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Ilja Völlmy Kudjravtsev, Organist

«Wir leben in verschiedenen Welten»

von Tilmann Zuber
min
31.05.2023
Ilja Völlmy Kudriavtsev ist Organist an der Stadtkirche Liestal. Der Krieg in der Ukraine spaltet seine Herkunftsfamilie.

Ilja V├Âllmy Kudriavtsevs Geburtsstadt ist St. Petersburg. Hier wuchs er auf, just in der Zeit, als in der Stadt ein Politiker an die Macht kam, der sein Leben massiv pr├Ągen und seine Familie entzweien sollte: Wladimir Putin.

Doch der Reihe nach: Mit sieben Jahren setzte sich V├Âllmy zum ersten Mal ans Klavier. Doch sein Herz schlug f├╝r die Orgel. Da der orthodoxen Kirche die Orgelmusik fremd ist, ├╝bte der 16-J├Ąhrige auf der Orgel der finnisch-lutherischen Kirche. Die Lutheraner habe er als freundlich und offen erlebt, erz├Ąhlt V├Âllmy, ganz anders als die alten Frauen in den d├╝steren orthodoxen Kirchen, die den Jungen zurechtwiesen. V├Âllmy liess sich bei den Lutheranern konfirmieren und wurde Organist ihrer Kirche. ┬źAls Lutheraner war ich im orthodoxen Russland ein Fremder┬╗, sagt er heute.

Von 2001 bis 2006 studierte er am Petersburger Konservatorium. F├╝r das Nachdiplomstudium an der Royal Academy of Music zog er nach London.

Noch in Russland verliebte er sich in seine zuk├╝nftige Frau, eine Schweizer Cellistin, die perfekt Russisch sprach ÔÇô ┬źso gut, ich h├Ątte nie gedacht, dass sie eine Schweizerin ist┬╗, sagt er. Kurz darauf heirateten die beiden, das Paar zog in die Schweiz. 2009 ├╝bernahm Ilja V├Âllmy die Organistenstelle in Liestal. Seit 14 Jahren ist Ilja V├Âllmy Hauptorganist an der Stadtkirche Liestal. Er f├╝hle sich im Baselbiet zu Hause und ┬źim Reformierten ganz wohl┬╗, wie er mit osteurop├Ąischem Akzent hinzuf├╝gt.

 

Schwierige Beziehung zu den Eltern

Seine Herkunftsfamilie lebt nach wie vor in Russland. Seit Putins ├ťberfall auf die Ukraine ist das Verh├Ąltnis zu ihnen schwierig. ┬źDie Eltern halten mich f├╝r einen Nazi┬╗, sagt er, ┬źich sie f├╝r Faschisten.┬╗ Wenn sie ├╝ber WhatsApp kommunizieren, endet das Gespr├Ąch nach dem f├╝nften Satz in einem heftigen Streit.

In Russland gelte ich inzwischen als Landesverräter.

Denn Ilja V├Âllmy unterst├╝tzt den Kampf der Ukrainer und die Fl├╝chtlinge. Er sammelt Geld, spielt bei Benefizkonzerten und besucht ukrainische Suppentage. Mit den Spenden finanziert er Medikamente in der Ukraine. In Russland gelte er inzwischen als Landesverr├Ąter, sagt er, in seine alte Heimat k├Ânne er nicht mehr zur├╝ck, sonst w├╝rde er verhaftet. ┬źMeine Eltern und ich leben in verschiedenen Realit├Ąten┬╗, meint er. Sie seien nicht nur Opfer der russischen Propaganda, sondern f├╝r sie sei Putin ein Garant, dass sie ihre Wohnung halten k├Ânnten und ihre Rente sicher sei.

Der Krieg in der Ukraine hat ihm die Augen auch f├╝r andere Konflikte ge├Âffnet, etwa in Armenien, Afghanistan oder dem Jemen. Er findet, dass es den Schweizern und Schweizerinnen gut gehe. Gerade wenn man so privilegiert sei, m├╝sse man andere unterst├╝tzen. Ilja V├Âllmy: ┬źEs gibt Momente, da muss man sich einmischen. Da reicht es nicht mehr, wenn man auf Facebook eine ukrainische Flagge postet.┬╗ Eigentlich ist der Organist zuversichtlich: ┬źKein Krieg dauert ewig, kein Pr├Ąsident lebt ewig. Doch bis die Wunden dieses Krieges verheilt sind, dauert es noch viele Generationen.┬╗

 

6. Liestaler Orgelnacht

2. Juni, 18.30 bis 23 Uhr, acht Kurzkonzerte, ┬źstimmungsvoll┬╗, www.liestaler-orgelmusik.ch

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