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Warum hat das Bibelwort diese Kraft?

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31.12.2022
Kolumne von Niklaus Peter

Wer über die «Kraft und Ausstrahlung der biblischen Worte» schreiben soll, wird zuerst zögern, innehalten und dann sagen: Aber das sind nicht nur einzelne Worte und zitierfähige Sätze, es handelt sich doch um eine grosse, weltumspannende Geschichte, um Gespräche zwischen Gott und einzelnen Menschen. Diese beginnen in den ganz frühen Zeiten Abrahams und entfalten sich bis in die späten «Gesichte» der Johannesoffenbarung – hier geht es um Schöpfung, Verfehlung, Versöhnung und Erneuerung. Man könnte sagen: ein grosser Dialog, der verschriftlicht wird und in einer Bibliothek von 39 Schriften der Hebräischen Bibel (AT) und 27 Schriften der Griechischen Bibel (NT) sortiert und gesammelt wurde.
Und dann setzt eine zweite Welle der kraftvollen und oft auch strahlenden Wirkung dieser Worte, Sätze und Bücher ein, eine Geschichte der Lektüre und Interpretation, der Übersetzung und Auslegung, der künstlerischen, literarischen und musikalischen Aneignungen und Gestaltungen – die Theologie- und Kulturgeschichte des Christentums. Worte, Sätze, Lieder, Gedichte, Geschichten und Gleichnisse, von Generation zu Generation überliefert – es ist eine Tradition, die lebt und noch nicht zu Ende erzählt ist.
Weil alles, was Menschen in ihre Köpfe und Hände bekommen, auch falsch verstanden und für eigene Zwecke uminterpretiert werden kann, so ist diese Geschichte auch eine Story von Diskussionen und Debatten, des Streits und des Ringens um Wahrheit und Verstehen – das macht diese Wirkungs- und Traditionsgeschichte der Bibel so spannend, vielschichtig und interessant.
«Tradition ist der lebendige Glaube der Toten, Traditionalismus hingegen der tote Glaube der Lebendigen», hat der grosse Kirchenhistoriker Jaroslav Pelikan einmal einprägsam formuliert. Das heisst: Jede Generation muss das Überlieferte, die biblischen Worte und Geschichten von neuem verstehen und den Glauben der verstorbenen Väter und Mütter weitertragen – sonst wird aus einer lebendigen Religion ein toter Traditionalismus.
Das zeigt sich auch an den vielzähligen Bibelübersetzungen. Die Bibel ist im Moment in 2524 Sprachen übersetzt – und weitere werden hinzukommen. Denn keine Religion hat solche Anstrengungen übernommen, ihre Heilige Schrift in die kleinsten Zweiglein des weltweiten Sprachbaumes zu übersetzen, für Sprachminderheiten, bei denen manchmal nur ganz wenige Menschen diese Sprache sprechen. Und das unterscheidet das Christentum vom Islam, wie der amerikanische Theologieprofessor Lamin Sanneh, der ursprünglich selber Muslim war, betont hat: Während im Islam Theologie nur in Hocharabisch, der Sprache des Korans, betrieben werden dürfe, so sei das Christentum eine Religion, die sich in alle möglichen Sprachen hinein übersetzen lasse – sich inkulturieren müsse. Und deshalb habe das Christentum die ursprünglichen Kulturen nicht einfach weggewischt und ausgelöscht, wie manchmal behauptet wird, sondern ein Stück weit auch bewahrt. Wenn man die biblische Botschaft übersetzen wolle, müsse man die religiösen Kernworte jener Kultur aufnehmen und verwenden – und bewahre so etwas von jenen ursprünglichen Kulturen und Religionen.
Dieser Prozess ist kein Makel, sondern eine schöne und wichtige Sache – es ist das, was die «Kraft und Ausstrahlung der biblischen Worte» ausmacht. Die Bibel muss sprachlich in ganz spezifischen Kulturen landen und sich «inkarnieren». Und jetzt müsste man den Begriff von «Wort Gottes», und also eines Gottes, der zu Menschen in vielfältigen Sprachen spricht, genauer anschauen. Man müsste erzählen, wie dieses hebräische «Sprechen» zu einem griechischen «Logos» wird, wie es so Anschlussstellen für griechische Philosophie findet, wie es sich mit römischem Rechtsdenken verschwistert, aber auch in grossen dogmatischen Kathedralen versteinert. Und man könnte fasziniert berichten, wie die lebendigen Worte der Psalmen, der Sprüche und Gleichnisse Jesu durch jene versteinerten Konstrukte der Theologie hindurchbrechen und Menschen neu begeistern.
Der grosse Basler Bibelwissenschaftler Eduard Schweizer hat dafür folgendes Gleichnis gefunden.  Man lerne beim Bergsteigen: «Schmelzwasser, das aus einem Schneefeld fliesst, löscht den Durst schlecht.» Dafür müsse es nämlich erst durch den Boden fliessen und von dessen Mineralien etwas in sich aufnehmen. Man könnte es auch destillieren und so reinigen, dann lösche es jedoch den Durst kaum mehr. Ein hundertprozentig reines Wort Gottes, ohne alle kulturellen und historisch bedingten Beimischungen, würde demnach den Lebensdurst nicht stillen. Auch das biblische Gotteswort müsse erst «durch den Boden unserer Welt fliessen, muss Menschliches und Allzumenschliches aufnehmen, damit es uns dort finden kann, wo wir leben».
    
Niklaus Peter, ehemaliger Pfarrer am FraumĂĽnster ZĂĽrich, Autor und Kolumnist, 31.12.22, Kirchenbote

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