Weiterhin 10 Millionen Franken für die Solothurner Kirchen
Der Regierungsrat des Kantons Solothurn will die jährliche Unterstützung der Landeskirchen unverändert lassen: Von 2027 bis 2032 sollen die Kirchen weiterhin 10 Millionen Franken pro Jahr aus dem Finanzausgleich erhalten. Den Antrag stellt er nun dem Kantonsrat, der im Juni darüber abstimmt.
FĂĽr die Neubeurteilung zieht der Regierungsrat die Leistungsbilanz der letzten sechs Jahre und einen Bericht zur finanziellen Lage der Kirchgemeinden heran. Die Bilanz zeigt klar, wie stark sich die Landeskirchen gesellschaftlich engagieren. Ihre Leistungen und die ihrer Kirchgemeinden entsprechen einem Wert von ĂĽber 23 Millionen Franken.
Den Grossteil dieser Arbeit leisten Freiwillige unentgeltlich. Die 23 Millionen Franken übersteigen den jährlichen Finanzausgleich von 10 Millionen Franken deutlich. Zudem bestätigt sich: Das Modell funktioniert wie geplant. Der Ausgleich zwischen den 97 Kirchgemeinden mit ihren 120'000 Mitgliedern wirkt.
Der Finanzausgleich teilt sich in zwei Bereiche: 60 Prozent gleichen Unterschiede zwischen den Kirchgemeinden aus, 40 Prozent gehen an die Landeskirchen fĂĽr gesellschaftliche Aufgaben.
Was hinter den Zahlen steckt und wie die Kirchen die Mittel einsetzen, erklärt Synodalratspräsidentin Evelyn Borer im Gespräch.
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Evelyn Borer, die vor kurzem vorgestellte Leistungsbilanz zeigt, dass die Kirchen jährlich Leistungen von 23 Millionen Franken fĂĽr die Gesellschaft erbringen. Kann man sagen, dass die Kirchen den Betrag, den sie vom Kanton erhält, verdoppelt?Â
Ja, mindestens! Die Landeskirchen im Kanton Solothurn erhalten vom Kanton jährlich 10 Millionen Franken. Wie sich jetzt gezeigt hat, wird dieser Betrag also mehr als verdoppelt.
Worauf fĂĽhren Sie das zurĂĽck?Â
Einerseits auf die vielen Freiwilligen und Ehrenamtlichen in den Kirchen. Zum anderen an den Angeboten: Diese stehen allen offen, – unabhängig von Glauben, Kirchenmitgliedschaft, Weltanschauung oder Herkunft. Wer mit einem Pfarrer, einer Pfarrerin oder einem Diakon sprechen möchte, kann das tun. Diese Offenheit ist ein grosser Wert, weil sie keine Voraussetzungen verlangt. Die Leistungen der Kirchen sind oft nicht begrenzt oder von Effizienzdenken geprägt. Es geht nicht darum, möglichst viele «Kunden» zu bedienen, sondern um die Zeit und Zuwendungen, die sich an den Bedürfnissen der Menschen orientieren.
Auffallend ist, wie viele Menschen diese kirchlichen Angebote nutzen, gerade in unserer säkularen Zeit.
Ja, die Nachfrage nach Ritualen, Gemeinschaft und Seelsorge ist gross. Auch wenn die Institution Kirche manche zunächst abschreckt, nutzen viele die Angebote – sei es Elternbildung, Seminare, Seniorenkaffee, Singen mit Kindern und vieles mehr. Die Kirchen bieten auf vielen Ebenen etwas Wertvolles. Jeder kann die Angebote nutzen oder die Veranstaltungen besuchen, ohne sich verbiegen zu müssen. Meist sind sie kostenlos.
Die Arbeit der Kirchen basiert stark auf Freiwilligen. Es wird immer schwieriger, solche Helfer zu finden. Wie sehen Sie da die Zukunft?Â
Dieses Problem betrifft alle Vereine, Behörden und die Politik. Wir stellen fest, dass Menschen sich für befristete Projekte begeistern lassen. Für langfristige Aufgaben, etwa im Kirchgemeinderat, finden sich jedoch immer weniger Freiwillige. Das wird sich weiter verschärfen.
Die Studie liefert die Zahlen. Können Sie konkrekte/weitere Beispiele nennen, die die Ergebnisse der Studie verdeutlichen?
