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Hans Martin Tschudi, ehemaliger Regierungsrat

«Wir müssen uns anstrengen»: Ein 6-Punkte-Programm für die Zukunft der Kirche

von Toni Schürmann
min
02.04.2024
Der promovierte Jurist und ehemalige Basler Regierungsrat Hans Martin Tschudi kennt die Probleme der Basler Kirche und hat als Diskussionsbeitrag ein Sechs-Punkte-Programm formuliert. Er sieht auch angesichts einer kleiner werdenden Kirche hoffnungsvolle Perspektiven.

Hans Martin Tschudi: Sie stammen aus einer Basler Bundesratsfamilie. Freut es Sie, dass nach einem halben Jahrhundert endlich wieder ein Basler im Bundesrat vertreten ist?

Nach 50 Jahren ist es wohl höchste Zeit, dass unser Stadtkanton im Bundesrat vertreten ist. Freude herrscht!

Zur Gretchenfrage: Welchen Stellenwert haben heute christliche Werte in der Politik?

«Wie Gott aus der Schweizer Politik verschwunden ist», titelte die bz Basel im Vorfeld der eidgenössischen Wahlen vom vergangenen Herbst. Der Beitrag handelt davon, dass sich im Jahr 2023 erstmals keine Partei mehr im Namen zu christlichen Werten bekenne. Die CVP habe nach der Fusion mit der BDP zudem – Zitat bz – «den religiösen Mantel abgestreift».

Der gesellschaftliche Wandel und die Verbreitung neuer Werte führen zu einem Rückgang der religiösen Bindung.

Das fehlende C-Adjektiv im Namen als Begründung für die Abkehr von christlichen Werten? Teilen Sie diese Einschätzung?

Natürlich nicht. Es gibt ja immer noch die Evangelische Volkspartei. Doch es ist schon so: Während in nördlichen Nachbarland mit CDU und CSU zwei grosse Volksparteien nicht im Traum daran denken, das «C» fallen zu lassen, ist es in der Schweiz nun verschwunden. Und dies vor dem Hintergrund einer Bundesverfassung, die in der Präambel mit «Im Namen Gottes des Allmächtigen!» beginnt.

Von der Politik zur Kirche: Was beschäftigt Sie dort am meisten?

Als Pfarrerssohn ist mir die Kirche ans Herz gewachsen. Ich beobachte mit Sorge deren Entwicklung in der Schweiz. Besonders die abnehmende Zahl von Mitgliedern ist ein belastendes Thema. Die reformierte Basler Kirche hatte in den 1960er-Jahren etwa 140'000 eingeschriebene Mitglieder. Heute sind wir noch zirka 22'000.

Ich habe manchmal den Eindruck, dass sich unsere Kirche ihrer Kraft nicht mehr bewusst ist.

Was sind aus Ihrer Sicht die GrĂĽnde fĂĽr diese Abnahme?

Ich nenne drei. Erstens: Die Säkularisierung. Immer mehr Menschen distanzieren sich von traditionellen religiösen Institutionen. Der gesellschaftliche Wandel und die Verbreitung neuer Werte führen zu einem Rückgang der religiösen Bindung.

Zweitens: Die Gestaltungsfreiheit. Die Menschen haben heute mehr Möglichkeiten, ihren Lebensweg frei zu gestalten. Die Kirche ist nicht mehr «allein selig machend». Und veränderte gesellschaftliche Werte haben zur Folge, dass Religion nicht mehr «in» ist.

Und drittens?

Der demografische Wandel. Junge Leute zeigen weniger Interesse an organisierten Strukturen. Und die Älteren, die stärker in die Kirche eingebunden sind, sterben aus.

Diese Trends lassen sich vermutlich in absehbarer Zeit nicht stoppen.

Nun, ich möchte hier keinesfalls den Niedergang unserer Kirche herbeireden. Ich bin vielmehr Optimist und sehe auch angesichts einer kleiner werdenden Kirche hoffnungsvolle Perspektiven. Der aktuell in den Medien viel diskutierte deutsche Soziologe Hartmut Rosa sagt: Religion hat Kraft. Religion gebiert Ideen. Und Religion verfügt über ein grosses Arsenal an Traditionen, Räumen und Gesten aus über 2000 Jahren. Grundsätzlich pflichte ich ihm bei. Allerdings habe ich manchmal den Eindruck, dass sich unsere Kirche ihrer Kraft nicht mehr bewusst ist.

Was schlagen Sie als Lösungsansätze vor?

Ich habe ein Sechs-Punkte-Programm formuliert. Dieses spiegelt meine Vorstellung davon, was wir noch entschlossener anpacken sollten. Die Kurzfassung lautet:

1. Die Kirche muss sich mit den BedĂĽrfnissen der Menschen auseinandersetzen. Auf existenzielle Fragen des modernen Lebens muss sie relevante Antworten anbieten und darf sich nicht wegducken.

2. Die Gestaltung von Gottesdiensten und anderen Formaten ist an die moderne Zeit und Stimmung anzupassen.

3. Eine starke Kirche muss eine offene und einladende Haltung gegenĂĽber allen Menschen haben. Gerade in einer Gesellschaft, die in vielen Fragen gespalten ist, stossen Offenheit und Willkommenskultur auf Anklang.

4. Die Kirche sollte Ausdruck einer Gemeinschaft sein, mit der sich die Menschen verbunden fühlen. Je hektischer und anonymer eine Gesellschaft, desto mehr sehnen sich die Menschen nach «Community».

5. Eine starke Kirche muss durch ihre Handlungen und christlichen Werte glaubwürdig sein. Offenheit, Ehrlichkeit und Integrität sind wichtige Aspekte.

6. Eine attraktive Kirche sollte den Menschen den Sinn fĂĽr ihr Leben vermitteln. Es geht dabei um ethische Werte, spirituelle Erfahrung und eine Vision fĂĽr ein erfĂĽlltes Leben.

Wie zuversichtlich sind Sie, dass diese Ansätze fruchten?

Wie gesagt: Ich bin optimistisch. Zentral ist die GlaubwĂĽrdigkeit. Sie ist die unabdingbare Voraussetzung fĂĽr die Umsetzung dieser Punkte.
Die Menschen folgen einer Kirche, die ihre Überzeugungen in zeitgemässe Taten und Auftritte zu übersetzen weiss. Die Kirche, wie wir sie in Basel, in der Schweiz, in Europa kennen und verstehen, befindet sich an einem Scheideweg.

Doch ich bin zuversichtlich, dass diese Institution, die ihre Schwächen hat, aber oft so viel Gutes bewirkt, noch lange nicht ausgedient hat. Aber wir müssen uns anstrengen.

 

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