Was Franz von Assisi den Reformierten zu sagen hat
Franz von Assisi verpflichtete sich für ein Leben in Armut: Gerade für die Volkskirchen ist diese Armut eine Herausforderung.
Florian Lüthi: Franz’ radikale Armut war schon zu seinen Lebzeiten eine Provokation – für die kirchlichen und die weltlichen Instanzen ebenso wie für seine eigenen Ordensbrüder. Die Armutsbewegung, die er auslöste, kann bis heute als permanente Anfrage an kirchliche Vermögensverwaltung, Repräsentationsbauten und Machtstrukturen verstanden werden. Kirchen müssen aushalten, dass der eigene Gründungsimpuls im Evangelium sie immer wieder infrage stellt, ohne dass sie ihn neutralisieren dürfen.
«Geh, Franziskus, und baue mein Haus wieder auf», soll Franz vor dem Kreuz in der kleinen Kirche San Damiano gehört haben. In der Folge restaurierte er mehrere verfallene Kirchlein – darunter auch die Portiuncula in der Nähe von Assisi, sein liebstes Kirchlein und sein späterer Sterbeort. Genau über diesem kleinen, bewusst ärmlichen Bau, liess Papst Pius V. im Jahr 1569 einen riesigen Prachtbau errichten. Bis heute steht das ursprüngliche Kirchlein wie ein Schrein mitten in der barocken Basilika – ein Sinnbild für die Spannung zwischen franziskanischer Armut und kirchlicher Pracht, die uns bis in die Gegenwart begleitet.

Der Ethnologe und Theologe Florian Lüthi ist Generalsekretär der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in der Schweiz und Mitarbeiter von Voxethica, die im September eine Serie zur ethischen Relevanz von Franz von Assisi aufschaltet. www.voxethica.ch
Welche Bedeutung hat Franz von Assisi für die Reformierten?
Heiligenverehrung und Wunderglaube sind der reformierten Theologie fremd. Und doch übt gerade diese undogmatische, ungebrochen menschliche Gestalt eine Faszination aus, die konfessionelle Grenzen überschreitet.
Wie ernst man diese Faszination nehmen kann, zeigt sich augenzwinkernd sogar in einem Schweizer Kinderbuchklassiker: In Klaus Schädelins «Mein Name ist Eugen» beschliessen Wrigley und sein Freund Eugen, dem heiligen Franz nachzueifern. Er habe drei Programmpunkte: erstens Armut, zweitens Einsamkeit, drittens Hilfsbereitschaft gegenüber den Tieren, verkündet Wrigley, der sich kurzerhand zum neuen Franz erklärt. Mit grosser Begeisterung ziehen die beiden los – um bald zu merken, wie anspruchsvoll es tatsächlich ist, ernst zu machen mit Armut und Einsamkeit. Am Ende kehren sie, um eine Erfahrung reicher, zurück ins Pfadfinderlager.
Man kann darüber schmunzeln – und doch steckt darin etwas Wahres: Nachfolge lässt sich nicht einfach beschliessen und durchhalten wie ein Kinderspiel. Genau das war auch bei Franz selbst radikal ernst gemeint. Er hat nie ein theologisches System hinterlassen, sondern ein Leben, das für sich selbst spricht – ein Leben, das bis heute unbequem bleibt, gerade weil es sich nicht «einfach so» nachahmen lässt. Franz bleibt so eine Gestalt, die uns über die eigene konfessionelle Herkunft hinaus anspricht, ohne dass wir seinen Weg unkritisch übernehmen müssten.
War Franz von Assisi der erste Grüne? Er setzte sich für die Schöpfung ein.
Im berühmten Sonnengesang bezeichnet Franz Sonne, Mond, Wind, Wasser, Feuer und die Erde als Geschwister – «Bruder Sonne», «Schwester Mond», «Mutter Erde». Und in der Vogelpredigt spricht er zu den Vögeln, als wären sie ihm ebenbürtige Zuhörer. Beide Beispiele zeigen eindrücklich die respektvolle und liebevolle Art, mit der Franziskus die Schöpfung betrachtete.
Für Franz war das kein Umweltprogramm, sondern eine Frage der Demut: Die ganze Schöpfung lobt Gott bereits durch ihr blosses Dasein, und der Mensch steht nicht über ihr, sondern mitten unter ihr, als Bruder unter Geschwistern. Franz zum «ersten Grünen» zu erklären, würde ihm trotzdem ein Etikett aufkleben, das er selbst nicht kannte. Er dachte nicht in Kategorien von Umweltschutz, sondern von Beziehung und Lobpreis. Doch genau diese Haltung – die Schöpfung nicht als Ressource, sondern als Geschwister zu sehen – ist es, die heute, katholisch wie reformiert, wieder an Kraft gewinnt.
Was ist das Erbe von Franz von Assisi für die Christenheit?
Die Freude. In den verschiedenen Zeugnissen über Franz kommt sie immer wieder zum Wort – als geistliche Grundhaltung. Sie ist bezeichnenderweise nicht das Ergebnis günstiger Umstände: Franz besass nichts, war oft krank, wurde selbst von den eigenen Brüdern infrage gestellt – und sprach dennoch bis zuletzt von «vollkommener Freude». Das ist vielleicht sein bleibendstes Erbe: die Überzeugung, dass Freude nicht von Besitz oder Erfolg abhängt, sondern aus einer Beziehung geschenkt wird. Damit schliesst sich der Kreis zu allem, was Franz sonst noch mitgibt: seine Armut, sein Blick auf die Schöpfung, seine Offenheit im Gespräch mit dem Fremden. All das sind letztlich Ausdrucksformen derselben Freiheit – die Freiheit, sich nicht an Besitz, Status oder Feindbilder zu klammern, sondern das Leben als Geschenk anzunehmen und weiterzugeben.
Auch wir sind berufen, in dieser Freude zu leben und sie zu verwirklichen – nicht, indem wir Franz kopieren, sondern indem wir uns von ihm die Frage stellen lassen, die er sein ganzes Leben lang beantwortet hat: Was braucht es wirklich, um froh zu sein?
Was Franz von Assisi den Reformierten zu sagen hat