Da gibt es viele: Etwa im Asylbereich, in der die Kirchen Seelsorge anbieten. Genauso wichtig sind jedoch die Begegnungsorte und Deutschkurse in den Kirchgemeinden, diese wären ohne Freiwillige nicht möglich. Auch in der Jugendarbeit – bei Blauring, Jungwacht, Pfadi oder Cevi – läuft vieles über Ehrenamtliche. Oder in der Seniorenarbeit. Viele Senioren haben Schwierigkeiten im Umgang mit den Handys und Computern. In Dornach haben wir im Kirchgemeindehaus ein Café eingerichtet, wo ältere Menschen die Benutzung von Handys, Tablets und Computern lernen können. Freiwillige zeigen ihnen, wie diese Geräte funktionieren. Diese Arbeit ist unbezahlbar und hilft so vielen, sich im Alltag zurechtzufinden. Solche Projekte leben von der Begegnung und dem Dienst am Menschen.
Obdachlosenpfarrer Ernst Sieber sagte einmal in der Abgrenzung zur staatlichen Sozialarbeit: «Der Staat kann Menschen aber nicht lieben.»
Ja, das sehe ich auch so. Ein gutes Beispiel ist die Spitalseelsorge im Kanton Solothurn. Sie bietet jährlich 9500 Gespräche und Begegnungen an, ohne Vorgaben, worüber gesprochen wird oder wie lange es dauert. Parallel müssen die Pflege und die Ärzteschaft mit einer gewissen Effizienz und unter Druck schaffen, um alle Patienten zu behandeln. Dort steht die notwendige Dienstleistung im Vordergrund, während die Seelsorge Zeit für die Menschen hat. Das ist keine Kritik an der medizinischen Betreuung, sondern Fakt.
In vielen sozialen Bereichen waren die Kirchen Vorreiterinnen, etwa in der Krankenpflege oder der Hilfe für Migranten. In Dulliken gelten die Projekte von Pfarrer Sascha Thiel im Bereich Migration als Vorzeigeprojekte – etwa die Sprachkurse oder der interreligiöse Bettag.
Ja, der Blick in die Geschichte zeigt, die Kirchen haben etliche solcher Projekte initiiert. Ein gutes Beispiel ist der Verein «Ehe- und Lebensberatung», welche Paare und Familien beraten. Das Angebot entstand aus einer Initiative der Kirchen und wird heute vom Staat unterstützt. Wenn Kirche und Staat zusammenarbeiten, können Angebote entstehen, die der gesamten Bevölkerung zugutekommen.
Wird das von der Politik auch so gesehen?
Interessanterweise werden sie auch von der Politik gewürdigt. Viele dieser Projekte kann die Politik selbst nicht initiieren, dazu fehlen ihr die nötigen Freiwilligen. Oftmals sind solche Angebote – offene Begegnungsräume, spirituelle Veranstaltungen oder soziale Treffpunkte –so niederschwellig, dass sie ausserhalb der staatlichen Möglichkeiten liegen.
Mit der Leistungsbilanz sieht der Staat jetzt schwarz auf weiss, was die Kirchen leisten. Sorgen bereitet mir jedoch, wenn einzelne Leistungen wie die Spitalseelsorge künftig nicht mehr gefördert werden.
Wie reagiert die Bevölkerung auf die Leistungsbilanz? Mit Kirchen verbindet man oft das Bild leerer Kirchenbänke.
Viele, welche die Kirchen kennen, wissen, was wir leisten. Natürlich gibt es auch jene, die sagen: «Bleibt bei euch und lasst uns in Ruhe.» Trotz sinkender Mitgliederzahlen haben die Kirchen ein breites spirituelles Fundament in der Bevölkerung. Auch Menschen, die nicht mehr in der Kirche sind, wissen um die christlichen Wurzeln in der Gesellschaft und die kirchlichen Leistungen. Vielerorts steht die Kirche nach wie vor im Dorf.
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Leistungsbilanz Solothurner Landeskirchen
Jeder staatliche Franken erzeugt doppelten Nutzen: Auf 10 Millionen Franken Kantonsgelder kommen Leistungen im Wert von 23 Millionen Franken. Die 97 Kirchgemeinden leisten jährlich 400'000 Arbeitsstunden (238 Vollzeitstellen, 46 Prozent ehrenamtlich). Die Spitalseelsorge verzeichnet 9500 Kontakte pro Jahr. Der monetäre Gesamtwert beträgt mindestens 19,8 Millionen Franken – ohne Gebäude und Infrastruktur.
Weiterhin 10 Millionen Franken für die Solothurner Kirchen