«Wir schenken den Menschen ein Stück Paradies»
Zum Tag der Kranken richtet sich der Blick besonders auf Menschen, die mit schweren Erkrankungen leben, etwa mit Krebs. Im Claraspital begegnet ihnen Pfarrer Luzius Müller als Spitalseelsorger. In einem Umfeld, das von medizinischer Expertise, Zeitplänen und Abläufen geprägt ist, versteht er seine Aufgabe bewusst anders. «Wir Spitalseelsorger wissen, anders als alle anderen Fachleute im Spital, nicht besser Bescheid über den Patienten als er selbst», sagt Müller. «Wir fragen und hören zu: Wer bist du? Was beschäftigt dich?»
Spiritual Care
Diese Haltung ist Teil dessen, was heute unter dem Begriff «Spiritual Care» verstanden wird. Der Begriff existiert seit rund 30 Jahren und ist inzwischen im Spitalalltag angekommen. Gerade in einem Tumorzentrum gehe es nicht nur um die somatische, also körperliche Gesundheit, sondern auch um das psychosoziale und spirituelle Wohlergehen der Menschen. «Gesundheitsfachleute haben oft einen sehr engen Fokus auf einzelne Aspekte», erklärt Müller. «Wir Spitalseelsorger kümmern uns nicht um die somatische Gesundheit, sondern widmen uns ganz der Frage, was die Menschen innerlich bewegt, was sich in ihrem Leben verändert.»
Seelsorge versteht Müller ausdrücklich als Angebot. «Ich glaube, die Indikation für Seelsorge kann nur die Person selbst geben», sagt er. In einem Spital, das ein dichtes System mit vielen komplexen Prozessen ist, könne leicht ein Gefühl von Enge entstehen. «Der Körper wird zwar genau überwacht, aber der Mensch mit seinem Erleben bleibt manchmal auf der Strecke.» Hier öffne die Seelsorge einen anderen Raum – einen Raum für die Innenwelt, für Gefühle, Hoffnungen, Ängste und Fragen.
Was diese Gespräche von Therapie oder medizinischer Betreuung unterscheidet, beschreibt Müller so: «Wir arbeiten nicht nach dem Schema von Problem und Lösung. Eigentlich ist es umgekehrt: Wir kommen mit leeren Händen.» Er wolle den Menschen so begegnen, als hätte er immer Zeit – ohne Abrechnungspflicht, ohne Zielvorgabe. «Wir schenken den Menschen ein Stück Paradies.»
Raum geben
Dabei gehe es nicht darum, Antworten zu liefern oder religiöse Deutungen aufzudrängen. «Ich versuche, möglichst wenig zu wissen, wenn ich einer Patientin oder einem Patienten begegne», sagt Müller. «Ich möchte bei null beginnen: Wer sind Sie? Was beschäftigt Sie?» Manchmal gehe es gar nicht um Medizin oder Krankheit, sondern um Alltägliches, um Beziehungen, um das, was gerade trägt. «Ich muss jedes Mal neu herausfinden, was Seelsorge hier und jetzt bedeutet. Es gibt keine universelle Methodik.»
Auch Menschen ohne religiösen Zugang nehmen das Angebot in Anspruch. Entscheidend sei, dass jemand Raum bekomme, um auszusprechen, was sonst keinen Platz habe. Gespräche seien dabei nie nur durch ihren Inhalt bestimmt, sondern durch die Beziehung.
Gerade im Angesicht von Krankheit und Endlichkeit zeigt sich, wie wichtig dieser Raum ist. «Der Tod gehört zum Menschsein dazu», sagt Müller. «Es ist auch eine Funktion der Seelsorge, der Gesellschaft in Erinnerung zu rufen, dass das Leben endlich ist.» Für ihn persönlich sei es tröstlich, in einem Haus zu arbeiten, in dem viele Fachleute für alles andere sorgen. «So kann ich mich ganz auf das Gespräch konzentrieren.»
Und manchmal, sagt er, predigten nicht die Seelsorger, sondern die Patientinnen und Patienten selbst. «Im Idealfall bringen sie uns dazu, uns von ihrer Hoffnung predigen zu lassen.»
«Wir schenken den Menschen ein Stück Paradies»