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Ein Mittel gegen Fundamentalismus

01.01.2016
Religion «abschaffen» oder zumindest von der Politik fernhalten: Das sehen manche als Mittel gegen religiös motivierte Gewalt. Das sei gar nicht möglich, sagen die Theologen Hans Weder und Arnd Bünker.

Im Namen Gottes tötet der Mensch. Er missbraucht Macht, diskriminiert, terrorisiert, führt Krieg und zwar seit dem Beginn der Geschichte. Nach tragischen Ereignissen häufen sich Stimmen in der öffentlichen Diskussion mit der sinngemässen Meinung: Die Religion ist der Grund für das Übel.

Gesamtsituation betrachten

«Ich halte das für Quatsch», sagt Arnd Bünker, Doktor der katholischen Theologie, Sozialpädagoge und Leiter des Schweizerischen Pastoralsoziologischen Instituts (SPI) in St. Gallen. Ihm ist es wichtig, wegzukommen von der Frage, ob Religion Gewalt verursacht: «Gewalt entsteht immer in einer Gesamtsituation mit sozialen, kulturellen und politischen Spannungen, die sich entladen.»

Bünker kann Ohnmachtsgefühle bei vielen Menschen nachvollziehen, insbesondere im Nahen und Mittleren Osten oder in Afrika. Fehlende Wertschätzung von Kulturen und Gesellschaften, Einmischung und Unterdrückung durch fremde Mächte und teils systematische Zerstörungen demokratischer Aufbrüche hätten dazu geführt.

«Hier kann Religion eine letzte Ressource sein, auf die sich manche Menschen beziehen. So geben sie ihrem Handeln eine Grundlage», sagt Arnd Bünker. Das könne dann explosiv werden. Denn das Handeln werde nicht mehr von zivilgesellschaftlichen und staatlichen Strukturen gebändigt weil diese fehlen. Begünstigt sieht Bünker diesen Ablauf durch einen wichtigen Aspekt: «Religion lässt sich eben nicht so leicht zerstören wie etwa demokratische Strukturen.»

Unterschiede sehen
Hans Weder, ehemaliger Rektor der Uni Zürich und Professor für Neutestamentliche Wissenschaft, sieht aber auch Unterschiede zwischen Islam und Christentum: Im Koran werde zur Tötung von Ungläubigen aufgerufen, während die christliche Religion jede Anwendung von Gewalt verurteile: «Wenn Vertreter des Christentums Gewalt anwendeten, mussten sie sich irgendwie rechtfertigen im Unterschied zum Islam, wo sich jene rechtfertigen müssen, die dem Tötungsgebot nicht folgen wollen.»

Wahr sei natürlich, dass das Christentum Menschen nicht immer davon abhalten konnte, Gewalt anzuwenden. Doch die Frage sei schliesslich nicht, ob man Religion abschaffen soll: «Vielmehr ist die Frage, wie der Weg zu wahrhaftiger Religion gefunden werden kann gleichgültig aus welcher Tradition», sagt Hans Weder.

Grenzen verhandeln
Arnd Bünker sieht zudem ein Problem darin zu sagen: «Die Religion» töte. Es gebe mehrere hundert wissenschaftliche Definitionen von Religion, hält der Theologe fest: «Die Grenzen zwischen dem Religiösen und dem Säkularen sind nicht fest, sondern sehr dynamisch und müssen in der Gesellschaft ständig neu verhandelt werden.» Fundamental sei es, zu solchen Verhandlungen ein konstruktives Verhältnis zu finden: «Dann können gewalttätige Eskalationen verhindert werden», sagt Bünker.

Unter anderem aufgrund dieser Dynamik kommt die Politik gemäss dem SPI-Leiter nicht gänzlich ohne Religion aus. «Religionsgemeinschaften sind Teil der Zivilgesellschaft und agieren hier notwendigerweise auch politisch.» Der Einfluss sei aber eher begrenzt schliesslich gebe es innerhalb der Gemeinschaften verschiedene Meinungen und nicht «die» katholische, «die» evangelisch-reformierte oder «die» muslimische politische Linie.

Nicht nur Privatsache
Hans Weder bestreitet ebenfalls, dass der Glaube reine Privatsache sei. «Zwar betrifft er das unveräusserbare Innerste des Menschen, aber dieser personale Glaube hat erhebliche öffentliche Folgen.» Als Beispiele nennt Weder Treu und Glauben in der Wirtschaft, die Ethik des öffentlichen Lebens und die Bewahrung unseres Lebensraums vor Zerstörung. Ausserdem: «Der Glaube ist jederzeit bereit, sich öffentlich zu rechtfertigen und seine Wertsetzungen zu begründen», sagt der emeritierte Professor.

So sind für Hans Weder «kultivierte Religion» und «gepflegter Humanismus» auch Quellen für den Zusammenhalt unserer heutigen Gesellschaft und moderner Staaten. «Zuwendung zu den Schwachen, Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit aus innerstem Antrieb, das Tun des Guten: Das kann nicht hoheitlich durchgesetzt werden.» Von Staaten durchgesetzt werden könne «im besten Fall die Verhinderung des Bösen».

Religiöse Bildung fördern
Schliesslich stimmt Hans Weder einer kürzlich von der deutsch-belgischen Pfarrerin Lieve Van den Ameele geäusserten These zu, dass Säkularisierung die Verbreitung von Extremismus begünstige: «Die religiöse Verwahrlosung öffnet dem Missionieren mit extremen Ideen Tür und Tor», ist der Theologe überzeugt. Die Säkularisierung verhindere auch Denkanstösse, die von religiösen Symbolen ausgehen. Und gar als «Lebenslüge des Säkularismus» bezeichnet er die Ansicht, destruktive Kräfte seien nur in der Religion zu finden.

In Bezug auf die These Van den Ameeles spricht sich auch der Sozialpädagoge und Theologe Arnd Bünker vehement für das Thema Religion in Schulen aus: «Eine Schule, die das nicht aufgreift, hat ein Problem mit ihrem Bildungsauftrag.» Denn bei ungebildeten Menschen in diesem Bereich bestehe durchaus die Gefahr, anfälliger zu werden für fundamentalistische und radikale Strömungen.


Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».


Zum Bild: Trotz Kreuzzügen einst und Terrorismus heute: Religion ist auch ein Fundament unserer heutigen Gesellschaft.

Marius Schären / reformiert.info / 31. Dezember 2015


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