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Kirche

Der neue Pfarrer zwischen Excel und Smartspider

Wie finden Pfarrwahlkommissionen die geeignete Kandidatin? Ein neuer Bewertungsbogen namens STEP* aus der Pfarrausbildung soll helfen, die richtige Person zu finden. Wie praxistauglich ist das Instrument? Christoph Grupp, Präsident der Kirchgemeinde Biel, hat STEP angeschaut.

Herr Grupp, wie gehen Sie vor, wenn Sie eine Stelle besetzen?
Wir stellen jeweils eine Ad-hoc-Pfarrwahlkommission zusammen. Das sind vier bis fünf Leute inklusive Behördenvertretung. Wir beraten dann das Stellenprofil. Wir sind mit 13‘000 Mitgliedern und über 40 Angestellten eine grosse Kirchgemeinde und haben keine Allround-Pfarrämter. Unsere Pfarrpersonen haben alle spezifische Aufgaben.

Arbeiten Sie mit visuellen Instrumenten, beispielsweise Smartspider?
Nein. Ich führe eine Excel-Tabelle, in der ich die Bewerber nach bestimmten Kriterien mit Zahlenwerten von null bis drei gewichte. Zum Beispiel bei der Ausbildung, der Erfahrung sowie bei Kriterien wie Teamfähigkeit, Offenheit, Verfügbarkeit oder theologischer Ausrichtung.

Dann wäre der Smartspider von STEP sinnvoll?
Ich bin mir nicht sicher. Zum einen finde ich, dass viele der STEP-Kompetenzen sowieso gegeben sein sollten, wenn jemand ordiniert ist, zum Beispiel «Auftritt und Repräsentation» oder auch «Ziel- und Ergebnisorientierung». Diese erachte ich als selbstverständlich.

Und zum anderen?
Der Smartspider von STEP zeigt zwölf Kompetenzen des Pfarrberufs, die man mit Zahlen von eins bis sieben bewerten kann. Das ist zu allgemein und auch zu theoretisch, man kann die Kompetenzen während eines Bewerbungsgesprächs nicht so detailliert abfragen. Das Konzept kommt zudem sehr von der Pfarrausbildung her; man analysiert, was ein Pfarrer theoretisch können sollte. Was sich aber die Kirchgemeinde wünscht, fliesst nicht ein. Der Fokus ist auf dem Input, aber nicht auf dem «Outcome».

Dann müsste man STEP entsprechend mit «Outcome»-Kriterien ergänzen.
Ja, aber es lohnt sich nicht, ein System zu ergänzen, bei dem nur die Hälfte der Kriterien vorhanden ist. Dann bleibe ich lieber bei unserem System. Übrigens fehlt bei der Anleitung im Buch zu STEP ein wichtiger Schritt im Bewerbungsverfahren.

Welcher?
Der Gottesdienstbesuch. Im Buch wird nur von Bewerbungsdossier und -gespräch gesprochen. Dabei ist der Gottesdienstbesuch matchentscheidend. Dann sieht man, wie verwurzelt die Bewerberin in der Gemeinde und wie berührend die Predigt ist sowie wie reibungslos der Gottesdienst verläuft. Das ist bei allen Stellenprofilen aussagekräftig, auch wenn jemand gar keine Gottesdienste feiern muss.

Konkret sucht die Kirchgemeinde Biel per Inserat gerade eine Pfarrperson.
Wir suchen jemanden mit dem Schwerpunkt Gottesdienst und Kasualien. Von daher wäre die einzige spezifisch für uns relevante STEP-Kompetenz die «Hermeneutische Reflexion». Aber die gewünschte Person soll auch etwas von Kunst und Kultur verstehen. Diese Eigenschaft ist bei den STEP-Kompetenzen nicht abgebildet, ich müsste STEP entsprechend ergänzen. Ähnlich ist es, wenn ich jemanden mit Schwerpunkt Beerdigungen suche: Auch dieser ist bei den STEP-Kompetenzen nicht sichtbar.

Was sind denn aus Ihrer Sicht die Stärken von STEP?
Gut ist, dass man eine zahlenbasierte Gewichtung bestimmter Kompetenzen anstrebt. So kann man tatsächlich zwischen verschiedenen Bewerbern vergleichen. Allerdings würden vier bis fünf Kompetenzen genügen.

Idealerweise kommt ja dann eine Bewerberin schon mit einem solchen STEP-Smartspider ins Bewerbungsgespräch.
Ja, aber dann müsste sich dieses System wirklich durchsetzen. Das kann ich mir aber nicht vorstellen. Jede Pfarrperson wird sich wieder anders bewerben, und vor allem kleine Kirchgemeinden haben kaum Zeit für komplexe Instrumente wie STEP. Zudem: Selbst wenn ein Bewerber bei allen zwölf Kompetenzen gut abschneidet, heisst das noch immer nicht, dass er im Alltag besteht.

Sie stellen schon seit längerem Bewerber in der Kirchgemeinde Biel ein. Wie beurteilen Sie generell Hilfsmittel wie STEP?
Ich bin eher skeptisch. Die grösste Stärke liegt in einem Ansatz, der qualitative und quantitative Elemente vereinigt. Also Zahlen als Unterstützung, aber am Schluss entscheidet doch oft das Bauchgefühl, ob jemand geeignet ist, sowie Chemie und Ausstrahlung.

* STEP heisst «Standortbestimmung im entwicklungsorientierten Pfarrprofil». Das STEP-Instrument kann ab 4. Juli hier heruntergeladen werden: bildungkirche.ch/step

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».

Matthias Böhni / ref.ch / 30. Juni 2016

Das STEP-Modell

Das STEP-Modell stammt aus dem neuen Buch «Perspektiven für das Pfarramt – Theologische Reflexionen und praktische Impulse zu Veränderungen in Berufsbild und Ausbildung», herausgegeben von Thomas Schaufelberger und Juliane Hartmann (TVZ-Verlag Zürich). Darin wird das «Kompetenzstrukturmodell mit zwölf Standards für das evangelisch-reformierte Pfarramt» vorgestellt, das die Trägerorganisation (Konkordat) der Deutschschweizer Arbeitsstelle für die Aus- und Weiterbildung (A+W) in Kraft gesetzt hat.

STEP dient dabei der Eigen- und Fremdbeurteilung von Personen und Teams und liefert neben einem Smartspider zahlreiche Diagramme. Es kann gemäss Verfasser als Einschätzungsbogen für Pfarrwahlkommissionen verwendet werden. Das Buch «Perspektiven für das Pfarramt» erscheint Anfangs Juli. Am 4. Juli finden dazu ein Impulstag und die Buchvernissage in Zürich statt.

Christoph Grupp, 47
Christoph Grupp ist Präsident der reformierten Kirchgemeinde Biel. Der Inhaber einer PR-Agentur hat Biologie und Journalismus studiert, ist Erwachsenenbildner und hat sich ausführlich mit Curricula-Beurteilung beschäftigt. 2010 haben die Bieler Kirchgemeinden zu einer einzigen fusioniert. Damals wurden sämtliche Stellen neu ausgeschrieben. Seitdem hat man 15 Personen neu eingestellt.