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Spiritualität

Auf den Spuren des Erweckungspfarrers David Spleiss

Im April vor zweihundert Jahren ging eine ­Erweckungsbewegung durch den Kanton, ausgehend vom Schaffhauser Theologen und Naturwissenschaftler David Spleiss (1786–1854). Der Gächlinger Pfarrer Ernst Gysel hat über David Spleiss geforscht. Denn die beiden ­verbindet einiges.

Am Sonntag, 23. April 1818, predigt David Spleiss, Pfarrer der reformierten Kirchgemeinde in Buch, mit dem Eindruck, dass eine besondere Kraft von ihm ausgehe. Er sagt zu seiner Frau Friedericke: «Jetzt hat’s dem Fass den Boden ausgeschlagen.»
Einige Tage später ruft man ihn in das Haus einer Nachbarin. Dort erwarten ihn dreissig Menschen aus dem Dorf. Sie berichten ihm, dass sie sich unwürdig fühlen vor Gott. Gleichzeitig hätten sie die Gnade und die Liebe Gottes erfahren und seien von einer unfassbaren Freude erfüllt.
Später kommen diese Kirchen­mitglieder zum Gebet zusammen, besuchen Gottesdienste und versuchen, ihren Glauben im Alltag umzusetzen. Einige im Dorf spotten über die «Erweckten». Doch die Erweckungsbewegung erfasst mehr und mehr Menschen aus dem ganzen Kanton und hält bis zu drei Jahre an.

Gründer der «Friedeck»
«Das führte zu einer Belebung der Schaffhauser Kirche. Noch dreissig Jahre später gab ein beträchtlicher Teil der Pfarrer im Kanton das Evangelium auf besonders lebendige Art und Weise weiter», sagt Ernst Gysel, Pfarrer im Ruhestand.  
Ernst und Verena Gysel, Eltern von acht erwachsenen Kindern, leben seit 1985 in Frauenfeld. Hier wirkte der Familienvater 25 Jahre lang als Stadtpfarrer. Zuvor war er zwölfeinhalb Jahre Gemeindepfarrer in Gächlingen. Und stammt genau wie David Spleiss aus einem alten Schaffhauser Geschlecht. Herkunft und Beruf sind jedoch nicht die einzigen Parallelen zwischen Ernst Gysel und dem charismatischen Gottesmann aus dem 19. Jahrhundert. «David Spleiss beeindruckt mich seit meiner Kindheit, wir haben sogar familiäre Verbindungen», sagt Pfarrer Gysel. Heute schreibt er an einem Buch über diesen Mann, das im Laufe des Jahres erscheinen wird.

Ernst Gysel erzählt, wie sich Spleiss verwaister Kinder annahm, nachdem im Jahr 1817 die letzte gros­se Hungersnot im Bodenseeraum geherrscht hatte. In diesem Sommer schneite es in Indonesien bis in den Sommer hinein, und die Frucht ver­rottete auf den Feldern. Grund war ein weltweiter Klimawandel, der von einem Vulkanausbruch in Indonesien ausgelöst wurde. Viele Menschen starben und hinterliessen Waisen. «Anfangs brachte Spleiss einige Kinder in christlichen Familien seiner Gemeinde unter.

Durch den Grossvater verbunden
Als das Elend zunahm, stellte das kinderlose Pfarrerehepaar die Hälfte seines Pfarrhauses als «Rettungsherberge» zur Verfügung. Schon nach wenigen Jahren war die Herberge zu klein. So begannen Spleiss und seine Gemeindemitglieder im Sommer 1840 mit dem Bau eines neuen Hauses, das sie 1841 als «Anstalt zum Friedeck» einweihten». Hier schlägt Ernst Gysel den Bogen zu seinem Grossvater Ernst Schnyder, der Pfarrer war in der Schaffhauser Stadtgemeinde St. Johann und über dreissig Jahre als Kirchenratspräsident der Schaffhauser Kirche amtete. «Mein Grossvater war jahrelang Präsident des Friedeckvereins.»

Ein Mann des Glaubens
Gysel bezeichnet Spleiss als «ein Mann des Glaubens, der in einer sehr authentischen, lebendigen Art seinen Glauben gelebt und dadurch einen erstaunlichen geistlichen Aufbruch bewirkt hat». Er beschreibt ihn als Suchenden, der als junger Mann durch viele schwierige Phasen und Kämpfe ging, in einer Zeit, die geprägt war durch die Nachwirkung einer ausgeprägten Orthodoxie und der beginnenden Aufklärung. «Spleiss verlor seinen Kinderglauben, aber seinen Durst nach Wahrheit und Erkenntnis behielt er», sagt Gysel.
Dieser Durst wurde durch ein Schlüsselerlebnis gestillt, das Spleiss in seinem Nachlass schildert. «Bei einer Wanderung durchs Toggenburg bleibt er vor einem hohen, auf einem Hügel stehenden Kreuz stehen. Plötzlich offenbart sich ihm, was er lange gesucht hatte: Wahrheit und die Liebe in der Person von Jesus. Durch diese Erfahrung ist der Glaube für David Spleiss Realität geworden», erzählt Gysel.
David Spleiss war Pfarrer aus Überzeugung. Gleichzeitig war er Naturwissenschafter und lehrte Mathematik und Physik. «Er vertrat die Ansicht, dass Natur und Glaube aus derselben Quelle stammen. Er brachte in seinen Predigten viele Beispiele aus der Natur, um die geistlichen Zu­sammenhänge zu illustrieren», sagt Ernst Gysel. «Spleiss hatte die Vision einer erneuerten Erde, die im Frieden ­Gottes lebt», sagt Gysel. «Er hat daraufhingearbeitet und intensiv die Zusammenarbeit mit Kollegen und Mitarbeitern gesucht.»
Bei aller Leidenschaft blieb Spleiss besonnen und bodenständig. So wollte er nie eine eigene Gemeinschaft gründen und hielt sich an die landeskirchliche Ordnung. Im Jahr 1841 wurde er zum Gesamtleiter der Schaffhauser Kirche und ein Jahr später zum Dekan der Geistlichkeit des Kantons berufen.

22.3.18/ Adriana Schneider

Lebendiger Glaube bringt Originale hervor

Ernst Gysel über sein Buch zu David Spleiss

Die Geschichte von David Spleiss liess mich nicht mehr los. Ich erkannte, dass die Erweckungsbewegung, die durch Spleiss ausgelöst worden ist, ein bedeutender Teil der Schaffhauser Kirchengeschichte ist.
So vertiefte ich mich in die Literatur über David Spleiss und sichtete den noch vorhandenen Nachlass. Mit dem Buch möchte ich das geistliche Erbe von Spleiss einer heutigen Generation zugänglich machen. Spleiss ist eine grosse Ermutigung, leben wir doch in einer ähnlichen Zeit, in der wir spüren, dass in den Kirchen neues Leben aufbrechen will.
Was mich bei Spleiss besonders beeindruckt: Er war nicht charismatisch abgehoben, sondern ein ganz nor­maler Pfarrer. Ganz und gar echt. Er lebte seinen Glauben mit Leib und Seele. Er freute sich an den guten Gaben der Schöpfung und entdeckte in der Natur die Handschrift Gottes. Spleiss hat mit der Originalität und Echtheit seines Wesens viele seiner Zeitgenossen inspiriert. Sein Beispiel zeigt, dass lebendiger Glaube Originale hervorbringt, keine Kopien. Spleiss regt uns an, als Menschen und als Christen die Originale zu werden, als die wir von Gott geschaffen wurden.