Wenn Gläubige fasten: Verzicht mit tieferem Sinn
Es ist nicht jedes Jahr so, aber 2025 fasten Christen und Muslime zur gleichen Zeit. Viele Christen begannen am Aschermittwoch, dem 18. Februar, mit der Passionszeit, und mit einem Gebet am selben Abend startete auch der islamische Ramadan. Dass Passionszeit und Ramadan zeitgleich stattfinden, ist eine Seltenheit: Der islamische Kalender orientiert sich an den Mondzyklen und wandert jedes Jahr um 10 bis 12 Tage nach vorn. Die christliche Fastenzeit hingegen beginnt immer knapp sieben Wochen vor Ostern, das in diesem Jahr am 5. April gefeiert wird.
Doch das gemeinsame Timing ist nicht das Einzige, was die Fastenzeiten verbindet. «Fasten gab und gibt es in fast allen Kulturen und Religionen. Es hat einen inneren, tieferen Sinn, der vielen Menschen guttut», sagt der evangelische Theologe Wolfgang Reinbold. Die Gründe dafür seien ebenso verschieden wie die Formen des Fastens: «Es geht um Askese, Kontrolle, Verzicht, Reinigung, Trauer, Busse und vieles andere mehr, heute nicht zuletzt auch um Gesundheit.»
Christliches Fasten: Geistliche Praxis, kein Gebot
Die siebenwöchige Passionszeit erinnert Christinnen und Christen an das Leiden und Sterben von Jesus Christus. Fasten gilt dabei als geistliche Praxis, als Weg, sich auf das Wesentliche konzentrieren zu können. Die Bibel hält fest, dass sich das Fasten auf Gott richten solle, nicht auf andere. «Wer fastet, sollte keine Show daraus machen», sagt Reinbold. In der christlichen Mystik entstand später die Vorstellung, dass die Seele beim Fasten eins werden soll mit Gott und Jesus Christus.
In Teilen der Christenheit, etwa bei den Orthodoxen, gelten viele und teils strenge Fastenregeln. Viele gläubige Protestanten und Katholiken verzichten auf Süssigkeiten, Alkohol oder Fleisch, wobei Reinbold darauf hinweist, dass der Alkoholverzicht alles andere als eine klassische Fastentradition ist. Mönche brauten in der Fastenzeit sogar ein besonders starkes «Fastenbier», das mehr Kalorien lieferte, damit man auch ohne Fleisch schnell satt wurde.
Für die meisten Christen ist Fasten keine religiöse Pflicht, sondern eine freiwillige Entscheidung.
Ramadan: Eine der fünf Säulen des Islams
Im Islam ist das Fasten verbindlich verankert. Der Ramadan, der neunte Monat im islamischen Mondkalender, gehört neben dem Glaubensbekenntnis, den täglichen Gebeten, der Armensteuer und der Pilgerfahrt nach Mekka zu den «fünf Säulen des Islams». Die Fastenregeln sind klar definiert: täglich von der Morgendämmerung bis Sonnenuntergang kein Essen, kein Trinken, kein Rauchen. Befreit davon sind Alte und Kranke, Kinder, Schwangere und Reisende.
Höhepunkt des Ramadans ist die «Lailat al-Qadr», die «Nacht der Bestimmung», im letzten Drittel des Fastenmonats. Nach islamischer Überlieferung wurde dem Propheten Mohammed in dieser Nacht erstmals Verse des Korans offenbart. Viele Muslime beten dann die ganze Nacht durch, in der Hoffnung auf Vergebung ihrer Sünden. Den Abschluss bildet das Fest des Fastenbrechens, im Türkischen auch «Zuckerfest» genannt, weil Kinder Süssigkeiten und Geschenke erhalten.
Jom Kippur, Hindus, Buddhisten: Fasten als universelle Praxis
Das Fasten beschränkt sich keineswegs auf Christentum und Islam. Im Judentum nimmt der «Grosse Versöhnungstag», auf Hebräisch «Jom Kippur», eine zentrale Stelle ein. An diesem Tag dürfen Jüdinnen und Juden nicht arbeiten und sollen streng fasten, um von ihren Sünden gereinigt zu werden. Auch Hindus, Buddhisten und andere Religionen kennen das Fasten und haben dafür genaue Zeiten und Regeln, wie Reinbold erläutert.
Selbst nicht-religiöse Menschen könnten von einer Zeit der Einkehr profitieren, sagt der Experte für interreligiösen Dialog. Zwischen religiösen und nicht-religiösen Offerten sei ohnehin zunehmend schwerer zu unterscheiden, etwa wenn ein christliches Kloster eine Auszeit anbietet, die von einer Ayurveda-Therapeutin und einer Meditationslehrerin geleitet und mit dem Motto «Fasten zur Stärkung Ihrer Selbstheilungskräfte» beworben wird.
Was alle Formen des Fastens eint: Mit einer Diät oder Schlankheitskur haben sie nichts zu tun. Im Mittelpunkt stehen Besinnung, Innehalten im Alltag und der Wunsch, dem Wesentlichen näherzukommen.
Wenn Gläubige fasten: Verzicht mit tieferem Sinn