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Gastlich Kirche sein

Wie die Kirche gastfreundlicher wird

von Noemi Harnickell
min
28.12.2023
Kirchenrat und Pfarrer Matthias Plattner und der Leiter der Stabstelle Kirchen- und Gemeindeentwicklung, Roland Plattner, wollen mit dem Konzept «Gastlich Kirche sein» Gemeinden zu innovativen Projekten motivieren. Kann das funktionieren?

«Sein Haus hat offene Türen, er ruft uns in Geduld. Will alle zu sich führen – auch die mit Not und Schuld.» Das Lied «Komm, sag es allen weiter» geht in seiner deutschen Fassung auf eine der wichtigsten und zugleich komplexesten Facetten der Kirche ein: die Gastfreundschaft.

Eine Kirche, die für alle da ist, in der gemeinsam gefeiert, gegessen und getrauert wird, in der Kunst, Kultur und Musik ihren festen Platz haben und die Raum zur Ruhe bietet: Genau so könnte eine gastfreundliche Kirche aussehen. Die Umsetzung fällt den Kirchgemeinden oft nicht so einfach. Mangelnde Ressourcen, mangelndes Personal, mangelnde Zeit – nicht selten sind jedoch Ideen im Überfluss da.

Wenn man keine Visionen hat, dann kann man auch nichts Neues mit den Immobilien anfangen.

Diese überfliessenden Ideen sehen Pfarrer Matthias Plattner und Roland Plattner als Chance für die Kirchen: Sie haben 2023 darum das Kommunikationsprojekt «Gastlich Kirche sein» erarbeitet und im November im Rahmen eines Workshops vorgestellt.

Pfarrgärten als Gemeinschaftsprojekt

«Die Frage, die wir uns als Kirchgemeinden als Erstes stellen müssen, lautet: Wie wollen wir eigentlich Kirche sein?», sagt Roland Plattner. Die Kirche habe nämlich vier herausragende Facetten: Feiern, Kultur, Alltag und Bildung. Alles hat in einer Kirche Platz, aber es gehe darum, Schwerpunkte zu setzen. Das spielt wiederum eine grosse Rolle bei der Frage, wie die Kirchgemeinden mit ihren Immobilien umgehen. «Wenn man keine Visionen hat», sagt Matthias Plattner, «dann kann man auch nichts Neues mit den Immobilien anfangen.»

Eine Kirche fĂĽr Menschen aus allen Lebensbereichen

Die Kirche habe tatsächlich oft einen «unverschämten Standortvorteil», stimmt Roland Plattner seinem Namensvetter bei. Viele Kirchenhöfe liegen zentral, werden aber nicht genutzt. Dasselbe gelte für Pfarrgärten: «Viele Pfarrgärten», sagt Roland Plattner, «sind für die Pfarrpersonen viel zu gross, die Umschwünge gleichen ja oftmals kleinen Parks. Pfarrer und Pfarrerinnen haben neben ihrem vollen Pensum nicht die Zeit, auch noch Beete zu pflegen und Unkraut zu jäten.» Es wäre doch eine Möglichkeit, aus dem Pfarrgarten einen Gemeinschaftsgarten zu machen. Immerhin: Schrebergärten waren über eine lange Zeit hinweg ein wichtiger Ort der Gastlichkeit für viele Gastarbeiter. Mit dem zunehmenden Verschwinden der Schrebergärten geht auch dieser Treffpunkt verloren. Die gemeinschaftliche Nutzung von Pfarrgärten könnte eine Alternative schaffen.

Im Kern verstehen die beiden Plattners das Konzept der gastlichen Kirche als einladenden und integrativen Raum, der allen offensteht, die Trost, Orientierung, Begegnung, Gemeinschaft oder ein Gefühl der Zugehörigkeit suchen. Die Gastfreundschaft im Kirchenraum soll ein Umfeld schaffen, in dem sich Menschen aus allen Lebensbereichen und Genera-tionen wertgeschätzt fühlen.

Kirch- und Einwohnergemeinde auf gemeinsamen Pfaden

«Wenn wir uns mit den Pfarreien unserer katholischen Kolleginnen und Kollegen vergleichen, dann merken wir unweigerlich, dass wir Reformierten oft viel weniger Flair für gemütliches Beisammensein haben», sagt Matthias Plattner. Das zeige sich in allen möglichen Bereichen, von der gastronomischen Kultur über die Art, wie Räume dekoriert würden, bis hin zur Vielfalt der Musik. «Wir sind oft noch immer sehr calvinistisch, leibfeindlich und prüde in unseren Traditionen», bedauert Plattner. Er beobachtet ausserdem eine grosse kulturelle Vielfalt in katholischen Kreisen. «Wenn etwa mit der portugiesischen Mission gefeiert wird, geht es richtig bunt zu und her», sagt er. «Da wird gesungen und getanzt, und man spürt: Gemeinschaft stiftet Identität.»

Die Kirche ist den gleichen Megatrends unterworfen.

Er hofft, dass der Workshop im November einen ersten sprichwörtlichen Samen gesät hat, aus dem eine neue Saat heranwachsen kann. Neben dem Brainstormen von Ideen ging es in den Diskussionen auch um konkrete Umsetzungsmöglichkeiten. Wie lassen sich Ressourcen generieren? Wie kann man freiwillige Mitarbeitende gewinnen, die sich engagieren?

Als fruchtbar könne sich die Zusammenarbeit zwischen Kirch- und Einwohnergemeinde gestalten, meint Roland Plattner. Es komme oft vor, dass man sich auf den gleichen «Baustellen» befinde, ohne es überhaupt zu merken. «Die Kirche ist den gleichen Megatrends unterworfen», sagt er. «Geld ist wichtig, aber genauso wichtig ist ein Bewusstsein dafür, was es überhaupt braucht in der Gemeinde.»

Keine Innovation ohne Abschied vom Alten

Zu jeder Innovation gehört auch eine Exnovation. Das Neue ist zugleich ein Abschied vom Alten. «Wo erreichen wir mit grossem Energieaufwand drei Leute? Und wollen wir das so? Oder können wir die Prozesse vereinfachen?» Indem man etwa den Sonntagsgottesdienst streicht und mit der Nachbargemeinde feiert, kann man die bisher dafür aufgewendete Energie für anderes nutzen. Aber dafür brauche es eine Verzichtsplanung, sagt Plattner, und das sei für viele Kirchenarbeitende ein emotional schwieriger Schritt.

Es gehe darum, vermehrt Menschen und Gemeinschaftsstiftung ins Zentrum der Kirche zu stellen, sagt Plattner, und mit gemeinsamen Werten etwas aufzubauen. «Alles steht und fällt mit Leuten, die hierfür inspiriert sind und den Biss haben!»

 

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