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Kirche

500 Jahre Reformation

Die DNA der Schweizer Reformation

24.03.2022
Vor 500 Jahren assen Schweizer Reformierte Wurst und Spanferkel. Das, was im Deutschen Reich mit Luthers Thesen startete, begann hier mit dem Bruch der Fastengesetze. Kirchenhistoriker Peter Opitz erklärt die Bedeutung des Fleischessens für die Reformation in der Schweiz.

Herr Opitz, vor 500 Jahren führten in Zürich eine Wurst und in Basel ein Spanferkel zur Reformation. Warum spielte das Essen für die Reformatoren in der Schweiz eine so grosse Rolle?
Das Fastenbrechen lag ja nahe. Die Reformatoren wollten demonstrieren, dass die Kirche bestimmte Gesetze und Gebote den Menschen auferlegt hat, die sich von der Bibel her nicht rechtfertigen liessen. Zwingli hatte 1522 schon drei Jahre gepredigt und den Zürchern den Unterschied zwischen göttlichem und menschlichem Gesetz eingebläut. Die kirchlichen Fastengesetze, die mit Strafen sanktioniert wurden, gehörten für ihn klar zu den menschlichen. Das Wurstessen bot eine gute Gelegenheit, das Fastengesetz zu brechen. Ebenso hätte Zwingli nicht an einer Prozession teilnehmen können, aber dies wäre kaum aufgefallen.

Das Brechen des Fastengebots fand in fröhlicher Gesellschaft statt, nicht in der Gelehrtenrunde. Ist das bezeichnend für die Schweizer Reformation?
Die Reformationsbewegungen in der Schweiz waren Gemeindereformationen, welche die Zünfte vorangetrieben hatten. Es gab keine Landesfürsten, die darüber entschieden, ob man zum neuen Glauben übertrat. Das ist eine Eigenart der Schweizer Reformation, die im gemeinsamen Essen zum Ausdruck kommt.

In Deutschland begann die Reformation als Diskussion unter Gelehrten und Theologen. Luther schlug seine Thesen an die Kirchentüre in Wittenberg, damit man darüber disputieren konnte. War dies in der Schweiz auch so?
Ja, im Januar 1523 fand die erste Zürcher Disputation statt, an der Zwingli seine Thesen präsentierte. Auch diese war etwas Besonderes, da sie keine akademische und innerkirchliche war, sondern eine öffentliche. Sie fand zudem auf Deutsch statt, in der Sprache des Volkes. Jeder und jede konnte dabei sein und mitreden. Auch hier war es eine Reformation der Gemeinde.

Ist dieser Aufbau auf der Gemeinde charakteristisch für die Schweizer Reformation?
So ist es. Der Gemeindebezug ist Teil der DNA der Schweizer Reformation. Dieser Ansatz findet sich schon vor der Reformation. Die Eidgenossenschaft war vorrepublikanisch organisiert, sie war einer der wenigen Orte in Europa, der nicht von Fürsten oder Königen regiert wurde. Es gab in der Schweiz keine Blaublütigen. Dieser Aspekt wurde durch die Reformation verstärkt, mit der biblischen Begründung, dass man eine Gemeinde von unten nach oben organisieren sollte. Und nicht von oben nach unten wie in der hierarchischen katholischen Kirche.

War dies einer der Gründe, dass die Eidgenossenschaft nicht in die Religionswirren des Dreissigjährigen Krieges gezogen wurde?
Die Eidgenossenschaft war auch konfessionell gespalten. Sie wurde nicht in diesen Krieg hineingezogen, weil man an dem politischen Bündnis festhielt. Katholiken und Reformierte haben sich zudem gegenseitig neutralisiert, indem sie sich zurückgehalten haben. In Europa war dies eine Pionierleistung, die den religiösen Frieden sicherte.

Wäre das gemeinsame Essen eine Möglichkeit für die Kirchgemeinden, vermehrt auf die Menschen zuzugehen?
Das geschieht schon, sei es für Bedürftige, beim Gemeindeessen, bei Suppentagen oder beim Kirchenapéro und beim Kirchenkaffee. Es ist gut, wenn wir diese Tradition weiterpflegen. Ändern könnte man das Abendmahl.

Inwiefern?
Typisch reformiert ist, dass man das Abendmahl in der Gemeinschaft einnimmt und nicht wie in der katholischen Kirche, wo der Priester jedem Einzelnen die Oblate reicht. Deshalb sollte man das Abendmahl nicht als wandelndes Abendmahl feiern, das Wandelnde drückt das Gemeinschaftliche nicht aus. Man sollte als Gruppe nach vorne kommen und das Abendmahl im Kreis einnehmen.

Das Wurst- und das Spanferkelessen in Zürich und Basel waren ein Tabubruch, um auf den richtigen Glauben in der Gesellschaft hinzuweisen. Braucht es heute einen solchen Tabubruch der Kirchen?
Nein. Die Kirche sollte jedoch klarer sagen, wofür sie einsteht. Ob man das als Tabubruch bezeichnen will, weiss ich nicht.

Die Kirche sollte ihren Auftrag klarer machen?
Wir haben den Auftrag, das Evangelium zu bezeugen, dazu zu stehen, was wir glauben, und aus diesem Glauben heraus zu handeln. Die Kirche sollte sozial handeln und nicht darauf achten, ob sie politisch aneckt. Wir sollten uns klarer an der Botschaft orientieren und die Botschaft auch deutlicher verkünden, unabhängig davon, ob diese ankommt oder nicht.

So, wie es die Reformatoren gemacht haben?
Ja.

Interview: Tilmann Zuber, kirchenbote-online

Peter Opitz ist Professor für Kirchengeschichte am Institut für Schweizerische Reformationsgeschichte der Universität Zürich. Er ist ein Kenner der Schweizer Reformation.