Zu Maria Himmelfahrt geht in Thun ein Licht auf
Kirchenkleinod scheint eine passende Bezeichnung. Die Thuner Scherzligkirche ist klein: Ohne Vordach beträgt die Länge aussen nicht einmal 25 Meter, die Breite 10 Meter – gemessen auf dem Flugbild von Swisstopo; entsprechend noch kleiner sind die Innenräume. Aber andere Eigenschaften machen sie zu einer wahren Preziose unter sakralen Bauten.
Die Kirche Scherzligen ist uralt. Urkundlich erwähnt wird sie – als einer der frühesten Orte im Kanton Bern – erstmals im Jahr 762. Damals schenkte der Bischof von Strassburg die Kirche dem Kloster Ettenheim im heutigen Baden-Würtemberg. Münzfunde zeigen, dass der Ort aber schon in der Antike eine Kultstätte gewesen sein dürfte. Und aus dem fünften oder sechsten Jahrhundert stammt ein Doppelgrab-Mausoleum, über dem die erste Kirche errichtet worden ist.
Turm aus dem zehnten Jahrhundert
Der Turm aus dem zehnten Jahrhundert ist der älteste erhaltene Teil des Gotteshauses. Das heute noch bestehende niedrige romanische Kirchenschiff wurde im elften oder zwölften Jahrhundert erbaut. Und dann, um 1380, «erfuhr die Scherzligkirche die grösste Veränderung ihrer Geschichte vor der Reformation», hält Pfarrer Markus Nägeli fest. Der 72-Jährige hat sich seit den 90er-Jahren vertiefend mit Meditation und Spiritualität auseinandergesetzt und über die Kirche Scherzligen eine Dokumentation verfasst.
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Zu Maria Himmelfahrt am 15. August und auch Ende April erscheint durch eine Reflexion in der nahen Aare das «Marienlichtbild». | Fotos: Markus Nägeli
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Die romanische Kirche mit halbrunder Apsis sei Ende des 14. Jahrhunderts völlig umgestaltet worden, sagt Nägeli. Ein gotischer Hochchor ersetzte die Apsis. Sein neuer Dachstock überragte den Schiffsdachstock um etwa vier Meter. Im vorderen Teil des Kirchenschiffs wurden beidseitig je ein gotisches Fenster ausgebrochen, um Licht auf die beiden Seitenaltäre zu bringen. Zudem wurde das Kirchenschiff als Gottesdienstraum wesentlich vergrössert.
Besonderer Moment am 15. August
Und damit kommt der Pfarrer auf die speziellen Eigenschaften der kleinen Kirche: Ihre Prägung durch Sonnen- und Mondlauf. Zur Sommersonnenwendezeit um den 21. Juni geht die Sonne von der Kirche Scherzligen aus gesehen am tiefsten Punkt des Horizonts auf und scheint durch die Längsachse der Kirche. Zur Wintersonnenwende am 21. Dezember erstrahlt der Sonnenaufgang direkt über dem Gipfel des höchsten Berges des Panoramas, der Jungfrau.
Ein besonders eindrückliches Ereignis steht unmittelbar bevor. In der Zeit um Maria Himmelfahrt am 15. August fliesst der erste Sonnenstrahl am Morgen diagonal vom östlichen Chorfenster her durch die Kirche. Und einige Minuten danach erscheint direkt über dem gotischen Spitzbogen der Wand zwischen Kirchenschiff und Chor eine eindrückliche Lichtprojektion: Die Sonne wird von der nahen Aare so gespiegelt, dass die Reflexion durch das Fenster an der Wand eine flimmernde Lichtgestalt annimmt. Darin sehen manche Menschen eine Marienfigur.
Ein Lichtschein auf Maria
Dazu schreibt Markus Nägeli: «Erstaunlich bleibt die Tatsache, dass das Licht genau durch dasjenige Chorfenster scheint, über dem bei der Restaurierung von 2003 die Wandmalerei einer gotischen Mondsichelmadonna entdeckt worden ist.» Und ein weiteres Phänomen sorgt für Erstaunen: Während das «Marienlichtbild» an der Wand erscheint, fliesst ein Teil des von der Aare reflektierten Lichts ins Kirchenschiff und beleuchtet dort das erste Bild der mittleren Freskenreihe an der Nordwestwand. Und dabei handelt es sich um die Darstellung der Legende von der Darbringung Marias im Tempel, bei der die Dreijährige die Tempelstufen emporsteigt. Dann wandert das Licht «wie ein Scheinwerfer» über das Bilderfries des Marienlebens.
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Das Kirchenkleinod Scherzligen und seine Phänomene
Die Dokumentation von Pfarrer Markus Nägeli zur «Lichtkirche Scherzligen» ist als PDF auf der Website scherzligen.ch herunterladbar.
Das Programm mit den Anlässen rund um Maria Himmelfahrt vom 12. Bis 18. August ist ebenfalls auf der Website abrufbar. Am 15. August findet um 7.30 Uhr morgens eine öffentliche Sonnenaufgangfeier zum Marienlichtbild statt, unter der Leitung von Pfarrer Markus Nägeli, begleitet von Fred Singer mit der Klarinette.
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Nach Ansicht von Nägeli liegt die Vermutung nahe, dass die Baumeister Ende des 14. Jahrhunderts dieses Lichtphänomen als Marienphänomen interpretierten und bewusst in den Bau integrierten. «Dadurch konnte die Neuausrichtung als Marienkirche betont und die Wallfahrt gestärkt werden», folgert der Pfarrer in seiner Dokumentation. Dass die Aare damals, als noch keine grossen Uferverbauungen und Gewässerkorrektionen erfolgt waren, deutlich anders floss, sieht Nägeli nicht als wahrscheinlich, wie er auf Anfrage sagt. Die Kirche sei auf einem Moränensporn erbaut worden und bei Hochwasser manchmal wie eine Insel von Wasser umflossen worden – und ganz sicher immer in Wassernähe gestanden.
Sinnliche Verstärkung von theologischen Botschaften
Genau das fasziniere ihn an dem Bau besonders, sagt Markus Nägeli: Wie die damaligen Verantwortlichen mit der Standortwahl, mit der Ausrichtung des Kirchenbaus schon in der Gründungszeit und rund 800 Jahre später mit der gotischen Umgestaltung, Naturphänomene nicht bekämpften, sondern in den Bau integrierten. «So gewannen sie, zusätzlich zu den Wandmalereien, zu bestimmten Zeiten bei Sonnenaufgang eindrückliche sinnliche Verstärkungen ihrer theologischen Botschaften, die sie den Menschen ins Herz pflanzen wollten.»
Für ihn sei die Scherzligkirche deshalb nicht nur ein Gesamtkunstwerk, sondern «eine lebendige Einladung, dass sich der Mensch an einem solchen Kraftort in einem ganzheitlichen Sinn für die Wirklichkeit der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus öffnen kann». Er empfiehlt daher, den ruhigen, idyllisch gelegenen Ort mit genügend Zeit und mit offenem Herzen zu besuchen. So könne sie uns mit all den Besonderheiten ansprechen und beschenken.
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Zu Maria Himmelfahrt geht in Thun ein Licht auf