre Probleme mit Gewalt zu l√∂sen. In M√§nnergruppen findet eine Art zweite Sozialisation statt, ein Lernprozess in konstruktiver M√§nnlichkeit. Und da hat die Kirche eine starke Tradition von Br√ľderlichkeit statt Bruderschaft. Sie f√∂rdert M√§nnerfreundschaften im Sinn von Gef√§hrtenschaft.

Wie stehen die Chancen, dass sich nun im quasi idealen Umfeld etwas tut?

K√ľrzlich fand im Kanton Z√ľrich erstmals eine Weiterbildung f√ľr Jugendarbeitende statt, nachdem diese gemeldet hatten, es g√§be immer mehr junge M√§nner mit problematischen Geschlechterbildern, die diesen auf den Sozialen Medien begegnen. An der Weiterbildung war auch die Landeskirche beteiligt. Unsere Fachgruppe organisierte k√ľrzlich eine Tagung zum Missbrauch in den Kirchen, und anfangs 2025 gibt es eine Tagung f√ľr V√§terarbeit. Auch m√∂chten wir den Schweizerischen V√§tertag ¬ępushen¬Ľ, der jeweils am ersten Sonntag im Juni stattfindet ‚Äď eine Steilvorlage f√ľr Gottesdienste und weitere Aktivit√§ten. Es ist wichtig, dass endlich nicht mehr ¬ęnur¬Ľ die Frauen das Thema der Geschlechtergerechtigkeit vorantreiben, sondern auch die M√§nner!

 

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