Wenn Medizin allein nicht reicht
Rund 80 Prozent der Schweizer Bevölkerung äussern den Wunsch, zu Hause zu sterben. Doch die Realität zeigt ein anderes Bild. Die Menschen leben länger – und zwar mit chronischen, oft multimorbiden Erkrankungen», sagt Caroline Kriemler von der Spitex Stadt Luzern.
Die Spitex begleitet Menschen oft über lange Krankheitsverläufe hinweg im häuslichen Umfeld. Kurative und palliative Behandlungen wechseln sich dabei zwischen Hausarztpraxis, Spital, ambulanten Therapien und Spitex ab. «Spezialisierte Palliative Care kommt jeweils dann dazu, wenn eine Situation instabil oder besonders komplex ist – etwa bei schwer kontrollierbaren Symptomen, hoher Belastung der Angehörigen oder herausfordernden Entscheidungsfragen», erklärt Kriemler.
Es geht nicht um Lebensverlängerung, sondern um Leidenslinderung.
Mit der demografischen Alterung verändern sich auch die sozialen Netze. Familien leben seltener generationenübergreifend unter einem Dach. «Die Systeme sind schon überlastet, ohne dass jemand schwer krank ist», sagt Kriemler. Angehörige arbeiteten nahezu 100 Prozent, betreuten seit Monaten – und gerieten irgendwann an ihre Belastungsgrenze.
Leidenslinderung
Palliative Care bedeutet deshalb mehr als Schmerztherapie. «Es geht nicht um Lebensverlängerung, sondern um Leidenslinderung», sagt Kriemler. Neben der körperlichen Dimension gehörten die psychosoziale und die spirituelle Ebene gleichwertig dazu. Gerade im ambulanten Bereich gibt es Lücken. Gespräche über Angst, Schuld, Abschied oder Sinn sind im Krankenversicherungssystem kaum abgebildet. «Zeit für solche Gespräche wird nicht finanziert, obwohl sie zentral für den Abschiedsprozess und die Würde am Lebensende eines Menschen sind.»
Spezialisierte Gesundheitsseelsorge
Hier setzt das Pilotprojekt der Reformierten Kirche Kanton Luzern und der Spitex Stadt Luzern an. Seit Januar ist Markus Naegeli als Gesundheitsseelsorger ins spezialisierte ambulante Palliative-Care-Team eingebunden. Er nimmt an Erstassessments vor Ort bei betroffenen Menschen teil, wird zu ethischen Fallbesprechungen eingeladen und kann von Pflegefachpersonen gezielt beigezogen werden. «Wir sind zuständig für das Medizinisch-Pflegerische – und er für das, was Menschen existenziell bewegt.»
Angestellt ist Markus Naegeli bei der Reformierten Kirche Kanton Luzern, die auf Seelsorge spezialisiert ist. Synodalratspräsidentin Lilian Bachmann sagt: «Wenn es um Lebens- und Sinnfragen geht, sind wir für alle Menschen unabhängig von ihrer Konfession da. Die Kooperation mit der Spitex Stadt Luzern ist ein weiteres Beispiel für die interprofessionelle Zusammenarbeit.» Es freut sie sehr, dass man mit Markus Naegeli eine sehr erfahrene Persönlichkeit für den gemeinsamen Start gewinnen konnte.
Warum braucht es dafür eine spezialisierte Gesundheitsseelsorge und nicht «nur» Gemeindepfarrpersonen? «Viele Gemeindeseelsorgende leisten Unglaubliches in Kirchgemeinden», sagt Kriemler, «aber sie können hochkomplexe, instabile Verläufe zu Hause zeitlich und organisatorisch nicht immer eng begleiten – schon gar nicht kurzfristig und interprofessionell abgestimmt.» Der Gesundheitsseelsorger im Palliativteam verfügt neben der theologischen Ausbildung über vertiefte Kenntnisse in Palliative Care, Ethik und Gesprächsführung. Spezialisierte Seelsorge sei nicht einfach «mehr vom Gleichen», sondern bringe Erfahrung mit existenziellen Krisen, Entscheidungskonflikten und interkulturellen Themen direkt ins Team, so Caroline Kriemler.
Pilotprojekt für drei Jahre
Ein weiterer Unterschied liegt im Zugang. Seelsorge aus der Gemeinde erreiche oft jene, die bereits ins kirchliche Leben eingebunden seien. «Viele schwer kranke Menschen und ihre Familien wissen jedoch gar nicht, an wen sie sich wenden können, oder sie gehören keiner Kirchgemeinde an.» Durch die Einbettung in die spezialisierte ambulante Palliative Care schaffen die Verantwortlichen klare niederschwellige Zugangswege, direkt aus dem und fürs Behandlungsteam.
Das Ziel des auf drei Jahre angelegten Projekts ist klar: eine strukturierte niederschwellige Gesundheitsseelsorge im ambulanten Bereich aufzubauen, mit definierten Zuständigkeiten, kurzen Wegen und klarer Kooperation. Erfasst werden Fallzahlen, Belastungssituationen und Rückmeldungen von Klienten und Angehörigen. «Wir wollen wissen, ob wir früher einbezogen werden und ob wir Krisen reduzieren können», sagt Kriemler. Denn manchmal müsse jemand hospitalisiert werden – nicht aus medizinischen Gründen, sondern weil das Umfeld die Situation nicht mehr trage.
Für sie ist Seelsorge kein Zusatzangebot, sondern Qualitätsmerkmal. «Eine Gesellschaft misst sich nicht an der Leistungsfähigkeit der Starken, sondern daran, wie sie mit den Schwächsten umgeht», zitiert sie den Palliativmediziner Gian Domenico Borasio. Und weiter: «Die spirituelle Dimension gehört von Anfang an dazu.»
Spezialisierte Gesundheitsseelsorge ergänzt dabei die Gemeindeseelsorge, sie ersetzt sie nicht. «Wo Menschen in einer Kirchgemeinde verankert sind, beziehen wir die zuständigen Seelsorgenden ausdrücklich mit ein», betont Kriemler. Der Gesundheitsseelsorger baue Brücken zwischen Spitex, Angehörigen und Kirchgemeinden.
Wenn das Pilotprojekt erfolgreich ist, sollen Betroffene und Angehörige künftig klar wissen, wohin sie sich wenden können. Und sie sollen sich auch in existenziellen Situationen getragen fühlen. «Menschen wollen nicht ständig über das Sterben reden», sagt Kriemler. «Sie wollen bis zuletzt leben.» Begleitung heisse deshalb vor allem eines: Vertrauen ermöglichen – wenn Medizin an ihre Grenzen kommt.
Wenn Medizin allein nicht reicht