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Pierre Stutz

«Wie ich der wurde, den ich mag»

von Tilmann Zuber
min
23.01.2024
Pierre Stutz ist einer der bekanntesten spirituellen Lehrer der Schweiz. Zu seinem 70. Geburtstag hat er eine Autobiografie geschrieben, die erzählt, wie er zu sich selbst fand. Im Februar kommt er in die Citykirche Zug.

 Pierre Stutz, geboren 1953, ist einer der meistgelesenen spirituellen Autoren im deutschsprachigen Raum. Seine über 40 Bücher wurden in sechs Sprachen übersetzt und erreichen eine Auflage von über einer Million. Zu seinem 70. Geburtstag veröffentlichte er eine Autobiografie «Wie ich der wurde, den ich mag».

Das Buch beschreibt seinen Lebens- und Leidensweg. Denn Stutz war Priester und homosexuell. Jahrzehntelang hütete er dieses Geheimnis, bis es ihn langsam von innen auffrass. Heute sei er mit seinem Weg versöhnt, gerade weil dieser ihn über viele Umwege und Rückschläge geführt habe, sagt er. «Ich habe die heilsame Erfahrung gemacht, dass Brüche im Leben Durchbrüche zu mehr Lebendigkeit werden können.»

Die sexuelle Identität ist so etwas Grundlegendes, dagegen anzukämpfen, ist hoffnungslos.

Katholische Bilderbuchkarriere

Aber von Anfang an: Pierre Stutz wächst im Freiamt in einem katholischen Umfeld auf. Mit 20 Jahren tritt er in einen katholischen Orden ein, arbeitet als Jugendseelsorger und Hochschuldozent. In der Gemeinde ist er beliebt, er steht vor einer klerikalen Bilderbuchkarriere.

Doch es gibt auch den anderen Stutz: Als er in der Pubertät entdeckt, dass er schwul ist, beginnt ein grausamer Kampf. «49 Jahre lang habe ich einen Krieg gegen mich selbst geführt, habe versucht, jede Regung zu kontrollieren, habe gehofft, dass es niemand merkt», erzählt er. «Ich habe einen starken Willen, und der kämpfte dagegen an, es war so anstrengend.» Pierre Stutz verfällt in Depressionen. Sein Umfeld fragt sich, was mit ihm los sei, er habe doch alles. Der Kampf um die zölibatäre Lebensform machte ihn krank. «Die sexuelle Identität ist so etwas Grundlegendes, dagegen anzukämpfen, ist hoffnungslos», sagt Pierre Stutz. «Zum Glück», fügt er hinzu. 2002 outete sich Pierre Stutz.

Warum so spät? Während die sexuelle Revolution in den letzten 40 Jahren ihren Durchbruch erlebt habe, sei die Homosexualität in Stutz’ Milieu noch jahrzehntelang tabuisiert worden, erzählt er. «Ich wollte nicht abgelehnt werden», sagt er. «Ich hatte Angst, dass mein ganzes Leben auf das Schwulsein reduziert wird.»

Wie für Hunderttausende andere Priester war der Beruf für ihn so erfüllend, sodass er das Zölibat in Kauf nahm. Als Pierre Stutz 2002 dem Basler Bischof Kurt Koch erklärte, er könne nicht mehr, er werde sein Amt niederlegen, war er eine Sekunde später arbeits- und heimatlos. «All das, wofür ich 49 Jahre lang Tag und Nacht gearbeitet und alles gegeben habe, zählte nicht mehr.»

Pierre Stutz hat vor seinem Coming-out zehn Jahre in der Abbaye de Fontaine-André oberhalb des Neuenburgersees gelebt in einem «offenen Kloster», in einer Gemeinschaft mit Frères, Singles, Familien. Er schreibt Bücher, hält Vorträge und Kurse über eine Spiritualität, die Meditation und Engagement nicht trennt. So wie er sie einst bei der Theologin Dorothee Sölle entdeckt hat. Privat findet der ehemalige Priester nach seiner Befreiung sein Glück: Seit 2003 lebt er mit seinem Partner zusammen, den er 2018 geheiratet hatte. Heute in Deutschland.

In der Kirche bleiben

Der katholischen Kirche ist er treu geblieben. Oft werde er gefragt, warum er in einem System bleibe. Austreten sei ein wichtiger Akt, Kämpfen sei ein wichtiger Akt, meint Stutz. Deshalb sei er bis heute nicht aus der katholischen Kirche ausgetreten. «Ich bin nicht bereit, sie den Hardlinern zu überlassen, gerade weil sich viele aus meinem Freundeskreis in der Kirche engagieren.» Er spüre, dass es sich lohne, mit anderen zu kämpfen, auch wenn er die Früchte vielleicht nie ernten werde.

Ich habe sofort in mein Tagebuch geschrieben, dass ich nie um einen Besenschranksegen bitten werde.

Kürzlich hat der Vatikan ein Dokument veröffentlicht, das die Segnung von Homosexuellen erlaubt. Ein kleines Zeichen der Öffnung? «Ja und nein», meint Pierre Stutz. «Der Zusatz, dass der Segen nur im Vorbeigehen erteilt werden darf, wenn die Leute darum bitten, beweist, dass das Dokument eine Farce ist. Ich habe sofort in mein Tagebuch geschrieben, dass ich nie um einen Besenschranksegen bitten werde.» Das zeige, dass «an höchster Stelle immer noch eine neurotische, homophobe Haltung vorherrscht». Wer solche Dokumente schreibe, bekämpfe seine eigene Homosexualität. «Dass im Jahr 2024 ein solcher Kulturkampf stattfindet, ist skandalös!» Religionen neigten dazu, Sexualität zu unterdrücken und zu verteufeln. Nicht nur das Christentum, auch andere Religionen.

Geborgen und frei

In Stutz’ Autobiografie findet sich der Satz: «Es ist nie zu spät, so zu werden, wie wir von Anfang an gemeint sind, geborgen und frei.» Gilt das nicht auch für die Kirchen? «Unbedingt!», meint Pierre Stutz, dem die Ökumene zeitlebens ein Herzensanliegen war. Angenommen und zugleich frei zu sein, sei existenziell für das Leben. Die katholische Kirche wolle mit all ihren Ritualen Geborgenheit vermitteln, habe aber gleichzeitig Mühe mit der Freiheit der Christinnen und Christen.

Und die Reformierten hätten sich die Freiheit auf die Fahnen geschrieben und dafür das Sinnliche und die Geborgenheit aus ihrer Kirche vertrieben. Hier könne der ökumenische Weg beiden Seiten enorm viel bringen. Pierre Stutz kämpft dafür, dass die Geborgenheit nicht auf Kosten der Freiheit gehe und die Freiheit zur Kritik nicht auf Kosten der Geborgenheit und der Innerlichkeit.

 

Gespräch und Buch

Mittwoch, 21. Februar, 20 Uhr. Eine Begegnung mit Pierre Stutz.

Andreas Haas, reformierter Pfarrer in Zug, im Gespräch mit Pierre Stutz zu seiner Autobiografie «Wie ich der wurde, den ich mag», in der Kirche St. Johannes, St. Johannes-Strasse 9, Zug. Musik: David Zipperle, Gitarre

Pierre Stutz, «Wie ich der wurde, den ich mag». Verlag bene! Droemer Knaur München, 4. Auflage 2023

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