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Kirche

Evangelische Europas: erstes gemeinsames Friedenspapier

Zum Ende des 1. Weltkriegs vor hundert Jahren veröffentlicht die Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa GEKE erstmals ein Friedenspapier. Unter dem Titel «Gemeinsames Erinnern für die Zukunft» schlagen die Kirchen selbstkritische Töne an und warnen vor dem Nationalismus.

Am 11. September 1918 schwiegen die Waffen, der 1. Weltkrieg war zu Ende. Doch der Waffenstillstand habe keinen Frieden geschaffen, schreibt die GEKE. Denn der Krieg markierte das Ende der Weltordnung des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Multiethnische Grossreiche wie Österreich-Ungarn und das zaristische Russland existierten nicht mehr. Aus dem Zusammenbruch entstanden durch verschiedene Friedensschlüsse zwischen 1919 und 1923 neue Staaten in Osteuropa und im Baltikum. Mit dem Niedergang des Osmanischen Reichs, aus dem unter anderem die Türkei hervorging, haben sich zudem die Machtverhältnisse im Nahen Osten grundlegend geändert.

Neue Ungerechtigkeiten
Diese Neuordnung der Welt mit weitreichenden territorialen Veränderungen und Grenzziehungen habe «neue Ungerechtigkeiten» hervorgerufen, so die GEKE. Die Folgen seien in manchen Ländern bis heute gegenwärtig, auch wenn die weltpolitische Situation eine andere sei als vor hundert Jahren. «Die Nachkommen der so genannten Verlierer trauern durch Generationen hindurch um das verlorene kulturelle Erbe und Territorialverluste», heisst es im Friedenspapier. Während ein Teil der Sieger die Territorialgewinne als Status quo betrachteten und den durch den Sieg erworbenen nationalen Stolz als «kollektiven Identifikationspunkt» pflegten.

Durch die neuen Grenzziehungen seien nach dem Ersten Weltkrieg bis 1926 rund 9,5 Millionen Menschen innerhalb Europas zur Aus- und Umsiedlung gezwungen worden. Die Flüchtlingsbewegungen von heute versteht die GEKE ebenfalls als epochales Ereignis und fordert «eine gemeinsame europäische, an den Werten der Menschenrechts- und Flüchtlingskonventionen ausgerichtete Politik». Wer Migration verhindern wolle, müsse sich fragen, «wie unsere europäische Wirtschafts-, Handels- und Agrarpolitik die Migration nach Europa mitverursacht».

Einsatz für Demokratie
Selbstkritisch setzen sich die Kirchen mit der eigenen Schuld auseinander und fragen, wo sie 1914 die Begeisterung für den Krieg unkritisch geteilt oder gar unterstützt hätten. «Oft gehörten evangelische Theologen und Kirchen in diesen Jahren nicht zu den Verfechtern einer demokratischen Staatsform», erklärt die GEKE, und ruft die Kirchen dazu auf, sich für «Demokratie und Rechtsstaatlichkeit» einzusetzen.

Martin Hirzel, Beauftragter für Ökumene und Religionsgemeinschaften beim Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund war bei der Diskussion und Bearbeitung des Friedenspapiers an der GEKE-Vollversammlung in Basel dabei. Der Theologe versteht den Vorstoss als Absichtserklärung. Er sei ein Appell zum gemeinsamen Handeln und enthalte Fragen zum gemeinsamen Friedensengagement der Kirchen, aber auch etwa zur Migrationspolitik, die man miteinander vertiefen wolle. «Die GEKE ist seit längerem auf dem Weg, sich vermehrt gesellschaftspolitisch zu äussern», sagt Hirzel.

Über Schuld nachdenken
Das Friedenspapier spiegle die Verschiedenheit der Kirchen wider. So sei etwa die Schuldfrage vor allem im Hinblick auf die Vergangenheit der deutschen Kirchen ein Thema, erklärt Hirzel. Die Evangelischen unterstützten die Mobilmachung im Kaiserreich auch als Pflicht gegenüber Gott. «Aber», betont Hirzel, «jede Kirche kann sich fragen, wie sie damals gehandelt hat. Es geht darum, innerhalb der Kirchengemeinschaft gemeinsam über Schuld nachzudenken.» Lange habe man den Grund für den Krieg nur bei den Deutschen gesehen, dabei seien auch andere Nationen kriegstreibend gewesen.

Das GEKE-Bekenntnis zur Stärkung der Demokratie und Minderheiten dürfte für die osteuropäischen Kirchen eine Herausforderung sein, etwa für die Reformierten in Ungarn, denen man ihre Nähe zur Regierung Viktor Orbáns vorwirft. Auch dieses strittige Thema wolle man innerhalb der GEKE diskutieren, sagt Martin Hirzel.

Positiv hebt das Friedenspapier «den Beginn der ökumenischen Bewegung in den Wirren dieser Zeit» hervor. Sie habe sich dem Einsatz für den Frieden verschrieben und erkannt, dass die christliche Botschaft die Aufgabe habe, den Nationalismus zu überwinden. Heute strebten die politischen Kräfte wieder auseinander, warnt die GEKE. Die evangelischen Kirchen wollten sich da für das friedliche Zusammenleben in einem gemeinsamen Europa einsetzen.

Karin Müller, kirchenbote-online, 9. November 2018

Friedenspapier «Miteinander für Europa»